Das Wichtigste für eine erfolgreiche soziale Bewegung, ist ihren „Spirit“ zu erhalten

Beim letzten Fußballländerspiel von Österreich in der WM-Qualifikation im Wiener Praterstadion waren fast 60.000 Menschen anwesend. Eine ungeheuerlich große Zahl. Jedes Mal, wenn ich von so etwas höre, denke ich mir, was, wenn diese Menschen, ein einziges Mal statt zu einem Fußballspiel zu gehen, gemeinsam z.B. einen Schlachthof besetzen würden. Das würde doch sehr sehr große Wellen schlagen. Und dabei wäre es für diese vielen Personen aufgrund ihrer großen Zahl ziemlich ungefährlich. Die Polizei jedenfalls wäre überfordert. Oder die 60.000 Personen besetzen spontan das Landwirtschaftsministerium und fordern ein Ende von Tierfabriken.

Ich bin überzeugt, dass es 60.000 Menschen in Österreich gäbe, die gegen Tierfabriken sind und die auch grundsätzlich bereit wären, dafür einmal einen Nachmittag zu opfern. Warum, also, sind diese 60.000 Menschen zu so einer Aktion nicht zu bewegen? Weil sie alle sagen, sie würden nur kommen, wenn es auch wirklich einen Sinn hat, wenn also wirklich die anderen 59.999 erscheinen und die Botschaft an die Öffentlichkeit kommt. Mir geht es auch so. Ich bin z.B. gegen die Folterung dieses Bloggers in Saudi-Arabien und habe von der Demo vor der Botschaft dieses Landes gehört, ging aber nicht hin. Um nur einer von 10 Personen zu sein, war mir irgendwie die Zeit zu schade. Wäre ich 1 von 10.000 gewesen, wäre ich gekommen.

Das ist der „Spirit“, das Gefühl, dass die Revolution rollt, dass sich etwas tut, dass der eigene Einsatz auch wirklich etwas ändert. Das motiviert, das lässt einen den eigenen Aktivismus vor anderen Dingen priorisieren. An obigen Zahlen sehen wir: eigentlich steht und fällt der Erfolg von Kampagnen nur damit, wie gut sich ein solcher Spirit erzeugen lässt, wie sehr es gelingt, die Stimmung zu schaffen, dass wir jetzt und hier eine Änderung erreichen. Der Spirit ist also im Grunde genommen sogar wichtiger, als gute Argumente für eine Änderung. Letztere brauchen wir, um Menschen für die Sache zu gewinnen. Aber bei sehr vielen Tierschutzthemen haben wir schon satte Mehrheiten, es ist nur eine Frage, genügend öffentlichen Druck zu produzieren, um sie umzusetzen. Es fehlt dann also nur noch an Spirit, um die Überzeugung der Menschen in Taten und Systemänderungen zu verwandeln. Das gilt auch für Veganismus und Konsumboykott gegen tierausbeutende Firmen, weil viele Menschen zwar das Ziel teilen, aber nur nicht mittun, weil sie den Eindruck haben, dass zu wenige mitmachen, um damit etwas zu erreichen. Catch 22 heißt das auf Englisch, ein Teufelskreis: die einen Menschen machen nicht mit, weil sie glauben, die anderen würden nicht mittun, und diese anderen machen nicht mit, weil sie glauben, die einen würden nicht mittun, und so macht tatsächlich niemand mit und alles bleibt beim Alten.

Um diesen Spirit, also das Gefühl, es gemeinsam schon zu schaffen, ein Teil eines großen Ganzen zu sein, mitgerissen zu werden, zu erzeugen, helfen z.B. gemeinsame, pietätvolle Trauerkundgebungen, wie die „Tierrechte-Jetzt“-Aktionen, oder große und emotionale Demonstrationen, wie zuletzt der Marsch gegen Pelz in Wien oder die Jägerballdemo vor der Hofburg, natürlich auch der Tierrechtskongress, Vegane Sommerfeste oder erfolgreiche Animal Liberation Workshops. Gift für einen solchen Spirit ist Negativität, das Schlechtmachen von Erfolgen, das ständige Jammern darüber, wie schlecht die Welt doch ist und dass man darin nie etwas werde ändern können.

Kürzlich wurde verbreitet, dass in Israel bereits fast 5% der Menschen vegan und gut 8% vegetarisch leben, siehe http://www.timesofisrael.com/israelis-growing-hungry-for-vegan-diet/. Großartig, oder? Nein. Die Negativfraktion möchte das Bild zurechtrücken: Israel besetzt palästinensische Gebiete, Freiheit könne es nur für alle gemeinsam geben, und überhaupt sei der Fleischkonsum pro Kopf in Israel sehr hoch, höher jedenfalls als in den arabischen Nachbarstaaten, also kein Grund zur Freude, alles ist schlecht (und wird immer schlimmer). Ist den Menschen, die solche Botschaften verbreiten, eigentlich bewusst, wie schädlich das für jeden weiteren Fortschritt ist? Wenn wir nach Jahrzehnten der Bewusstseinsarbeit endlich erreichen, dass hunderttausende Menschen ihre Ernährungsgewohnheiten umstellen, dann soll das erst wieder alles nur sinnlos gewesen sein, weil es Leid und Unterdrückung auf anderen Ebenen gibt? Wer, bitte schön, könnte unter solchen Voraussetzungen noch die Motivation aufbringen, weiterhin Bewusstseinsarbeit zu leisten oder überhaupt vegan zu bleiben?

Meine Antwort dazu ist zweierlei. Erstens hängen verschiedene Unterdrückungsformen zwar grundsätzlich zusammen, aber in der Praxis sind das getrennte Phänomene. Eine Gesellschaft kann Hunde gut und Schweine schlecht behandeln, sie kann Käfige für Legehühner verbieten, für Kaninchen aber erlauben, usw. In der Praxis ist es daher völlig legitim, diese Bereiche zu trennen und sich auf einen kleinen Teilbereich zu fokussieren, um einen Fortschritt zu erzielen. Wenn wir das alle machen, fügen sich diese Fortschritte einmal zu einem großen Ganzen zusammen und wir sind der Befreiung ein gutes Stück näher gerückt.

Aber den Erfolg von Tierschutz- oder Veganismuskampagnen am Fleischverbrauch pro Kopf und Jahr festzumachen, ist auch völlig verfehlt. Als unsere Gesellschaft noch sehr ländlich-bäuerlich geprägt war, sprach noch niemand von Tierschutz, aber der Fleischkonsum pro Kopf war gering. Erst durch die Industrialisierung und Urbanisierung wurde ein hoher Fleischkonsum möglich, wie er heute vorherrscht. Aber gleichzeitig entstand dadurch der geistige Freiraum, die Tiernutzung und den Tiermissbrauch zu hinterfragen. Der Abstand zu jenen Tieren, die genutzt und konsumiert wurden, war dafür entscheidend. So konnte eine tierausbeutungsfreie, vegane Subkultur entstehen, die jetzt den Boden dafür bereitet, die gesamte Gesellschaft auf einen gewaltfreien Umgang mit Tieren umzustellen. Erst dann beginnt der Fleischkonsum pro Kopf und Jahr wieder zu sinken. Ein hoher Wert bei diesem Parameter ist also eigentlich nur ein Zeichen für die Industrialisierung einer Gesellschaft, sicherlich nicht ein Beweis dafür, dass es keine Tierschutzentwicklung gibt.

In diesem Sinne plädiere ich dafür, die Perspektive zu bewahren. Ist es nicht großartig, dass es überhaupt ein Wesen gibt, das von sich aus, völlig altruistisch, entscheidet, kein anderes Tier mehr für sich leiden lassen zu wollen? Ist es nicht ein Wunder, dass sich diese Haltung bereits so weit verbreitet hat, dass in Israel – und auch in Österreich – so viele Menschen davon erfasst wurden? Ist das nicht schon ein ganz großartiger Erfolg der mühsamen Tierschutzarbeit der letzten Jahrzehnte? Nicht zu schweigen von den vielen Einschränkungen der Tiernutzung im Tierschutzgesetz, die wir bereits erreicht haben! Das kann man doch nur positiv sehen, auch wenn viel zu tun bleibt. Also lassen wir uns nicht beirren! Wir sind auf einem guten Weg, wir haben auf breiter Ebene Erfolg! Freuen wir uns darüber und fühlen wir uns bestätigt, jetzt nicht nachzulassen, sondern uns doppelt und dreifach einzusetzen, damit es immer schneller so weitergeht und noch besser wird. Wir können diese Welt verändern, das haben wir bewiesen. Also gehen wir es an!

3 thoughts on “Das Wichtigste für eine erfolgreiche soziale Bewegung, ist ihren „Spirit“ zu erhalten

  1. Peter says:

    Ich möchte allen Tierschützern mal einen Tip geben: Denkt mal drüber nach wie es eigentlich den Menschen geht die diese Tiere schlachten oder transportieren müssen.

    Denkt einmal drüber nach das Leute am Arbeitsplatz schlimm und schlimmer behandelt werden, und Arbeitnehmer weniger definierte Rechte zB auf Auslauf haben als eine Henne von Zurück zum Ursprung. Schaut Euch mal ein Callcenter (zB in Graz) an wie Menschen dort jeden Tag in Hallen zusammengepfercht auf keinem ganzen Quadratmeter den ganzen Tag Telefonate abarbeiten mit der Hintergrundakustik von dutzenden anderen Telefonaten und der Stechuhr, dem Bossing durch die Vorgestzen, oder wie die Leute im Job selber aufeinander losgehen, wie Hennen bei der Bodenhaltung.

    Lest mal Bücher (Klassiker) über Schlachtbetriebe zB in Chicago dazumal. Glaubt Ihr das tut Menschen gut, die werden doch auch nur mit Alkohol oder Verrohung dadurch fertig.

    Und auch wenn Ihr das alle deppert findet, was ich hier schreibe: Eine Frage, die ich echt nicht kapier. Der Buddhist hebt die Ameise auf damit der nicht draufsteigt.

    Und wenn er einen Tempel baut (oder ich mein Haus, oder Du Du Tierschützer); was PASSIERT mit dem Maulwurf, der wird ja vielleicht auch lebendig eingemauert, oder der Ameisenbau total zerstört, der Käfer ertrinkt im frischen Beton.

    Seid nicht GEGEN was, seid FÜR was, dann habt ihr auch nicht soviel mit GEGENwind konfrontiert.

    FÜR glückliche Menschen.
    FÜR Menschen mit EIGENTUM
    FÜR MENSCHEN DENEN der Staat GEHÖRT

    Tierschutz. Was ist den das für ein Unsinn.
    Erzählt dass mal jemandem in Afrika, im Irak.

    Ich war letztes Mal vor kurzem (wegen der Kinder, die waren noch nie) im Zirkus.
    Wollt eh nicht.
    Hab eh gewusst warum.

    Ok. Bin froh, dass weniger von diesen Wildtieren da rumlaufen müssen. Aber die Pferde: aber die Kamele. Voll krank.

    Aber ok. Dann kommt die Nummer: 6 oder 7 Leute tanzen da auf Seilen und der gleichen auf über 15 Meter herum. OHNE Netz. KRANK!!! Sollen meine Kinder zuschauen wie da mal einer danebengreift? und runterkracht. 2 Wochen später ist irgendwo in Frankreich oder Spanien glaub ich, ein ganzer Trupp abgestürzt bei der Akrobatik, da ist das Gestänge und alles zusammengebrochen. Da haben die Menschen GESCHRIEEN vor Schmerz, alles vor Publikum, bis die Rettung kam.

    Das waren Menschen. Und die haben KEINEN eigenen Willen. Genauso wenig wie die Zwangsprostituierte die der Friedmann „gebraucht“ hat. Oder die verarmte Mutter, die der ehemalige Chef des IWF anal „überrascht“.

    so wird das nix. wirklich.

    Also nochmal meine Frage: es wird doch immer eine Ameise sterben wenn eine Straße oder ein Haus gebaut wird. Also wo ist die Grenze. Und auch wenn man kein Fleisch ist (was wahrscheinlich wirklich bis zu einem gewissen Grad vollschlau ist), man kriegt ja trotzdem Gummibärchen und Tabletten mit Rinder oder Schweinegelatine.

    Oder die ganzen Glaubensrichtungen, wollt Ihr denen auch ihr „Opfertier“ nehmen.
    Die werden dann sicher sauer.

    Schlimm ist für mich nicht, ein Stier der in Portugal gekillt wird, vor der Arena. (Ok dass er Wochen und Tage vorher geschlagen und misshandelt wird, dass er „heiß“ ist, das ist ja voll krank, aber das ist in der Arena jedem Publikum wurscht).

    SCHLIMM ist wenn die Polizei in Tirol um 5 in der Früh die Wohnung eines Tierschützers stürmt und ein 4-jähriges Kind mit einem Sondereinsatzkommando, Maschinenpistole, Vollausrüstung und brutaler Verhaftung des eigenen Vaters konfrontiert wird.

    Und warum passiert das alles und noch viel mehr? WEIL IHR und alle anderen nicht kapieren, dass der Staat uns gehört. Das die Geschichte von der sozialen Hängematte eine Geschichte ist. Ein Märchen.

    Aber solange Leute gegen „Sozialmissbrauch“ durch die nicht so reichen der Bevölkerung sind.

    Und das immer noch, auch wenn man Ihnen erklärt, da gehts vielleicht um viele viele Millionen Euro. ABER bei den Bankster, Kleider Bauers, Starbucks, Luxemburgs, Liechtensteins, Grassers, FPÖs, ÖVPs, SPÖs, manch Grünen, Stronachs geht es um Milliarden.

    EGAL. Hauptsache die Kleinen werden weiterdrangsaliert. Griechenland soll weiter bluten (auch wenn die Nazis samt deren Nationen dort gemördert und geplündert haben).

    Die soziale Hängematte für den Bekannten um die Ecke: Auf keinen Fall. Lieber arbeitet man im Schlächterhaus oder in der Fleischzerlegung im Akkord. Verdient ganz gut. Der Sohn wird dabei Skin, Hooligan, Leuten-die-Kunststoffjacke-anzünder. Egal

    Hauptsache: Lasst die Leute nicht zur Ruh kommen. Und am geilsten sind die kleinen und mittelkleinen (sozial gemeint) Leute ganz unten die dafür Sorgen dass die kleinen und noch kleineren Männer/Frauen (und natürlich Kinder: in USA ab 7 voll verantwortlich) JA NICHT zur Ruh kommen. Fuck. Was soll das.

    So wird das nix.
    to be continued….

  2. Veronika says:

    Ich glaube das kommt nicht von ungefähr. Fußball spricht aggressive Leute an. Die sind eher bestrebt sich durchzusetzen – auch mit Gewalt. Sie leben ihre Instinkte aus. Gemeinschaft, Kampf. Fußballspiele gemeinsam ansehen – das sind Ersatzhandlungen. Deshalb enden sie auch oft in echter Gewalt. Ich bin sicher unter diesen Fans wird man kaum Vegetarier, oder gar Veganer finden.

    Übrigens gibt es ein Buch das Tierschützer unbedingt lesen sollten. Eigentlich nichts Neues, aber eher wenig beachtet. Aber da beim Kurier eine Rezension erschienen ist, wird die Nachfrage vielleicht steigen.

    James Fallon, „Der Psychopath in mir“ (Herbig Verlag). http://kurier.at/lebensart/leben/neues-buch-wie-ein-gehirnforscher-entdeckte-dass-er-selbst-das-hirn-eines-verbrechers-hat/116.090.553

    Er glaubt er sei eigentlich zwar physisch ein Psychopath, würde das aber nicht ausleben. Da er Neurologe ist, darf an seiner diesbezüglichen Theorie gezweifelt werden. Vermutlich klammert er Tierversuche aus – kein Wunder. Tierversuchsleiter – ein Beruf für Psychopathen. Aber auch Arbeiter und Bauern in Tierfabriken werden ähnlich gestrickt sein. Denn wer Mitleid hat, kann das gar nicht tun.

  3. Ja ich kann dir nur beipflichten lieber Martin. Es scheint sich wenig verändert zu haben, wenn man sich die Zahlen vor Augen führt wie viele Tiere jedes Jahr vorsätzlich, aus welchen Gründen auch immer, getötet werden. Aber wenn man das Bewusstsein der Menschen betrachtet dann hat sich unglaublich viel verändert.
    Als ich vor 25 Jahren beschlossen habe, kein Fleisch mehr zu essen war ich ziemlich alleine auf weiter Flur. Heute lerne ich immer mehr Menschen kennen, die denken wie ich und auch die Konsequenzen ziehen. Auch für mich wird der Tierschutz immer wichtiger. Mich hat diese Bewegung erfasst, und ich bewege mich auf die nächste Stufe vom Vegetarismus zum Veganismus und ich hoffe es werden noch viele folgen.

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