„Europa“: ein Plädoyer für Wildnis und gegen die invasive Nutzung der Natur

Tim Flannery ist Biologe und Paläobiologe aus Australien mit europhiler Neigung. Insider_innen ist er für seine spannenden, informativen und sehr bereichernden Bücher bekannt, wie zuletzt „Die Klimawende“ von 2015 oder eben jetzt „Europa. Die Ersten 100 Millionen Jahre“, erschienen im Insel Verlag.

Dieses Buch ist ein Höllenritt durch die 100 Millionen Jahre, seitdem man von dem Kontinent Europa sprechen kann. Anfänglich ein Archipel im Tethysmeer, mit Inseln wie Hateg, auf denen giraffengroße Vögel mit 3 m langem Schnabel die Gegend unsicher gemacht haben, entwickelt sich eine Landmasse, auf der vor 30 Millionen Jahren Tiere wie das „Höllenschwein“ gelebt haben, oder der Hoplitomeryx auf der mittlerweile versunkenen Mittelmeerinsel Gargano, ein Hirsch mit 5 Hörnern, eines davon zwischen den Augen.

Ja, und dann kamen die Menschenaffen. Der erste vor etwa 25 Millionen Jahren entwickelte sich noch in Afrika, doch schon Griphopithecus (Urahn der heutigen Großen Menschenaffen) entsteht vor 17 Millionen Jahren in Europa, Nacholapithecus (der letzte gemeinsame Vorfahre von den Großen Menschenaffen) vor 13 Millionen Jahren ebenfalls in Europa, Hispanopithecus (Vorfahre von Gorilla, Schimpanse und Mensch) vor 11 Millionen Jahren ebenfalls in Europa und Graecopithecius, der früheste Vorfahre der menschlichen Abstammungslinie, vor 7 Millionen Jahren ebenfalls in Europa.

Dann verschwinden die Menschenaffen wieder und es kommen die Eiszeiten. Bis Homo erectus aus Afrika vor 1,8 Millionen Jahren in Europa einwandert. Vor 800.000 Jahren etwa beginnen die Neandertaler in Europa als einzige Menschenaffen zu leben. Sie dürften sich hauptsächlich als Jäger_innen von der eiszeitlichen Megafauna ernährt haben. Deshalb war ihre Populationsdichte sehr gering. Und dann kam vor 38.000 Jahren der heutige Mensch nach Europa, Homo Sapiens, und ab da ging es nur noch bergab.

Lustig: Homo Sapiens hatte eine deutlich höhere Populationsdichte als der Neandertaler, weil er eine wesentlich mehr pflanzenbasierte Ernährung hatte. Wie wir wissen sinkt die Populationsdichte einer Tierart, je mehr sie nur von Fleisch lebt. Wölfe sind viel seltener als Braunbären, z.B., die ja mehrheitlich vegetarisch leben. Laut Flannery war es die höhere Populationsdichte, die es dem Homo Sapiens ermöglichte, in kürzester Zeit den Neandertaler auszurotten: nicht aber ohne sich vorher mit ihm zu paaren und einen Gutteil seiner Gene zu übernehmen. Bis heute sind 40 % der Gene der Neandertaler in den jetzt lebenden Menschen vorhanden.

Dennoch, und weniger lustig: mit Hilfe seiner Feuerstein-Pfeil- und -Speerspitzen rottete der Mensch systematisch alle Tierarten aus, von den größten zu immer kleineren. Zuerst starb der Waldelefant in Europa aus, dann das Waldnashorn, dann das Steppennashorn, das Wollnashorn, der Höhlenbär, die Höhlenhyäne, das Wollmammut, der Riesenhirsch, der Moschusochse (in Europa), die Saiga-Antilope (in Europa), Leopard, Löwe, Steinbock (fast), Auerochse, Wisent, Bison, Elch, Rentier usw. Das lässt sich, laut Flannery, gut beweisen, weil Klimaänderungen dafür nicht verantwortlich sein können, und weil überall dort Restpopulationen existierten, wo es noch keine Menschen gab, die dann sofort mit Erscheinen des Menschen erloschen. Hirsch, Reh, Wolf und Bär überlebten nur in marginaler Zahl in isolierten Orten. Lediglich die kleineren Tiere ab Fuchsgröße konnte der Mensch nicht ausrotten, obwohl er sich redlich bemühte, weil er ihrer nicht in ausreichender Zahl habhaft werden konnte.

Jetzt versteht man, warum der Wald heute, was größere Säugetierarten betrifft, so leer wirkt. In Nordamerika, mit einer viel geringeren Populationsdichte, gibt es immerhin noch den Schwarzbär und den Puma. Und in Afrika kann sieht man auf einer Safari mit Leichtigkeit jeden Tag zahllose große Tiere, vom Elefanten über die Giraffen bis zu den Löwen. Ich brauche es nicht dazu erwähnen: Hirsch und Reh hat der Mensch sich extra für die Jagd gezüchtet, weshalb sie überleben durften. Aber alles andere musste gehen. Und nun sterben die Vogelarten und die Insekten rasant aus.

Doch es gibt Licht am Horizont. Zuletzt entwirft Flannery eine Utopie, die mich sehr beeindruckt. Er lädt uns zu einer Zeitreise 280 Jahre in die Zukunft ein. Die Menschen in Europa sind vernünftig geworden. Sie haben sich nicht weiter vermehrt und sind auf eine pflanzenbasierte Ernährung umgeschwenkt. Die meisten Menschen leben in Megastädten, umgeben von groß angelegten Treibhäusern, in denen sie ihre Nahrung ganzjährig anbauen. Doch zwischen diesen Megastädten herrscht die Wildnis und der Urwald. Keine Nutzung, weder forstlich noch landwirtschaftlich. Anfänglich, so entwirft Flannery die zukünftige Entwicklung, habe man noch große Nationalparks angelegt, in denen wieder eine Megafauna mit Waldelefant und Waldnashorn, Löwe, Leopard, Hyäne, Auerochse, Bison, Riesenhirsch usw. leben konnte. Dann, schließlich, wurden diese Nationalparks zusammengeschlossen und nahmen letztlich praktisch die gesamte Fläche ein. Menschen, die sich dieser Naturwelt ohne Waffen und invasiver Nutzung aussetzen wollen, leben im Urwald und den von der Steppenfauna geöffneten Wiesen. Der Rest der Menschheit in den Metropolen, die unterirdisch miteinander verbunden sind.

Europa hätte damit, so Flannery, die Zukunftsvision für die Menschheit entwickelt und die Verantwortung für die Erhaltung der Tierarten und der wilden Natur übernommen, um Afrika und Asien zu entlasten.

Wow, kann ich nur sagen. Wenn sich die Menschheit in diese Richtung entwickeln würde, dann könnte ich sie wieder lieb gewinnen. Ich wäre der erste, der sich um einen Platz im Urwald anstellen würde!

Flannery endet mit den Worten: „Hoffen wir, dass die heutige Generation eine Geburtshelferin mit Weitblick ist!“

Dem ist nichts hinzuzufügen.

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