Das radikale Eck

Tu felix Austria. Wer meint, ich sei radikal, im negativ konnotierten Sinn der bürgerlichen Gesellschaft, der hat noch nie wirklich radikale Personen gesehen. Ich bin bzw. wir beim VGT sind politisch pragmatisch und kompromissorientiert, wir versuchen das System zu reformieren, anstatt es zu bekämpfen oder völlig zu verwerfen, wir stehen zu den freiheitlichen Grundrechten und zum Rechtsstaat. Und dennoch gibt es im politischen Bereich sehr viele Einzelpersonen, die mich als „zu radikal“ sehen oder bezeichnen, um mich z.B. an der Uni Wien öffentlich reden zu lassen, oder um zusammen mit meinem Namen auf einer Petition zu stehen oder um mich in gewissen Foren bzw. Fernseh- oder Radiosendungen auftreten zu lassen, wie ich so höre.

Dabei hat radikal zu Unrecht einen negativen Klang. Das Problem an den Wurzeln zu packen, worauf sich der Begriff bezieht, ist wohl besser als Symptombehandlung. Aber mit radikal sind in diesem Zusammenhang auch Aktionen gemeint, also Besetzungen, offene Befreiungen und andere widerrechtliche Tathandlungen des zivilen Ungehorsams, wie ich sie in meinem Buch „Widerstand in der Demokratie“ beschrieben habe. Doch diese sind – und das fällt bravbürgerlichen Personen offenbar schwer zu glauben – einfach notwendig, um in der Politik Änderungen zu erreichen.

Ein Wissenschaftler hat mir einmal nahegelegt, statt Aktionismus einfach ein fundiertes Argument gegen Tierversuche ans Wissenschaftsministerium zu schicken. Selten so gelacht. Habe ich natürlich schon getan, aber aller Wahrscheinlichkeit nach landet dieses Papier ungelesen im Mistkübel. Warum sollte das Ministerium oder irgendeine politisch verantwortliche Institution auf gute, rationale Argumente hören? Das wäre nur so, wenn man dort tatsächlich idealistisch motiviert wäre, die Gesellschaft oder den Umgang mit Tieren zu verbessern. Ist man aber nicht. Wir leben in einer Zeit, in der der Lobbyismus das Sagen hat, und zwar ungebremst. Ich sage das nach Jahrzehnten Erfahrung im politischen Dialog. Es regiert die Wirtschaft, ihr Interessen stehen immer und überall im Vordergrund, praktisch egal welche Farbe die jeweilige Regierung hat.

Für eine Systemänderung ist daher ein Wirbel nötig, es muss einen Konflikt geben. Wir in der Zivilgesellschaft müssen mehr Druck machen, als die smarten WirtschaftslobbyistInnen in ihren Designeranzügen an Drohungen zustande bringen. Umso radikaler und lauter die Aktion, desto mehr Druck produziert sie. Bis zum Tipping Point, siehe Bild ganz oben, ab dem eine weitere Radikalisierung die Bevölkerung gegen dich aufbringt und kontraproduktiv wird.

Wo sich dieser Tipping Point befindet, das ist durch die Stimmung in der Bevölkerung, durch das Image der AktivistInnen und durch die Breite der Zustimmung zur Forderung gegeben. Und genau deshalb versuchen unsere politische GegnerInnen mich als radikal zu verunglimpfen oder gar zu kriminalisieren. Je besser ihnen das gelingt, desto weiter bewegt sich der Tipping Point nach links zu weniger radikalen Aktionen, und desto ineffektiver werden die Aktionsmöglichkeiten. Der politische Gegner will uns im radikalen Eck.

Der Konflikt um ein radikales Image ist also ein wesentlicher Schauplatz des Konflikts um Verbesserungen im Tierschutz. Kein Wunder, dass von der Tierindustrie bis zur Jägerschaft ständig daran gearbeitet wird. Das ist also keine ehrliche Überzeugung, sondern taktisches Kalkül. Um es positiv zu formulieren: das ist ein Beweis, dass unser politischer Gegner unsere Kampagnen fürchtet.

4 thoughts on “Das radikale Eck

  1. Sebastian Ortner says:

    Das bedeutet, dass sich der Herr. Strache so viel rausnehmen kann an radikaler Ausländerfeindlichkeit, weil die Breite Masse in Österreich damit sympathisiert…erschreckend. Also bekommt am Ende doch jede Bevölkerung die Politiker, die es verdient…??? Sympathie ist halt dehnbar und „tippt“ dann auch wahrscheinlich in ganz andere Ecken des Spinnennetzes..Eine einmalige Zustimmung zu etwas bedeutet evtl. auch die Zustimmung zu etwas ganz anderem, weil man ja sich nicht wieder ganz von einer Sache abwenden will…Irgendwie sind so Grafiken nett, weil sie augenscheinlich etwas abbilden wo jeder zustimmt, irgendwie sind sie aber auch verführerisch um viele Faktoren auszublenden… Meistens halt bei Grafiken mit Strichi Strichi so…so ist sympathie ja auch etwas, das nicht über die Zeit hinweg stabil bleibt….

  2. Sebastian Ortner says:

    Danke

  3. Martin Balluch says:

    Lieber Sebastian,
    ich habe mich wohl schlecht ausgedrückt. Der „Tipping Point“ ist der Knick in der Kurve, und dieser Knick wandert nach links zu weniger Radikalität, wenn die Öffentlichkeit wenig sympathisiert, und zu mehr Radikalität, wenn die Öffentlichkeit mehr sympathisiert. Mit anderen Worten: wenn die Öffentlichkeit wenig mit dem Anliegen sympathisiert, dann ist sie schon bei wenig Radikalität im Auftreten der AktivistInnen gegen sie und die Effektivität geht gegen Null. Sympathisiert sie mehr, dann kann man sich mehr Radikalität leisten und dadurch viel mehr Druck ausüben, bevor die Zustimmung der Bevölkerung kippt.

  4. Sebastian Ortner says:

    Versteh die Grafik nicht bzw. ist da was vertauscht mit less / more sympathy??? mainstream hat doch sicher more sympathy???

    egal

    aber so herausgenommen würde das bedeuten das sympathische Personen weniger impact haben???
    das ist aber definitiv icht so. ich miene in der psycholgie ist es so, dass je mehr gefühlte Nähe zu einer Person erlebt werden, deto eher ist man geneigt Werthaltungen zu übernehmen…

    Das würde bedeuten das also Helene Fischer viel für Tierschutz tun kann, auch wenn sie sehr mainstream ist 😉

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