Der NÖ Bauernbund fordert: Staatsziel Selbstversorgung in Österreich

Selbstversorgung bedeutet, dass sämtliche Nahrungsmittel, die in Österreich konsumiert werden, auch in Österreich hergestellt werden. So ist man im Bereich des Rindfleisches mit 141 % und des Schweinefleisches mit 101 % (laut Statistik Austria) auf die Selbstversorgung stolz. Der ÖVP-Bauernbund will jetzt gerne, dass diese Art der Selbstversorgung als Staatsziel in der Verfassung festgeschrieben wird, sodass wir auf alle Zeiten Rind- und Schweinefleisch in Massen produzieren.

Aber halt, nicht so schnell. Für die Schweineproduktion in Österreich werden jährlich 600 Millionen kg (gentechnisch veränderter) Sojaschrot aus den Regenwaldgebieten Südamerikas importiert. Übrigens, um daraus zusammen mit den vielen hundert Millionen kg Mais gerade einmal 500 Millionen kg Schweinefleisch zu produzieren. Sehr vernünftig. Klingt nach zukunftsträchtigem Vorgehen!

Aber kann man von Selbstversorgung reden, wenn mehr Sojaschrot als Futtermittel importiert werden muss, als dann Schweinefleisch daraus entsteht? Müssten nicht für eine echte Selbstversorgung auch alle Futtermittel aus Österreich stammen? Schauen wir auf die Mais-Produktion. Laut Statistik Austria importieren wir jährlich 1,3 Millionen Tonnen Mais und verfüttern genauso viel an sogenannte Nutztiere. Direkt selbst essen wir nur 120.000 Tonnen. Also haben wir auch hier keine Selbstversorgung. Beim Hafer verfüttern wir 60.000 Tonnen und essen selbst direkt gerade einmal 16.000 Tonnen.

Ich fürchte, lieber Bauernbund, Selbstversorgung in der Tierproduktion ist eine unerreichbare Illusion, solange unser Konsum von Tieren so unglaublich hoch ist. Kein Wunder, würden alle Menschen der Erde so leben wie wir, bräuchten wir 3 erdähnliche Planeten, nur um das Tierfutter zu produzieren, das man dafür benötigt.

Also ich bin ganz für ein Staatsziel Selbstversorgung. Der erste Schritt in diese Richtung muss die drastische Einschränkung des Konsums von Tierprodukten sein. Und dann bauen wir die Landwirtschaft um.

Bei Zwiebeln, Spinat, Weizen, Erbsen, Karotten und Äpfeln haben wir eine Selbstversorgung, doch gerade bei Obst und Gemüse hapert es massiv: Marillen 48 %, Kirschen 75 %, Pfirsiche 11 %, Erdbeeren 35 %, sonstige Beeren 39 %, Melonen 2 %, und Bananen, Ananas, Orangen, Zitronen etc. produzieren wir gar nicht. Mit Pilzen 9 %, Karfiol 31 %, Paprika 32 %, Paradeiser 20 %, Rote Rüben 51 %, Spargel 49 % und Zucchini 34 % schauts auch nicht besser aus. Bei den Hülsenfrüchten ist der Selbstversorgungsgrad immerhin 77 %. Bei Reis sind es 0 % Selbstversorgung, bei Erdäpfeln 83 % und bei Getreide insgesamt 87 %. Ob der Bauernbund bei seiner Forderung auch an die veganen Nahrungsmittel gedacht hat, oder nur an Rind- und Schweinefleisch, wie in seiner Doppelaussendung per OTS angegeben?

Selbstversorgung ist ein hehres Ziel. Wenn wir es angehen wollen, dann müssen wir sehr viel mehr Obst und Gemüse anbauen. Da liegt der größte Engpass. Und den Tierkonsum müssten wir so rasch wie möglich aufgeben, weil da ist keine Selbstversorgung möglich.

3 thoughts on “Der NÖ Bauernbund fordert: Staatsziel Selbstversorgung in Österreich

  1. Hugo says:

    Das Thema ist spannend, deswegen noch eine 3te Anmerkung. Österreich hat wegen dem hohen Fleischkonsum ein Naturlandschaft-Defizit. Zwar sind noch 1%-2% des Landes Wildnis, aber wir importieren ein vielfaches mehr an Waldrodung. Leider aus Gebieten mit noch mehr Biodiversität und CO2 Speicher, als es Österreich hätte.
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    Wir benötigen zB 150% Kulturlandschaft, nicht nur 98%, wie es der Blick auf die Berge antäuscht. Dieses Naturlandschaft-Defizit ist ein sehr großes Problem. Immer mehr Menschen weltweit wollen so essen wie wir im Westen. Und das geht sich mathematisch nicht aus. Es kann nicht jedes Land der Welt, Futter importieren, ohne dass wir 2-3 neue Planeten Erde benötigen. Die Nutztiere in Europa alleine, benötigen mehr Land u Wasser als 1.2 Milliarden Menschen in Indien.
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    Die Erde kann sich nicht zu 150% Kulturlandschaft und -50% Naturlandschaft verwandeln, dem AMA Muster folgend. Biologen schätzen, dass wir zumindest 20%-30% Naturlandschaft für gesunde Öko-Services benötigen. Davon sind Österreich und der Westen heute weit entfernt.
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    Wir sind 2020 ökologisch am Limit und riskieren das Fundament unserer Gesellschaft und unserer Wirtschaft. Nur damit wir ungesunde Mengen an Fleisch konsumieren können. 2/3 weniger Fleisch und wir hätten viele dieser Probleme nicht. Schon die neuen Veggie Burger probiert?

  2. Hugo says:

    ..only about 27% of soy is officially certified as not being associated with deforestation or destruction of other natural habitats, but two-thirds of the soy imported comes from countries with high deforestation rates.
    https://www.theguardian.com/environment/2020/jul/16/a-fifth-of-brazilian-soy-in-europe-is-result-of-deforestation-amazon-jair-bolsonaro
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    Die Soja Jahresproduktion in Österreich liegt bei 120.000 Tonnen. Mehr als die Hälfte davon wandert in die Lebensmittelindustrie. Der Rest wird für Futtermittel verwendet oder geht in den Export. Der Bedarf an Soja ist aber weitaus größer. Österreich importiert rund 650.000 Tonnen Sojaschrot und Sojabohnen – hauptsächlich aus den USA, Brasilien und Argentinien. Der überwiegende Teil davon wird in der Tierfütterung gebraucht -als Eiweißlieferant. Großteils ist dieses Soja gentechnisch verändert. In Südamerika werden für Soja-Plantagen große Flächen an Regenwald gerodet.
    https://www.diepresse.com/4649296/der-aufstieg-der-sojabohne
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    Österreichische Schweine essen aber nicht nur GMO Futter, sie werden durch Inzucht genetisch manipuliert:
    https://de.wikipedia.org/wiki/Inzuchtdepression
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    The intensification of agriculture, and in particular of domestic livestock farming (animal husbandry), results in large numbers of genetically similar animals. These are often bred for higher production levels. As a result, domestic animals are being kept in close proximity to each other and often in less than ideal conditions. Such genetically homogenous host populations are more vulnerable to infection than genetically diverse populations, because the latter are more likely to include some individuals that better resist disease. Factory farming of pigs, for example, promoted transmission of swine flu due to a lack of physical distancing between the animals.
    https://wedocs.unep.org/bitstream/handle/20.500.11822/32316/ZP.pdf
    UN Report 2020: PREVENTING THE NEXT PANDEMIC
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    Anstatt „Selbstversorgung“ als falsches Marketing einzuführen, sollten wir die Konsumenten vielleicht besser informieren, wie das Status Quo wirklich aussieht. Wir sollten die Gefahr des Fleischkonsums minimieren, nicht mit gefährlichem Marketing maximieren.
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    Die EU hat deswegen theoretisch Gesetze gegen irreführendes Marketing. Warum darf so eine klare Konsumenten-Irreführung überhaupt diskutiert werden?
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    https://ec.europa.eu/food/safety/labelling_nutrition/claims_en
    The objective of those rules is to ensure that any claim made on a food’s labelling, presentation or advertising in the European Union is clear, accurate and based on scientific evidence. Food bearing claims that could mislead consumers are prohibited on the EU market.

  3. Hugo says:

    Sehr gute Zusammenfassung. Das Wort „selbstversorgend“ ist eine Farce, wenn Nutztierfutter nicht einberechnet wird.
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    Bezüglich Getreide wird übrigens mehr als die Hälfte (ca 60%) des heimisch angebauten, an die Tiere verfüttert. Getreide steht in Österreich für unser täglich Fleisch, nicht für unser täglich Brot. https://www.moderne-landwirtschaft.de/fressen-die-tiere-uns-das-getreide-weg

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