Der Stierkampf – ein Relikt aus der ethischen Steinzeit

Die Hetzgasse im dritten Wiener Gemeindebezirk erinnert daran, dass dort bis 1796 ein sogenanntes Hetztheater stand. Es fasste 3000 ZuschauerInnen, die sich Tierhetzen anschauen konnten, d.h. den Kampf zwischen verschiedenen Tieren, wie z.B. eine Hundemeute gegen Bären oder Stiere, oder aber auch das Abschlachten verschiedener Tiere durch Menschen. Selbst ein Rudel Steinböcke soll vor zahlendem Publikum dort getötet worden sein. Offenbar gab es auch in der Leopoldstadt und am Heumarkt solche Tierkampfarenen in Wien. 1796 brannte das Hetztheater in der Hetzgasse ab und Kaiser Franz II gab keine Bewilligung zur Wiedererrichtung, wie man sagt aus ethischen Gründen. Bis heute spricht man auf gut Wienerisch davon eine „Hetz“ zu haben, wenn man sich in einer lustigen Gesellschaft befindet.

1835 wurden im Mutterland des Tierschutzes, in England, die Tierkämpfe und insbesondere der Stierkampf verboten. In manchen Orten musste zur Durchsetzung sogar das Militär eingesetzt werden, wie den entsprechenden Geschichtsbüchern zu entnehmen ist. Die aristokratische Tierhetze mit Hundemeuten auf Füchse, Hirsche, Hasen und Otter, seit 1976 statt Otter Nerze, entweder hoch zu Ross oder auch zu Fuß, blieb in Form der Jagd in England freilich bis 2005 erlaubt und wird bis heute betrieben.

1796, 1835 – was für eine längst vergangene Zeit! Der Stierkampf war hierzulande schon vor Entstehen des ersten Tierschutzvereins bereits aus der Gesellschaft verbannt. Und so war ich beim Anblick der riesigen Stierkampfarena in Madrid seltsam berührt. Als wäre das Kolosseum in Rom wieder zum Leben erwacht! Kann es wirklich sein, dass sich hier in der Saison bis Ende Oktober die Massen drängen, um einen Blick auf die Todesqualen von Stieren werfen zu können, wie sie blutüberströmt in den Sand sinken?!

In Madrid ist der Stierkampf an verschiedenen Stellen gegenwärtig. So sah ich einen „Stierkampfshop“, in dem Souvenirs zu ausschließlich diesem Thema verkauft werden. Grauenhaft fühlte ich mich in einem Fast Food Restaurant mit zahlreichen Stierköpfen an der Wand, Opfer aus ebendieser Arena, mit vielen Bildern und Wandmosaiken mit Szenen, die das Tierleid in großem Detail zeigen. Wie ist es möglich, dass diese Tierquälerei so öffentlich passiert, und trotzdem zu keinem sofortigen Verbot führt?

Aber selbst in Österreich finden sich Linksintellektuelle, die sich bemüßigt fühlen, den Stierkampf auch heute noch zu verherrlichen, Barbara Coudenhove-Kalergi z.B., in einem Artikel in der Presse. Immer noch sagt die 80 jährige, sie sei „wild“ auf den Stierkampf, bewundere diese Kultur so. In ihrem Artikel führt sie aus, dass der 20 minütige „Kampf“ die Metamorphose des weiblichen Jünglings zum männlichen Mann symbolisiere. Doch eine Folter dieser Art nicht vom Standpunkt des Folteropfers zu beschreiben ist inakzeptabel. Wird das Opfer zum Symbol irgendeines Anliegens der TäterInnen, dann wird es zum zweiten Mal missbraucht. Die Journalistin macht sich mitschuldig. Doch das hat Coudenhove-Kalergi offenbar eingesehen, wie sie in einem Interview kürzlich bestätigt, siehe http://rutheisenreich.wordpress.com/2012/02/21/du-bist-jetzt-das-alpenmadel/. Der Sturm der Entrüstung aufgrund ihres Artikels habe ihr gezeigt, dass man so etwas (gemeint ist der Stierkampf) heute nicht mehr tun dürfe.

Wann gibt es endlich den Sturm der Entrüstung in Spanien, Südfrankreich, Portugal und Amerika? Barcelona hat seine Stierkampfarena bereits geschlossen. Die KatalanInnen haben den Stierkampf verboten, allerdings mehr aus Gründen der Abgrenzung gegen Kastilien, als aus Tierschutzgründen heraus. Und die katholische Kirche? Immerhin sehen sich die StierkämpferInnen als gute ChristInnen und in der Arena in Madrid fand ich auch eine Kapelle, in der sich die Toreros vor ihrem Folterauftritt Gottes Segen holen. Einige Päpste, insbesondere Pius V schon 1567, haben sich klar gegen den Stierkampf gestellt, doch trotzdem segnen heute noch katholische Priester Stierkampftrophäen, erlauben Corridas zu ehren ihrer Heiligen und steigen zuweilen sogar selbst in die Arena – ähnlich wie Dompfarrer Toni Faber zu St. Stephan in Wien ein Jäger ist und Jagdmessen mit getöteten Hirschen Tradition haben. Doch selbst den jagenden katholischen Priestern in Österreich würde es sehr schwer fallen, das lustvolle Foltern eines Tieres über 20 Minuten hinweg öffentlich zu verteidigen. Faber sagte z.B. in einem Interview, dass er zwar den Jagdschein habe aber gar nicht jagen gehe, um die diesbezügliche öffentliche Kritik an ihm abzuschwächen.

Der Aufschwung des Tierschutzgedankens in Spanien gibt mir Hoffnung, dass die Tage des Stierkampfes gezählt sind. Heute schon, versichert man mir, würde die Mehrheit in Spanien den Stierkampf ablehnen, es sei nur, wie beim Singvogelfang in Österreich, eine so einflussreiche und fanatische Minderheit, die sich diese „Tradition“ zum Lebensinhalt gemacht hat und daher mit allen Mitteln daran festhält. Ich hoffe nicht mehr lange.

4 thoughts on “Der Stierkampf – ein Relikt aus der ethischen Steinzeit

  1. Madryt says:

    Yes, this place is amazing. Greetings from Poland.

  2. Susanne V. says:

    Ich glaube Stierkampf und ähnliche „Vergnügungen“ sind im Grunde genommen Ausdruck der Angst vor dem Tier. Der Mensch ist eines der hilflosesten Wesen auf dieser Erde. Nur die Waffen machen ihn stark und (so viel ich gelesen habe werden die Stiere auch mit Medikamenten behandelt, damit sie ungefährlicher sind) diese geben ihm das Gefühl der Überlegenheit. Trotzdem weiß jeder dass man sich mit einem Stier nicht anlegen sollte. Die Zuschauer partizipieren an der „Stärke“ des Toreros, so wie beim Boxkampf, oder auch beim Film an der des „Helden“. Der Torero ist der Stellvertreter der armen Schwachen, die ihre Angst vor dem Tier besiegen indem sie zuschauen wie es „besiegt“ wird. Das sind Urängste, so wie die Angst vor der Rache der Tiere. Neben einem Stier wirkt der Torero wie ein Armutschgerl und das weiß er auch. Gerade deshalb will er den Stier besiegen.

    Warum lieben die Menschen Märchen? Weil das Böse=das Gefährliche – das vor dem man Angst hat – besiegt wird. Die modernen Märchen sind die diversen Krimis und Actionfilme die immer gut ausgehen – für die Helden. Dazu kommt noch der Zwang der Männer Rangkämpfe auszufechten und das Raubtierblut in den Menschen.

    Früher gab es keine Filme, da gab es Schaukämpfe aller Arten und die gibt es eben leider auch heute noch. Wenn jemand diese Ängste nicht hat, wenn jemand nicht zeigen muss wie „groß“ und „wichtig“ er ist, widert ihn das an.

  3. Lilly says:

    Manchmal tut schwarzer Humor wirklich gut, ein befreiendes Ventil. Ich las auf einer Schweizer Website einen Artikel indem einer, der nicht süßholzraspeln mag, einem notleidenden Stier-Lebewesen gratulierte, der sich mit seinem Spitzhorn erfolgreich zur Wehr setzte. Die Notwehr sah nicht gut aus für seinen Peiniger, der das Horn vom Kinn aufwärts selbst zu spüren bekam. Er überlebte und vielleicht war das der Anstoß zum Umdenken.

  4. miss viwi says:

    …ist es geweihten Priestern nicht überhaupt verboten Jäger zu sein oder eine Waffe zu tragen?…

    …was den Stierkampf betrifft erinnere ich mich gerne daran:
    http://www.youtube.com/watch?v=soBO-axpV2s&oref=http%3A%2F%2Fwww.youtube.com%2Fwatch%3Fv%3DsoBO-axpV2s&has_verified=1

    …huiui, da haben sie sich aber erschreckt, all diese perversen auf der Zuschauertribüne…hatten plötzlich Angst um ihre Kinderlein, die sie zu so einem grausamen Spektakel auch noch mitnehmen…
    …für den Stier geht die Geschichte ja immer negativ aus, doch dieser Stier hat vor seiner Tötung noch ein Zeichen gesetzt…

    vegan l♥ve&peace, miss viwi

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