Almen

Klarstellung zu Foto: Kalbinnen aggressiv gegen 2 Jährige

Das obige Bild, bzw. ein sehr Ähnliches, hat einen Shitstorm auf Facebook ausgelöst, wie mir berichtet wurde. Die abenteuerlichsten Vermutungen und Interpretationen wurden dazu angestellt. Deshalb hier jetzt eine Klarstellung.

Warum dieses Bild veröffentlichen?

Die Erklärung ist ganz einfach. In meinem kritischen Blick auf Almen, siehe https://martinballuch.com/ein-kritischer-blick-auf-almen/, habe ich erwähnt, dass Rinder im Toten Gebirge erstaunlich aggressiv auf meine kleine 2 jährige Tochter reagiert haben. So aggressiv, wie ich das bisher nur von Situationen kenne, in denen ich mit einem Hund unterwegs bin. Auf diese Bemerkung hin wurden mir mehrere Emails von erbosten Almleuten geschickt, die versucht haben mich lächerlich zu machen, und geschrieben haben, die Rinder seien doch nur neugierig, aber nicht aggressiv, ich würde mich nicht auskennen. Ich kenne mich aber schon ausreichend mit Rindern aus, um sagen zu können, dass sie in diesem Fall tatsächlich aggressiv waren.

Als ich dann wenige Tage später in einem Dorf an einer Weide vorbeikam und die Kalbinnen aggressiv auf meine Tochter reagierten, habe ich das fotografisch festgehalten, um es zu beweisen. Erstens wollte ich damit sagen, dass die Almleute falsch liegen, weil ja, Rinder können durchaus auf 2 jährige Kinder wie auf Hunde reagieren, und, zweitens wollte ich diesen doch sehr interessanten Umstand jenen Eltern mitteilen, die mit ihren 2 jährigen Kindern Almen zu überqueren planen. Eigentlich also ein recht bescheidener Anspruch, möchte man sagen, und unmittelbar durch Falschaussagen von Almleuten motiviert.

Wie entstand das Foto?

Erstaunlicher Weise wurde wild spekuliert, dass meine Tochter im Foto die Rinder absichtlich für das Foto gereizt hätte, dass alles inszeniert sei, dass wir auf Privatgrund stünden und dass es sich um eine Alm handeln würde. Alles falsch. Ich ging, wie jeden Tag, mit meiner Tochter spazieren und kam dabei, wie häufig, an einer Weide mit 3 Kalbinnen vorbei. Wir befanden uns auf einer öffentlichen Straße eigentlich mitten in einem Dorf. Das Foto oben habe ich so gewählt, dass man diesmal sieht, dass es sich um eine Straße handelt, auch wenn das für meine Aussage, die ich mit dem Foto treffen wollte, völlig belanglos ist. Tatsächlich steht direkt hinter uns ein Haus, direkt rechts neben uns ebenfalls, und direkt links neben uns ist eine Kirche.

Beim Vorbeigehen haben 2 der 3 Kalbinnen aggressiv reagiert und auf meine Tochter gestarrt, die Dritte kam dann angerannt. Das habe ich gleich fotografiert. Meine Tochter war nie in Gefahr, weil zwischen den Rindern und ihr ein elektrischer Zaun aufgestellt war und weil ich mich keine 50 cm hinter meiner Tochter befand. Meine Tochter ist, einfach nur aus Spaß, einen Schritt gesprungen und dabei hat eine der Kalbinnen erschreckt reagiert, was für mich beweist, dass diese Rinder meine Tochter nicht für einen Menschen sondern eher für einen Hund gesehen haben. Wäre ich gesprungen, hätten die Kalbinnen kein Ohrwaschel gerührt.

Die Situation hat sich übrigens völlig entspannt danach, ich habe meine Tochter in den Arm genommen und wir haben über den Zaun hinweg die beiden Kalbinnen gestreichelt. Die waren zwar weiterhin nervös, aber ließen sich doch beruhigen. Keine Affäre also.

Klarstellungen

Dazu gab es dann, wie man mir mitgeteilt hat, eine Reihe von Behauptungen, Mutmaßungen und Unterstellungen, die ich nun klarstelle:

  • Nein, die Situation war nicht gefährlich.
  • Nein, meine Tochter hat sich überhaupt nicht gefürchtet (siehe Bild) und fürchtet sich auch weiterhin nicht vor Rindern. Im Gegenteil, meine Tochter liebt Rinder und wir können an keiner Weide vorbeigehen, ohne dass wir stehen bleiben und idealerweise die Rinder streicheln müssen.
  • Nein, selbstredend habe ich mich auch nie vor diesen Rindern gefürchtet. Ich war als Teenager sogar einmal 3 Monate lang Senn auf einer Alm im Gailtal in Kärnten und habe spätestens seit damals keinerlei Angst vor Rindern.
  • Nein, ich habe diese Weide dort mit keinem Wort kritisiert, sondern ich finde sie gut. Es handelt sich um keine Alm, die sich, im Gegensatz zu dieser Weide, mitten in der Wildnis abseits von menschlichen Behausungen befindet.
  • Nein, es lag definitiv nicht an der Kleidung meiner Tochter, dass die Rinder aggressiv reagiert haben. Meine Partnerin ist wenige Tage davor ebenfalls dort mit meiner Tochter in anderem Gewand vorbei gegangen und hat mir berichtet, dass die Rinder auch sehr aggressiv reagiert haben.
  • Nein, der Vorfall war weder inszeniert noch geplant. Es ist einfach passiert, ich hatte mich an die Falschaussagen der Almleute erinnert und daraufhin einige Beweisfotos aufgenommen.
  • Rinder können definitiv aggressiv auf kleine Kinder reagieren. Als diese 3 Kalbinnen auf die Weide gestellt wurden, traf ich die Bäuerin, in deren Verantwortung sich die 3 Kalbinnen befinden, habe mit ihr sehr freundlich gesprochen und sie hat mir sogar explizit gesagt, diese 3 Jungrinder seien noch unerfahren und wir sollten nicht über den Zaun steigen und mit meiner kleinen Tochter aufpassen, weil die Rinder aggressiv werden könnten.
  • Nein, ich bin nicht gegen Rinder. Ich liebe sie, wie alle Tiere (auch den Wolf und die Giftschlange!). Dennoch bin ich der Ansicht, wir in Österreich haben viel zu viele Rinder gezüchtet und sollten in Zukunft deutlich weniger züchten. Wir haben eine ungeheuerliche Überproduktion an Milchprodukten und exportieren relativ mehr Rinder als jedes andere EU-Land. Abgesehen davon geht mit jeder Rinderhaltung natürlich viel Tierleid einher (Tiertransporte von Kälbern, Schlachtung) und die Rinderproduktion hat eine sehr schlechte Klimabilanz.
  • Ja, ich bin der Ansicht, dass Rinder durchaus Menschen gefährlich werden könnten. Auch ich hatte auf Almen schon sehr brenzlige Situationen, wie ich sie z.B. in meinem Buch „Der Hund und sein Philosoph“ beschrieben habe, aber immer nur durch einen Hund. Praktisch nie ging es dabei übrigens um eine Mutterkuh, die ihr Kind schützen wollte. Das ist auch mehrheitlich Almpropaganda. Mutter mit Kalb gibt es auf Almen nicht häufig.
  • Ja, es ist in meinen Augen auch ein Argument (von sehr vielen anderen) gegen Almen, dass man von Hundehalter_innen zurecht verlangt, sie müssen sicherstellen, dass ihre Hunde keine Menschen gefährden, aber bei Rindern sind immer die anderen schuld. Noch einmal betone ich: das trifft nicht auf die obige Situation zu, weil da ja die Rinder auf einer umzäunten Weide im Dorf gestanden sind. Mein Punkt war: Freilandhaltung ja, aber nicht in der Wildnis. Die sollte Wildtieren gehören.
  • Ah ja, und zuletzt haben mir verwirrte Personen geschrieben, ich solle meinen Kindern Respekt vor Tieren beibringen. Also woraus diese Personen schließen, dass meine Tochter keinen Respekt vor Tieren hätte, ist mir ein Rätsel. Sie hat vermutlich wesentlich mehr Respekt vor Tieren, als jene Personen, die das gesagt haben. Sie lebt nämlich vegan, tut keinem Tier etwas zuleide, gibt auch keine Tiertötungen für sich in Auftrag und rettet jeden Regenwurm und jede Schnecke von einer Straße, wenn sie sie sieht. Aber dass viele Leute in den sozialen Medien irgendetwas vor sich hin brabbeln ist ja nichts Neues.

Fehlt noch etwas?

Die Murmeltierjagd hat begonnen!

Gerade von einer Woche im Wald zurück, wird mir bewusst: die Jagdzeit auf Murmeltiere hat begonnen. Zumindest bei uns in der Steiermark. In Tirol und anderswo dauerts noch bis Mitte August, aber dennoch bleiben überall 2 Monate für diese Billigjagd. Der Abschuss kostet nur € 500, mit € 100 Rabatt, wenn man nicht trifft. Der Abschuss einer Gemse ist 4 x so teuer.

Das Bild oben zeigt eine Begegnung mit einem Murmeltier auf der Wetterinalm. „Wunderschöne“ Almzubringerstraße, nicht wahr? Da merkt man gleich, hier ist Natur. Das Murmeltier lebt dort unbekümmert, schert sich nicht um Wanderer, und auch nicht um meinen Hundefreund, der dabei war. Er selbst ist sowieso total friedlich mit allen Tieren.

Im letzten Herbst war ich mit meiner Familie in den Hohen Tauern einige Tage auf einer Alm, nachdem die Kühe runtergebracht worden waren. Wir freundeten uns mit einer Murmeltierfamilie dort an. Und da kam ein Jäger mit seinem 14 jährigen Sohn und einem 17 jährigen Jagdführer aus dem Tal herauf. Der 14 jährige wollte zum Geburtstag ein Murmeltier erschießen. Nichts leichter, als auf diese fast handzahmen Murmeltiere zu ballern, die mit uns gespielt hatten. Während sich diese Jäger freuten, fühlte ich mich als Verräter. Wie kann man nett zu Tieren sein, wenn dann andere diese Annäherung ausnutzen, um zu töten? Ich habe von diesem Vorfall berichtet: https://martinballuch.com/eine-ganz-normale-murmeltierjagd/

Warum wollen Menschen eigentlich Murmeltiere erschießen? Diese Frage ist falsch gestellt. Es macht ihnen halt einfach Spaß, sonst würden sie nicht dafür bezahlen. Aber wie ist das gerechtfertigt? Erstaunlicherweise mit dem Schutz der Kühe auf der Alm, und weil sich die Almwiesen weniger gut mähen lassen würden, wenn dort Murmeltierbauten angelegt worden sind. Das wurde mir als Argument von vielen Seiten bestätigt, findet sich aber auch hier in diesem Artikel des deutschen Tagesspiegel, siehe https://m.tagesspiegel.de/gesellschaft/pauschalangebote-fuer-murmeltierjaeger-wie-das-geschaeft-mit-der-jagd-auf-die-nagetiere-laeuft/26054960.html?utm_referrer=http%3A%2F%2Fm.facebook.com%2F&fbclid=IwAR1tI6KOYRkiIPLKtM2twYi6ErR_tK3IY_YNhiocYfOcvCtb-ZbcMxyMNzs#layer

Tagesspiegel vom 1. August 2020

Dabei war das Murmeltier hierzulande bereits von der Jägerschaft ausgerottet. Lernen wir je dazu? Können wir irgendwann diese seltsame Tötungslust überwinden? Werden wir irgendwann die Totalnutzung der Natur zurückschrauben, eine Wildnis ermöglichen und diese dann den Wildtieren überlassen, die uns keinen Nutzen bringen?

Prof. Kotrschal und Doz. Poteser zu Almen

An und für sich sollen Fakten für sich selbst sprechen. Es dürfte nicht notwendig sein, anerkannte Fachautoritäten zu zitieren, um den eigenen, bereits durch Fakten belegten Worten mehr Gewicht zu verleihen. Im Fall meiner Kritik an Almen hat aber die gesamte Almbauernschaft zum Shotstorm intern aufgerufen und meine Beiträge 1500 Mal geteilt. Die Botschaft: der Balluch ist ein singulär Verrückter. Niemand sonst würde etwas so Absurdes sagen. Da braucht man dann gar nicht auf die Fakten und Argumente einzugehen.

Lassen wir Univ-Prof. Dr. Kurt Kotrschal zu Wort kommen, siehe https://tierisch.heute.at/a/50692642/w%C3%B6lfe–der-tod-f%C3%BCr-die-heimische-almwirtschaft

Wortwörtlich steht in diesem Artikel u.a.:

Den Almwiesen geht es nicht gut

Ökologisch wertvoll sind etwa die bunten Borstgrasrasen der Almen. Ihr Erhaltungszustand ist aber nur in Frankreich günstig, in Österreich, Deutschland und Slowenien unzureichend und in Italien sogar schlecht. Daran ist aber nicht der Wolf schuld. Oft werden zu viele Tiere aufgetrieben, was zu Überweidung führt.

Immer mehr an verspritzter Gülle tötet die wertvolle Fauna und Flora der Almwiesen.

Sie verarmen genetisch und werden durch Über- bzw. Unternutzung geschädigt. Um das Verbuschen der Almwiesen zu verhindern, werden sie „geschwendet, die Alpenrosen, Wacholdersträucher, etc. mit schweren Maschinen gehäckselt. Das vernichtet nicht nur die Zwergsträucher, sondern vernichtet auch empfindlichen Böden, die in diesen Höhenlagen tausende Jahre brauchen, um zu entstehen.

Almen auch ohne Beweidung?

Tatsächlich sind keine der als bedroht gelisteten Pflanzen- und Tierarten der Almen an Weidewirtschaft gebunden. Die Befürchtung ist also unbegründet, diese Arten gingen durch die Aufgabe der Beweidung verloren. Alpine Matten können gar nicht bewalden, da sie oberhalb der Baumgrenze liegen. Verschwinden werden nur die Almen unter der Baumgrenze, wo Beweidung ökologisch sogar schädlich ist. Darüber bildet alpines Grasland die charakteristische Vegetation. Gerade sie wird aber durch eine ungeregelte Beweidung geschädigt.

Die hier zitierten Fakten ähneln den von mir angeführten, siehe https://martinballuch.com/fakten-zu-ein-kritischer-blick-auf-almen/

Ein Artikel im medi.um von Doz. Dr. Michael Poteser, promovierter Biologe und Umwelttoxikologe, schlägt in dieselbe Kerbe. Es geht hier darum, die wirtschaftliche Nutzung wenigstens von einigen Teilen der Österreichischen Berge einzustellen und die Wildnis wieder Wildnis sein zu lassen.

Wörtlich: Unsere Sichtweise ist vom echten Naturerlebnis so entwöhnt, dass Naturschutz für uns schon der Schutz des bestellten Feldes ist, nichts anderes ist der wirtschaftlich genutzte Wald. Diese Einstellung aber führt zu der schweren Krise, in der sich die Biodiversität in diesem Land befindet. Wir brauchen Naturräume, die von der Last wirtschaftlicher Nutzung [z.B. durch Almen] befreit sind, um neben dem weitaus überwiegenden Anteil schwer belasteter Natur zumindest ein kleines Reservoir an ökologischer Vielfalt zu erhalten.

Mit anderen Worten: Es gibt Menschen, die glauben, Almen sind ein Naturraum und Rinder kommen dort natürlich vor, ja sind dort zu Hause. Und Naturschutz bedeutet dann diese Almen zu schützen und die Rinder dort zu lassen. Das ist eine sehr naturferne Ansicht. Wer einmal ein nicht wirtschaftlich genutztes, sondern unberührtes Stück Natur gesehen und gefühlt hat, kennt den Unterschied. Naturschutz widerspricht Naturnutz in jeder Form.

Doz. Dr. Poteser sagt in dem Artikel auch: Österreich ist ein verhältnismäßig kleines Land. Bis auf ganz wenige Ausnahmen wird das gesamte Staatsgebiet wirtschaftlich genutzt und es gibt Naturräume bescheidener Größe, in welchen sich ökologische Systeme ohne den direkten Einfluss des Menschen entfalten können. […] [D]ie Natur [wird] nur so weit geduldet […], wie sie nicht die kommerziellen Erträge schmälert

Almen sind hier mit Naturräumen jedenfalls nicht gemeint. Almen sind wirtschaftlich genutzte Flächen, für die genau diese Aussage gilt: Natur, wie Wolf, Bär oder Bison, wird nur so weit geduldet (also gar nicht), soweit sie die kommerziellen Erträge nicht schmälert.

Von Almen und der Zerstörung von Naturlandschaften

In Afrika nimmt die Bevölkerung stetig zu. Von verschiedenen Seiten wird berichtet, dass dadurch immer mehr Wälder gerodet, Wildtiere vertrieben und große Rinderweiden angelegt werden, die sich immer näher an die Grenze der letzten Nationalparks schieben. Fotos zeigen das erschreckende Ausmaß dieser gnadenlosen Expansion der menschlichen Nutzung von Natur. Ähnliches können wir aus Südamerika lesen, wo der rechtsradikale Präsident von Brasilien der zunehmenden Rodung und Umwandlung von Wald in Rinderweiden nicht nur keinen Riegel vorschiebt, sondern das Ganze auch noch fördert. Die riesigen Waldbrände sind ja, wie wir wissen, extra deshalb ausgelöst worden, um Wald in Weideland zu verwandeln. Und in den USA ist die Geschichte von Buffalo Bill legendär, der die frei lebenden Bisons in der Prärie abgeknallt hat, um Rinderweiden zu schaffen. Heute grasen riesige Rinderherden, wo früher Bisons gelebt haben.

Was diese Geschichten gemeinsam haben, ist das Vorgehen der Menschheit, Wildnis zu zerstören und durch Weiden für ihre domestizierten Tiere zu ersetzen. Und zwar nicht nur dort, wo sie selbst leben, sondern auch weit entfernt mitten in einer ursprünglichen Wildnis, die dadurch keine mehr ist. Das ist sowohl aus Sicht des Klimawandels problematisch, als auch aus Sicht des Schutzes von Ökosystem und Arten, und aus Tierschutzsicht. Letzteres, weil Wildtiere, die in ihren angestammten Gebieten ein Recht auf Leben haben, ausgerottet oder zumindest vertrieben, jedenfalls nicht toleriert werden.

Nun, was sind Almen anderes als die Vernichtung von Wildnis, um Weiden für domestizierte Tiere zu schaffen? Selbst wenn diese Vernichtung schon einige hundert Jahre her sein sollte, obwohl es auch Wildnis gibt, die erst kürzlich zu einer Alm umfunktioniert wurde, wie z.B. das Rosskar im Hochschwab. Wir haben in Europa und insbesondere in Österreich die Wildnis total an den Rand gedrängt. Nur mehr maximal 2 % des Landes ist wild und ein verschwindender Teil der Biomasse an Landwirbeltieren stammt von Wildtieren.

Dennoch gibt es ein ganz seltsam positives Image für Almen in Österreich. Fast ist es ein Sakrileg, Almen zu kritisieren. Ich kenne jedenfalls keine öffentliche Almkritik. Also fange ich einmal damit an. Wie stark dieses Image wirkt, zeigt sich in folgendem Beispiel: Sagen wir, ich würde eine Alm pachten und dann dort 100 Hunde unbeaufsichtigt sich selbst überlassen und täglich ausreichend Nahrung hinauf bringen. Diese Hunde verbellen Wanderer, greifen zuweilen die Hunde von Wanderern an und töten dabei ab und zu einen Menschen, und sie bedrohen Kleinkinder. Ja, und sie koten natürlich jeden Tag, ohne dass das entfernt wird. Wie würde die Öffentlichkeit reagieren? Mit Fassungslosigkeit. Ich wäre verantwortungslos, würde harmlose Wanderer bedrohen und und und. Aber, was sind Rinder auf einer Alm anderes? Auch sie sind zuweilen aggressiv zu Wanderern, greifen immer wieder deren Hunde an, töten ab und zu Menschen und bedrohen Kleinkinder. Was ist jetzt genau der Unterschied? Dass die Almbauernschaft und etwaige andere Personen entrüstet schreien, wie verrückt ich nicht sei, so einen Vergleich zu bringen, beeindruckt mich nicht. Bei jedem Mensch-Tier Vergleich, bei jedem Vergleich zwischen Sklaverei und Tierausbeutung, höre ich dasselbe. Dennoch sehe ich keinen prinzipiellen Unterschied. Dass viele Menschen da so einen fundamentalen Unterschied sehen, ohne ihn benennen zu können, beweist nur die Gehirnwäsche. Es gibt keinen Unterschied, der in diesem Zusammenhang relevant wäre.

Wenn man eine Fotosafari in Afrika bucht, z.B. in Botswana, Kenia oder Uganda, dann ist man, wenn man aus Europa kommt, total erstaunt. Nur kurz mit dem oben offenen Bus in die Landschaft gefahren, und schon sieht man große Säugetiere jeder Art, von Elefanten über Nashörner, Nilpferde und Antilopen bis zu Löwen und Hyänen. Auch Krokodile wird man antreffen. Warum ist das so anders wie bei uns in Europa? Zunächst mag man denken, das liege an der afrikanischen Tierwelt, die es so in Europa nie gab. Das stimmt aber nicht.

Wenn man Tim Flannery’s Buch liest, siehe https://martinballuch.com/europa-ein-plaedoyer-fuer-wildnis-und-gegen-die-invasive-nutzung-der-natur/, dann merkt man erst, dass alle diese Tiere vormals auch in Europa gelebt haben. Hier gab es Elefanten verschiedener Arten, ebenso Nashörner, Antilopen, Pferde, Löwen, Hyänen, Wölfe, Höhlenbären und Säbelzahntiger, aber auch zahlreiche Hirscharten, Elche (bis vor ganz kurzem in großer Zahl in Österreich), Auerochsen, Bisons, Wisente usw. Doch der Mensch hat sie alle in Europa sukzessive ausgerottet. Und genau nach demselben Schema: er drang in die Wildnis vor, rodete den Wald um Weiden zu schaffen, setzte dort seine domestizierten Tiere darauf und rottete einerseits alle Beutegreifer aus, die „seinen“ Tieren gefährlich werden könnten, aber andererseits auch alle Nahrungskonkurrenten unter den Pflanzenessern. Am Schluss waren alle Tiere weg, die größer sind als der Fuchs. Dass Rothirsch, Reh, Steinbock und Gemse überlebten, ist dem Interesse des Adels auf die Jagd nach diesen Tieren „zu verdanken“. Jedenfalls war das kein altruistischer Akt des Artenschutzes, sondern ebenfalls ein egoistisches Selbstinteresse des Menschen, das sich in diesem Fall zufällig positiv ausgewirkt hat.

Man könnte also heute noch, genauso wie in Afrika, ständig große Wildtiere sehen, hätten wir sie nicht ausgerottet und die Wildnis durch Almen ersetzt. So klar und deutlich muss man das sagen. Aber könnte man nicht jetzt, weil wir gescheiter geworden sind, die Rückkehr einiger der großen Arten ermöglichen? Offenbar nicht. Wir sehen, was dann passiert. In den rumänischen Südkarpaten und in Polen hat man Bisons ausgesetzt. Ich habe sie schon in freier Wildbahn getroffen. In Österreich unmöglich, weil die Almbauernschaft Konkurrenz wittert. Im winzigen Slowenien gibt es 950 Bären, sowie Wölfe und Luchse. Dieselben Tiere wandern auch in Österreich ein, werden aber ständig erneut abgeknallt und mit großem Hass bekämpft, weil sich die domestizierten Tiere auf der Alm nicht schützen ließen. Soll man einen Zaun um die Alm ziehen, fragt die Almbauernschaft. Ginge nicht, daher müssten die Wildtiere weg bleiben.

Müssen sie wirklich? Warum lassen wir nicht die Almen auf? Zu einer aufgeklärten Einsicht in die Zusammenhänge gehört, dass wir erkennen, dass wir die Natur viel zu sehr missbraucht und benutzt haben. Wir haben dem ursprünglich Wilden und den Wildtieren bei uns keinen Platz mehr gelassen. Und der richtige Schritt dorthin wäre die Auflassung der Almen. Dann könnte die Wildnis wieder wild werden.

Aber ist das nicht eine unzulässige Einschränkung für die domestizierten Tiere, allen voran den Rindern? Ist die Alm nicht der bestmögliche Platz für sie? Naja, warum sollen Rinder vorgehen? Eigentlich haben domestizierte Tiere in der Wildnis nichts zu suchen. Die sollte für Wildtiere reserviert bleiben. Aber die Rinder und alle anderen sogenannten „Nutztiere“ kann man ja, wenn man unbedingt welche haben will, auf Weiden in der Zivilisation halten. Mitten im Tal, am Dorfrand. Was spricht da dagegen? Dort sind sie unter Menschen, können versorgt werden, leben so frei, wie das für domestizierte Tiere möglich ist, und man kann sie umzäunen. Dann könnten auch die großen Beutegreifer wieder zurückkehren und kein Mensch müsste sich auf den Almen vor den Rindern fürchten.

Das wäre also der erste Schritt Richtung Wiedergutmachung: Wir lassen die Almen auf und halten sämtliche sogenannten „Nutztiere“ auf Weiden im Freiland in der Zivilisation. Im eigentlichen Kulturland. Und lassen ansonsten wieder die Natur das Ruder übernehmen. Auf jeder Ebene wäre damit etwas gewonnen. Und eines baldigen Tages könnten wir den Ruf der Wildnis auch wieder in unseren österreichischen Bergen hören.

PS: Dass ein Rückbau von Zivilisationsrückständen in den Bergen überhaupt kein Problem ist, sondern einem aufgeklärten Verständnis entspricht, beweist der Alpenverein. Er baut definitiv keine neuen Hütten mehr und entfernt sogar immer wieder alte. Mit dem erklärten Ziel, die Wildnis wieder in die Berge einziehen zu lassen und zivilisatorische Infrastruktur abzuziehen. Ein sehr vernünftiger Beschluss, dem jetzt auch die Almen folgen sollten.

Klimakiller Kuh

Kürzlich berichtete die Tageszeitung „Der Standard“ von zwei Studien an der Stanford Universität, USA, die in den Fachzeitschriften „Earth System Science Data“ und „Environmental Research Letters“ veröffentlicht wurden. Die wesentliche Botschaft: der jährliche weltweite Methanausstoß hat einen neuen Rekordwert erreicht. Im Jahr 2017 sollen 600 Millionen Tonnen Methan in die Erdatmosphäre gelangt sein. Gegenüber dem Durchschnitt zwischen 2000 und 2006 sei das um 50 Millionen Tonnen erhöht. Der Artikel: https://www.derstandard.at/story/2000118709617/der-jaehrliche-methan-ausstoss-erreicht-einen-neuen-rekordwert

Methan ist ein sehr starkes Treibhausgas und beschleunigt daher den Klimawandel. Zwar hat es eine kürzere Lebenszeit in der Atmosphäre als CO2, doch selbst wenn man das einberechnet, wirkt es über einen Zeitraum von 100 Jahren 28 x stärker. Dass die Lebenszeit kürzer ist, prädestiniert Methan dafür dazu, als Notbremse in der Klimakrise zu fungieren: würde man den Methanausstoß reduzieren, hätte das einen viel rascheren Effekt, als wenn man den CO2-Ausstoß zu reduzieren versucht. Nur leider handelt die Menschheit wieder einmal gegenteilig.

Der Großteil der weltweiten Methanemission und 100 % des Zuwachses im Gegensatz zu vor 15 Jahren, ist auf den Menschen zurück zu führen. Neben Mülldeponien und fossilen Brennstoffen spielt dabei die Rinderhaltung die wichtigste Rolle. Dabei geht es aber nicht um eine intensive Rinderhaltung, nein, sondern um das Methan, das die Rinder bei ihrer Verdauung aus dem Mund rülpsen. Im Standardartikel wird einer der Studienautor_innen dazu so zitiert: „Die Leute scherzen über das Aufstoßen von Kühen, ohne zu wissen, wie groß die Quelle wirklich ist“. Sie sei nämlich sehr relevant.

In Afrika, China und den USA steigt die Rinderhaltung an, oft auf Weiden, die früher ein Urwald waren. Dadurch wird nicht nur mehr Methan erzeugt, sondern auch noch weniger CO2 aus der Atmosphäre gezogen. Besonders Urwälder und alte Mischwälder haben nämlich diese Funktion. Kurz gesagt: die Haltung von Rindern auf Weiden, auf denen dadurch keine Bäume wachsen können, ist eine von mehreren zentralen Ursachen für den Klimawandel.

In Europa ist die Rinderhaltung zum Glück rückläufig. Auch in Österreich. Die Statistik Austria weist für den 31. Dezember 2019 einen „Viehbestand“ von 1,88 Millionen Rindern in Österreich aus, also 1 Rind für 4 Menschen. Das ist ein Rückgang von 1,7 % oder 33.300 Tieren im Vergleich zu vor 1 Jahr. Und darüber müssen wir angesichts obiger Fakten sehr froh sein und hoffen, dass diese Entwicklung anhält. Stattdessen fördert unsere Landwirtschaftsministerin den Kuhmilchkonsum an Schulen mit Steuergeldern!

Weniger Rinder und entsprechend weniger Rindfleisch- und Kuhmilchprodukte statt regionaler pflanzlicher Alternativen bedeutet einen wichtigen Schritt Richtung Klimaschutz. Aber nicht nur das. Weniger Rinder heißt auch weniger Kälber, heißt wiederum weniger Tiertransporte und weniger Tierleid und weniger getötete Tiere. Selbstverständlich müssen wir uns also auch rein aus Tierschutzgründen, je weniger Rinderprodukte konsumiert und je weniger Rinder gehalten werden.

Noch einmal ganz deutlich: Die logische Schlussfolgerung aus den oben erwähnten wissenschaftlichen Arbeiten ist eindeutig. Ziel muss eine stetige Reduktion des Konsums von Rinderprodukten sowie der Anzahl der Rinder sein, die gehalten werden, und damit eine Reduktion der Weideflächen und damit eine Reduktion der Almflächen. Das wäre für alle Beteiligten besser: für die betroffenen Rinder genauso, wie für das Klima und für die Wildtiere, deren Lebensraum durch Weiden und Almen drastisch eingeschränkt wird! Wer sich über die Rinderweiden auf gerodetem Regenwaldgebiet im Amazonas aufregt, sollte auch dafür sorgen helfen, dass es in Österreich weniger Kuhweiden auf gerodeten Waldflächen oder Latschenfeldern gibt. Was wir zur Klimastabilisierung brauchen, sind vom Menschen unbeeinflusste Ökosysteme wie Urwälder statt Almen, die mit Abstand die beste Klimabilanz haben.

Die Almhaltung und der Tierschutz

Im Buch „Zoopolis“ diskutiert Will Kymlicka, Professor für Politikwissenschaften an der Queens Uni in Ontario, Kanada, das Mensch-Tier Verhältnis. Dabei trennt er in domestizierte Tiere, die nur mit dem Menschen zusammen leben können, in Kulturfolger, die freiwillig und selbstbestimmt in die menschliche Gesellschaft kommen, und echte Wildtiere, die unabhängig vom Menschen in der Wildnis leben. Für alle diese Tiere, so argumentiert Kymlicka überzeugend, gibt es andere Lösungen für ein Zusammenleben oder Koexistieren mit minimalen Konflikten.

Wildtiere sollen selbstbestimmt leben können. Sie haben ein Recht auf ihren eigenen Lebensraum, ohne Einwirkung oder Einfluss des Menschen. Domestizierte Tiere dagegen können das nicht. Sie müssen sich mit dem Menschen ihren Lebensraum teilen und können keine vollständige Unabhängigkeit erlangen. Tierschutz bedeutet also jetzt, den Wildtieren ihren Lebensraum zu lassen und gleichzeitig für die domestizierten Tiere möglichst viel Freiheit mit echter Lebensqualität.

Eine Alm bietet Letzteres für die Tiere, die dort weiden dürfen. Maximale Freiheit und bestmögliche Lebensqualität. Doch die Alm schränkt gleichzeitig den Lebensraum der Wildtiere ein und nimmt ihnen ihr Recht auf Wildnis und Naturlandschaft. Nirgends kann man das besser sehen, als bei der Forderung der Almbauernschaft, den Wolf wieder auszurotten. Als Tierschützer_in muss man sich also fragen: was geht vor, das Lebensrecht des Wolfes oder das Recht auf Freiheit und Lebensqualität der Almtiere?

Ein bisschen erinnert mich das an die Diskussion über Jagdgatter, die jetzt in ganz Österreich verboten wurden, wenn auch mit Ausnahmen. Natürlich geht es den Wildschweinen im Jagdgatter besser, als den Schweinen in einer Tierfabrik. Abgesehen davon, dass sie bei der Gatterjagd einem absolut grauenvollen, lange andauernden Leid ausgesetzt werden, bleibt aber das Argument, dass Jagdgatter den Wald zerstören, also den Lebensraum von Wildtieren, und ihn auch noch mit Zäunen durchschneiden. Für mich war also immer schon neben dem sehr wichtigen Argument der Tierquälerei bei der Gatterjagd selbst, auch das Argument, dass die Wildtiere ein Recht auf Lebensraum haben, entscheidend. Der Mensch in seiner unendlichen Gier nimmt sich da einfach große Waldgebiete, zäunt sie sich ein und nutzt sie für seinen Lustgewinn – die Gatterjagd – ohne auch nur die geringste Rücksicht auf das Recht der Wildtiere.

Bei der Diskussion über die natürlich Einwanderung der Wölfe hören wir das „Argument“ von Jägerschaft und Almbauernschaft ständig: es gäbe keine Naturlandschaft in Österreich, nur mehr Kulturlandschaft, und deshalb hätten hier größere Wildtiere – außer man kann sie jagdlich nutzen – nichts verloren. Erstens stimmt das nicht wirklich, weil es auch hierzulande noch viele wilde Winkel gibt. Aber zweitens ist das ja nicht in Stein gemeißelt: wir könnten Kulturlandschaft, wie die Almen, aufgeben und wieder wild – also zu Naturlandschaft – werden lassen. Was spricht dagegen und wie sollte man das als Tierschützer_in beurteilen?

Faktum ist, dass das Tierschutzideal zweifellos eine große Naturlandschaft, in der sich die Wildtiere frei und ungestört entfalten können, beinhaltet. Faktum ist auch, dass die Tierhaltung auf Almen nur 3-4 Monate im Jahr andauert. Danach setzt die Ausbeutung und Tierquälerei ein. Jede Milchkuh, auch wenn sie als Kalbin kurzzeitig auf der Alm war, wird dann künstlich geschwängert und ihr Kind wird per Tiertransport ins Ausland geschafft. Auch wenn ein Ochse ein paar Monate auf der Alm war, wird er die meiste Zeit seines Lebens auf Vollspaltenboden stehen und grausam im Schlachthof getötet. Wir dürfen nicht außer Acht lassen, dass die Almhaltung ein Teil eines sehr brutalen Ausbeutungssystems ist, das wir als Tierschützer_innen als Ganzes niemals gutheißen dürfen.

Abgesehen davon gibt es den auch für Tiere sehr wichtigen Aspekt des Klimawandels und der Ressourcenbelastung durch die Tierindustrie, auch bei kurzzeitiger Almhaltung. Die meisten Almen sind völlig überweidet, sodass auch die Natur sehr darunter leidet, die wiederum den Lebensraum für Wildtiere bieten soll.

Unterm Strich ist also in meinen Augen klar: Die Almhaltung ist nicht an sich gut, vielmehr wäre es gut, wenn es viel weniger Rinder gäbe und damit einhergehend viel weniger Almen. Die Wildtiere haben ein Recht auf Lebensraum, der nicht von Menschen genutzt wird. Die domestizierten Tiere sind Teil der menschlichen Gesellschaft und nicht der Wildnis. Wenn sie in Letztere gebracht werden, dann leidet die Gemeinschaft der Wildtiere darunter. Domestizierte Tiere und Menschen sollten sich daher ihre Kulturlandschaft teilen, aber den viel größeren Bereich des Landes ungenutzt und unberührt lassen, und den Wildtieren zur Selbstorganisation zur Verfügung stellen.

Ein kritischer Blick auf Almen

Die Bauernschaft und die Jägerschaft trompeten seit Erscheinen des ersten Wolfes in Österreich unisono, dass es nur die Alternative gäbe Wolf oder Almen. Beides vertrage sich nicht. Nun, erstens stimmt das überhaupt nicht. Wer einmal in den rumänischen Südkarpaten wandern war, wird bestätigen, dass dort überall bewirtschaftete Almen sind, und gleichzeitig alle Reviere mit Wolfsrudeln besetzt. Also sind die österreichischen Almbauern und Almbäuerinnen entweder zu blöd, Wolf und Almwirtschaft zusammen zu bringen, oder sie verweigern es absichtlich, aus Rumänien zu lernen. Vielleicht haben sie auch einfach keinen Respekt vor der Natur und wollen ohne Rücksicht nutzen, was sie können. Oder sie sind zu faul, umzudenken.

Wie auch immer, so baut ihr Schlachtruf „Wolf oder Alm“ darauf auf, dass man Almen für etwas Positives und Schützenswertes hält. Und tatsächlich gibts da eine Folklore, dass Almen irgendwie toll und naturnah wären. Dieser seltsamen Fantasterei möchte ich diesen Blog widmen. Nein, Almen sind grauenhaft. Sie zerstören Natur, verletzen und töten Menschen, und sie verhindern jede erholsame Wanderung. Bevor ich ins Detail gehe, möchte ich dennoch betonen, dass es für die betroffenen Rinder sicher besser ist, auf einer Alm zu sein, als – wie die restlichen 8-9 Monate des Jahres sowieso – unten im Tal in einem Stall, womöglich auch noch am Hals angekettet.

  1. Almen töten Menschen. Wiederholt sind auf Almen in den letzten Jahren Menschen von Rindern zertrampelt und getötet worden. Das betrifft zwar in erster Linie Menschen, die mit Hunden wandern, aber auch Kinder in Tragegurten. Seltsamerweise werden Rinder, wie ich selbst erst letzte Woche erleben musste, auch ziemlich aggressiv, wenn man mit einem Kleinkind in der Tragetasche vorbei wandert. Wenn fast überall Rinder gehalten werden, wird so die Wanderung mit einem Kleinkind zum Spießrutenlauf. Vielen Dank, liebe Almbauern und -bäuerinnen!
  2. Almen töten Menschen. Almen sind ja kein Naturraum. Sie entstehen durch Rodung von Bäumen und Latschen. Oft durch Brandrodung. Was bleibt ist eine Freifläche ohne Bannwald. Und das kann im Winter gefährlich werden. Regelmäßig sterben Menschen in Lawinen auf Almen, wie z.B. erst letzten Winter, weil sich ohne Bannwald Lawinen lösen, über die Freifläche fegen und Schi- oder Schneeschuhwanderer einfach töten. Vielen Dank, liebe Almbauern und -bäuerinnen!
  3. Almen verletzen Menschen. Auf Almen leben Rinder, oft über 100. Und die hinterlassen überall ihren Kot. So eine Kuhflade ist eine zeitlang sehr rutschig, wie eine Bananenschale, insbesondere wenn sie noch innen feucht ist. Eine Freundin von mir ist versehentlich auf eine solche Kuhflade getreten und hat sich dabei den Meniskus zerstört. Er wurde operativ entfernt und wenig später bekam sie ein Keramikknie. Vielen Dank, liebe Almbauern und -bäuerinnen!
  4. Almen verletzen Menschen. Almen sind oft abgezäunt. Das soll verhindern, dass die Rinder von einer zur nächsten Alm wechseln und sich dadurch mischen. Diese Zäune sind nicht selten mit Stacheldraht versehen. Will man da drüber steigen, kann man sich leicht verletzen. Eine Wanderkollegin stach sich einmal ein solches verschmutztes Drahtstück in den Oberschenkel, sodass sich eine Blutvergiftung entwickelte. Vielen Dank, liebe Almbauern und -bäuerinnen!
  5. Almen sind Kothaufen. Wer mit einem Hund auf einer Wiese spazieren geht, ist zumeist gesetzlich verpflichtet, den Kot des Hundes wegzuräumen. Nicht so bei Rindern auf der Alm. Dabei produziert ein Rind so viel Kot wie 20 Hunde. 100 Rinder auf einer Alm entsprechen also 2000 Hunden! Und so schauen unsere Berge auch aus! Will man über eine Alm auf einen Gipfel wandern, muss man oft 100 Kothaufen oder mehr übersteigen. Will man rasten, muss man den unerträglichen Kotgestank ertragen. Und oft gibt es keinen Platz mehr, sich hinzusetzen und den Rucksack abzustellen. Wer, bitte schön, wandert gerne in einer derart zugeschissenen Natur? Kein normaler Mensch, jedenfalls. Vielen Dank, liebe Almbauern und -bäuerinnen!
  6. Almen fördern die Erosion. Die alpinen Vereine werden nicht müde, die Wanderer dazu anzuhalten, insbesondere im Bereich alpiner Rasen auf den Wegen zu bleiben. Der Grund ist einfach: alpine Rasen, deren Narbe durch schwere Schuhe zerstört wurde, wachsen nur wenige Zentimeter pro Jahr wieder zu. Gehen mehrere Menschen also über dieselbe Rasenfläche, bricht bald der Rasen dauerhaft auf. Es fehlt dann das Netzwerk von Wurzeln, um die Erosion aufzuhalten. Man sieht das oft an steileren Stellen, wo Wanderer Abkürzungen nehmen. Im Extremfall rutscht dann der Hang weg. Umso schlimmer ist das aber bei Rindern! Die gehen natürlich, wo sie wollen, auch abseits von Wegen, und überall auf den Almen findet man Erosion und zerstörte Grasnarben. Vielen Dank, liebe Almbauern und -bäuerinnen!
  7. Almzäune zerschneiden Lebensräume. Die meisten Almen sind abgezäunt, wie gesagt, um das Wechseln der Tiere von einer zur anderen Alm zu verhindern. Aber Zäune zerschneiden den Naturraum. Wildtiere laufen im Dunkeln dagegen und verletzen sich am Stacheldraht. Einmal habe ich gesehen, wie ein Reh so schnell in einen Almzaun gelaufen ist, dass es sich das Genick gebrochen hat. Vielen Dank, liebe Almbauern und -bäuerinnen!
  8. Almen haben überdüngte Böden. Auf den allermeisten Almen werden deutlich mehr Tiere gehalten, als die Natur dort an Kot verträgt. Das Gebirge ist von vornherein ein sehr sensibles Ökosystem. Die harschen Winter und die kurzen Sommer machen es den Lebewesen schwer, dort zu bestehen. Eine drastische Überdüngung, wie das auf den meisten Almen jährliche Praxis ist, führt zu einer Versauerung des Bodens und vernichtet autochthone Pflanzengesellschaften. Vielen Dank, liebe Almbauern und -bäuerinnen!
  9. Almen schädigen das Klima. Es ist seit langem bekannt, dass die Rinderhaltung ein massiver Klimakiller ist. Die Haltung auf Almen verbessert da die Klimabilanz nicht, zumal das CO2-Äquivalent ja in Form von Methan aus den Mägen der Rinder kommt. Aber ich spreche von den Almen an sich. Und die sind, wie gesagt, durch Rodung entstanden. Ein Wald, vor allem ein alter Wald, bindet aber sehr viel CO2 in seinen Holzstämmen. Ohne Wald fehlt diese CO2-Senke und die Klimakrise beschleunigt sich. Das trifft auch auf Almen oberhalb der Baumgrenze zu. Dort wachsen nämlich Latschen, die auch Stämme von 20 cm Durchmesser und mehr bilden können. Auch die würden tagaus tagein CO2 aus der Atmosphäre ziehen. Aber aufgrund der Almen gibt es diese Latschenfelder nicht mehr und die Klimakrise wird verschlimmert, statt behoben. Vielen Dank, liebe Almbauern und -bäuerinnen!
  10. Almen vernichten Wald. Es erstaunt mich immer wieder, wie offensichtlich für viele Menschen hierzulande der Skandal ist, dass im Regenwald brandgerodet wird, um Weiden für Rinder zu erzeugen. Aber die Brandrodung unserer heimischen Bannwälder, um via Almen ebenfalls Weiden für Rinder zu erzeugen, soll irgendwie gut und naturverträglich sein? Nein, Ökosysteme werden dadurch zerstört, hier wie da. Umfragen ergeben seit 20 Jahren bereits, dass die Menschen für ihre Erholung eine Landschaft mit 80 % Wald bevorzugen. Durch die Vernichtung des Waldes schädigen Almen also nicht nur die Natur, sondern verhindern auch die optimale Erholungswirkung für Menschen. Vielen Dank, liebe Almbauern und -bäuerinnen!
  11. Almen erfordern Forststraßen. Almzubringer nennen sie das. Und es sei selbstverständlich notwendig. Von wem könne man verlangen, zu Fuß auf die Alm zu gehen? Noch dazu mit Rindern? Die Folge sind Forststraßen, die schon im Wald zur Holzgewinnung die schlimmsten Narben in die Natur reißen, die aber über der Baumgrenze überhaupt nur mehr den Almen geschuldet sind. Jeder kleinste Winkel wird erschlossen, jede wunderschöne Almwiese mit Baggern zu einer Großbaustelle, deren Resultat eine oft 5 m breite, unterschotterte Straße ist. Befahren zumeist von faulen Jäger_innen, die zwar von der Natur schwärmen, aber in Wahrheit heute keinen Schritt mehr gehen wollen, um Tiere zu erschießen. Überall gibt es mittlerweile Bürgerinitiativen gegen diese Almzubringer. Menschen wollen die letzten Reste unberührter Natur retten. Doch die Almwirtschaft fährt über diese Bedürfnisse rücksichtslos drüber. Vielen Dank, liebe Almbauern und -bäuerinnen!
  12. Almen verseuchen das Quellwasser. Wie wunderschön, wenn klares Wasser direkt aus dem Berg sprudelt. Nichts schmeckt besser! Außer es sprudelt auf einer Alm. Dann darf man das Wasser nicht trinken, sondern muss es abkochen, wie z.B. auf der Henaralm im Toten Gebirge. Wer es dennoch einfach so trinkt, darf kotzen gehen, wie mein Wanderkollege. Jeder Wanderführer warnt davor, aus einem Bach zu trinken, in dessen Oberlauf eine Alm liegt. Und aus gutem Grund. Vielen Dank, liebe Almbauern und -bäuerinnen!
  13. Almen produzieren massenweise Fliegen. Wer auf hochalpinem Rasen wandert, wird normalerweise wenig Fliegen antreffen. Im Almbereich kann man sich kaum hinsetzen und jausnen, weil da so viele Fliegen kommen. Die Erklärung ist einfach. Fliegen legen ihre Eier auch in Kothaufen und Kuhfladen. Dort schlüpfen dann die Gülle- und Kotmaden, die sich am Kot gütlich tun, zu Fliegen werden und wieder ihre Eier legen. Kein Wunder, dass nicht nur die Kühe sondern auch die Wanderer auf der Alm im Fliegenschwarm ertrinken. Vielen Dank, liebe Almbauern und -bäuerinnen!

Wie ist das mit Wölfen? Töten die regelmäßig Menschen, oder verletzen sie? Zerstören die Ökosysteme, verschandeln die Natur, kacken unsere Berge zu, vernichten den Wald und bedrohen das Klima? Wenn – ja, wenn! – es darum ginge, Wald oder Wolf, dann wäre die vernünftige Antwort klar: der Wolf ist ein positiver Faktor im Ökosystem und keine Gefahr für Menschen, die Alm ein extrem negativer Faktor und sehr wohl eine Gefahr für Menschen.

Das einzige Argument, das für Almen vorgebracht werden kann, ist, dass eine Wiese im Mittel eine größere Artenvielfalt aufweist, als ein Wald oder ein Latschenfeld. Auch wenn die Wiese künstlich geschaffen wurde. Naja, es gibt gerade über der Baumgrenze sehr viele natürliche Wiesen, die ohne die Überdüngung durch Almen sogar eine viel größere Artenvielfalt hätten. Und unter der Baumgrenze sind die natürlichen Wiesen nur deshalb rar, weil die Menschheit in ihrer unendlichen Weisheit die großen Säugetiere ausgerottet hat, wie den Auerochsen und den europäischen Steppenbison bzw. deren Hybrid, das Wisent, die solche Freiflächen schaffen würden. Diese Tiere wären mir 1000 x lieber, als die Haufen domestizierter Rinder aus der Hochleistungszucht, ob für den Fleischansatz oder die Milchproduktion, auf den Almen. In den Südkarpaten bin ich wilden Bisons begegnet, die mühsam nachgezüchtet und dort wieder ausgesetzt worden sind. Es war ein wunderschönes Erlebnis. Bei der Begegnung mit den völlig verkoteten Almen dreht sich mir der Magen um.

Und das ist meine Vision: weg mit den Almen, eine vegane Gesellschaft ohne Rindernutzung, und wieder Einbürgerung von Auerochse und europäischem Bison. Rumänien zeigt, dass zumindest Letzteres funktionieren könnte. Würden wir vegan leben, dann könnten 75 % der Ackerflächen wieder renaturiert werden. Genügend Platz für Wolf, Bär, Luchs und Bison!

Eine interessante Utopie aus berufenem Munde, die diese Vision auf die Spitze treibt, beschreibt Tim Flannery in seinem Buch „Europa. Die Ersten 100 Millionen Jahre“. Ganz ohne Almen. https://martinballuch.com/europa-ein-plaedoyer-fuer-wildnis-und-gegen-die-invasive-nutzung-der-natur/

Wissenschaftliche Referenzen und weitere Fakten zu diesem Beitrag finden sich hier: https://martinballuch.com/fakten-zu-ein-kritischer-blick-auf-almen/

Wir haben viel zu viele Almen in unseren Bergen!

Gleich zu Beginn: ich finde dieses Urteil gegen den Landwirt, dessen Kühe auf einer Alm eine Frau getötet haben und der dafür zu einer Schadenersatzzahlung von gut € 500.000 verurteilt wurde, katastrophal. Ich hoffe sehr, dass es in der nächsten Instanz aufgehoben wird. Unter den gegebenen Umständen ist es eindeutig am besten, dass die Kühe weiterhin auf die Alm dürfen, und die Wanderer weiterhin ungehindert durchgehen können. Konflikte mit Kühen, sowie Hunde als Wanderpartner, gehören in die Eigenverantwortung. Man kann ja nicht auch den Bergbesitzer wegen hinunter fallender Steine oder wegen Blitzen beim Wandern klagen. Ich will jedenfalls keineswegs, dass jemand verpflichtet wird, Steine und Blitze zu verhindern. Genauso wenig Konflikte mit Kühen. Wir brauchen mehr Eigenverantwortung am Berg.

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