Die Ausbildung zum/r zivilcouragierten Bürger/in

Demokratie und Menschenrechte leben von der Partizipation aller. Sie müssen ständig verteidigt und gestärkt werden. Sie werden uns nicht geschenkt.

Kürzlich war ich wegen Tierschutzaktionen in Tschechien. Gesellschaftlich herrscht eine postkommunistische Stimmung: politische Partizipation wird abgelehnt, Folgsamkeit und Anpassung ohne Widerspruch werden erwartet, Aktionismus ist verdächtig und unbekannt.

Ich lese gerade die Biographien der österreichischen Naziverbrecher Franz Stangl und Amon Göth. Wer in der Kindheit nur Befehle zu befolgen lernt und Gewalt als legitimes Mittel zur Durchsetzung erfährt, setzt autoritären Entwicklungen nicht nur nichts entgegen, sondern wird auch ihr willfähriges Werkzeug. Wir brauchen BürgerInnen mit Zivilcourage und dem Willen, sich im Rahmen demokratiepolitisch legitimen (wenn auch illegalen) Aktionismus für die Ausgebeuteten und Schwachen zu engagieren.

Ich denke, alle BürgerInnen sollten irgendwann einmal bei einem Streik mitgemacht, z.B. im Rahmen des Studiums an der Uni, oder an einer großen Besetzungsaktion teilgenommen haben. Ich würde es begrüßen, empfände man Zivilen Ungehorsam, wie ich ihn in meinem Buch „Widerstand in der Demokratie“ beschrieben habe, für völlig normal. Wäre das bereits umgesetzt, dann gäbe es vermutlich längst keine Tierfabriken mehr.

Ein Grund jedenfalls, ständig und immer wieder Ausbildungsmöglichkeiten für aktionistischen Widerstand anzubieten. Die Aktionsakademie in Österreich wäre so etwas, oder unsere Animal Liberation Workshops. Die praktischen Erfahrungen geben wir bei Aktivismuscamps weiter, wie erst vor 2 Wochen eines im Waldviertel stattgefunden hat, siehe https://vgt.at/presse/news/2014/news20140924es.php. Dazu leben wir in Zelten von Donnerstag bis Sonntag zusammen und spielen Aktionsabläufe durch. Wer einmal die Rolle von PolizistInnen eingenommen hat, wird ihre Reaktion in der Realität danach viel besser verstehen. Auch sind Maßnahmen zur De-Eskalation essentiell, um die Aktionen konstruktiv zu halten und Gewalt zu verhindern. In den Schuhen eines Tierfabriksbesitzers oder einer Jägerin wirkt ein scheinbar harmloses Verhalten von AktivistInnen erstaunlich provokant. Eine wichtige Erfahrung.

Animal Liberation Workshops habe ich schon in vielen Ländern durchgeführt, darunter in Deutschland, Lettland, Litauen, der Slowakei, der Schweiz, Finnland, Estland und Ungarn. Letztes Wochenende wurde ich zu einem Aktivismuscamp nach Tschechien eingeladen, um einer Gruppe von 50 TierschützerInnen, die gerade im Entstehen ist, Starthilfe zu geben. Wie haben wir den VGT gegründet, wie sind seine Vereinsstrukturen, aber auch wie planen wir unsere Kampagnen und welche Methoden waren bisher erfolgreich, wurde thematisiert. Gute 50% der Zeit spielten wir dann, wie in Österreich, Aktionen durch, wobei wir die Rollen regelmäßig tauschten.

Auf lange Sicht bleiben wir hierzulande beim Status Quo stecken, wenn andere Länder im Tierschutz nicht mitziehen. Sind unsere Tierschutzgesetze zu weit vom EU-Standard entfernt, werden weitere Reformen immer schwieriger. Abgesehen davon brauchen wir tierfreundliche Nationen auf EU-Ebene, um die Mindestbestimmungen zu heben. Unser Pelzfarmverbot haben wir bereits exportiert, auch das Wildtierverbot im Zirkus wurde Vorbild für andere Staaten. Es ist daher sehr zu begrüßen, wenn nun ebenso Tierschutzvereine nach dem Muster des VGT in anderen Staaten entstehen und entsprechende Kampagnen Erfolg haben. Das ist die Basis dafür, dass auch wir bei uns die Geschwindigkeit des Reformprozesses im Tierschutz aufrecht erhalten können.

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