Die Almhaltung und der Tierschutz

Im Buch „Zoopolis“ diskutiert Will Kymlicka, Professor für Politikwissenschaften an der Queens Uni in Ontario, Kanada, das Mensch-Tier Verhältnis. Dabei trennt er in domestizierte Tiere, die nur mit dem Menschen zusammen leben können, in Kulturfolger, die freiwillig und selbstbestimmt in die menschliche Gesellschaft kommen, und echte Wildtiere, die unabhängig vom Menschen in der Wildnis leben. Für alle diese Tiere, so argumentiert Kymlicka überzeugend, gibt es andere Lösungen für ein Zusammenleben oder Koexistieren mit minimalen Konflikten.

Wildtiere sollen selbstbestimmt leben können. Sie haben ein Recht auf ihren eigenen Lebensraum, ohne Einwirkung oder Einfluss des Menschen. Domestizierte Tiere dagegen können das nicht. Sie müssen sich mit dem Menschen ihren Lebensraum teilen und können keine vollständige Unabhängigkeit erlangen. Tierschutz bedeutet also jetzt, den Wildtieren ihren Lebensraum zu lassen und gleichzeitig für die domestizierten Tiere möglichst viel Freiheit mit echter Lebensqualität.

Eine Alm bietet Letzteres für die Tiere, die dort weiden dürfen. Maximale Freiheit und bestmögliche Lebensqualität. Doch die Alm schränkt gleichzeitig den Lebensraum der Wildtiere ein und nimmt ihnen ihr Recht auf Wildnis und Naturlandschaft. Nirgends kann man das besser sehen, als bei der Forderung der Almbauernschaft, den Wolf wieder auszurotten. Als Tierschützer_in muss man sich also fragen: was geht vor, das Lebensrecht des Wolfes oder das Recht auf Freiheit und Lebensqualität der Almtiere?

Ein bisschen erinnert mich das an die Diskussion über Jagdgatter, die jetzt in ganz Österreich verboten wurden, wenn auch mit Ausnahmen. Natürlich geht es den Wildschweinen im Jagdgatter besser, als den Schweinen in einer Tierfabrik. Abgesehen davon, dass sie bei der Gatterjagd einem absolut grauenvollen, lange andauernden Leid ausgesetzt werden, bleibt aber das Argument, dass Jagdgatter den Wald zerstören, also den Lebensraum von Wildtieren, und ihn auch noch mit Zäunen durchschneiden. Für mich war also immer schon neben dem sehr wichtigen Argument der Tierquälerei bei der Gatterjagd selbst, auch das Argument, dass die Wildtiere ein Recht auf Lebensraum haben, entscheidend. Der Mensch in seiner unendlichen Gier nimmt sich da einfach große Waldgebiete, zäunt sie sich ein und nutzt sie für seinen Lustgewinn – die Gatterjagd – ohne auch nur die geringste Rücksicht auf das Recht der Wildtiere.

Bei der Diskussion über die natürlich Einwanderung der Wölfe hören wir das „Argument“ von Jägerschaft und Almbauernschaft ständig: es gäbe keine Naturlandschaft in Österreich, nur mehr Kulturlandschaft, und deshalb hätten hier größere Wildtiere – außer man kann sie jagdlich nutzen – nichts verloren. Erstens stimmt das nicht wirklich, weil es auch hierzulande noch viele wilde Winkel gibt. Aber zweitens ist das ja nicht in Stein gemeißelt: wir könnten Kulturlandschaft, wie die Almen, aufgeben und wieder wild – also zu Naturlandschaft – werden lassen. Was spricht dagegen und wie sollte man das als Tierschützer_in beurteilen?

Faktum ist, dass das Tierschutzideal zweifellos eine große Naturlandschaft, in der sich die Wildtiere frei und ungestört entfalten können, beinhaltet. Faktum ist auch, dass die Tierhaltung auf Almen nur 3-4 Monate im Jahr andauert. Danach setzt die Ausbeutung und Tierquälerei ein. Jede Milchkuh, auch wenn sie als Kalbin kurzzeitig auf der Alm war, wird dann künstlich geschwängert und ihr Kind wird per Tiertransport ins Ausland geschafft. Auch wenn ein Ochse ein paar Monate auf der Alm war, wird er die meiste Zeit seines Lebens auf Vollspaltenboden stehen und grausam im Schlachthof getötet. Wir dürfen nicht außer Acht lassen, dass die Almhaltung ein Teil eines sehr brutalen Ausbeutungssystems ist, das wir als Tierschützer_innen als Ganzes niemals gutheißen dürfen.

Abgesehen davon gibt es den auch für Tiere sehr wichtigen Aspekt des Klimawandels und der Ressourcenbelastung durch die Tierindustrie, auch bei kurzzeitiger Almhaltung. Die meisten Almen sind völlig überweidet, sodass auch die Natur sehr darunter leidet, die wiederum den Lebensraum für Wildtiere bieten soll.

Unterm Strich ist also in meinen Augen klar: Die Almhaltung ist nicht an sich gut, vielmehr wäre es gut, wenn es viel weniger Rinder gäbe und damit einhergehend viel weniger Almen. Die Wildtiere haben ein Recht auf Lebensraum, der nicht von Menschen genutzt wird. Die domestizierten Tiere sind Teil der menschlichen Gesellschaft und nicht der Wildnis. Wenn sie in Letztere gebracht werden, dann leidet die Gemeinschaft der Wildtiere darunter. Domestizierte Tiere und Menschen sollten sich daher ihre Kulturlandschaft teilen, aber den viel größeren Bereich des Landes ungenutzt und unberührt lassen, und den Wildtieren zur Selbstorganisation zur Verfügung stellen.

One thought on “Die Almhaltung und der Tierschutz

  1. Sylvia Summerer says:

    es geht doch in anderen Ländern auch ? Warum bei uns nicht?

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