Hunt Saboteurs Association: Sabotage von Fuchsjagden

Als ich nach England kam, um dort an der Uni zu arbeiten, stieß ich bereits in den ersten Tagen zu einem Treffen der „Cambridge Anti Bloodsports Society“ (CABS). Mit Blutsport ist die Jagd gemeint. Zunächst hatte ich wenig Vorstellung, was die CABS eigentlich so tat und bei den Treffen in den ersten Monaten geschah absolut überhaupt nichts. Erst später fand ich heraus, dass mich die „Sabs“ (steht für Saboteurs, also die gegen die Jagd agierenden TierschutzaktivistInnen) für einen Polizeispitzel gehalten hatten und daher bei den Treffen solange über nichts sprachen, solange ich anwesend war. Schließlich schmolz das Eis aufgrund meiner Hartnäckigkeit und nachdem man meine Arbeitsstelle am Department for Applied Mathematics an der Uni Cambridge besucht hatte.

Die CABS verstand sich als lokale Gruppe der Hunt Saboteurs Association (HSA), einem Netzwerk von Grassroots Aktivismusgruppen, die Hetzjagden stören gehen. Gegründet bereits Ende 1963, ging man erstmals im Jänner 1964 zu einem Fuchsjagdtreffen (siehe https://martinballuch.com/die-fuchsjagd-in-england/), um die Hundemeute von ihrem Opfer abzubringen. Der frühe Beginn dieses Tierschutzaktivismus hängt auch sicher damit zusammen, dass die Hetzjagd ein Zeitvertreib der Aristokratie ist, die Proteste dagegen also auch ein Klassenkampf in der Gesellschaft. Tatsächlich ist die abwertende Arroganz, mit der die JägerInnen hoch zu Ross die NormalbürgerInnen behandeln, kaum zu überbieten. Einmal sagte so ein Master of Foxhounds zu mir, dass jeder Goldknopf an seiner roten Jacke mehr Geld wert sei, als ich in meinem Leben je verdienen werde.

Nichtsdestotrotz konzentrierten wir bei CABS und der HSA unsere Aktivitäten darauf, die Füchse zu retten. Dazu musste man zu allererst lernen, die Signale auf dem Jagdhorn zu imitieren. Bald war ich sehr gut damit in der Lage, die Hund zu mir zu rufen – zum großen Ärger der Jägerschaft. Hatte das der Huntsman selbst gar nicht gemerkt, konnte ich mit den Hunden auf Wanderschaft gehen und sie bis zu mehreren Stunden bei mir behalten. Das war aber die große Ausnahme, zumal wir unter ständiger Beobachtung der Followers und später der Jagdstewards, eine extra gegen JagdsaboteurInnen eingesetzte Security, und der Polizei standen.

Eine andere Möglichkeit, die Hunde zu verwirren, ist die Benutzung des sogenannten Gizmo. Dazu nahmen wir das Geschrei der Hunde auf, wenn sie sich gegenseitig mitteilen, dass sie die Fuchsspur gefunden haben. Das Gizmo besteht aus einem Abspielgerät und einem Lautsprecher, mit dem wir dieses Geschrei wiedergeben können. Irgendwo im Gebüsch versteckt gelingt es damit sehr oft, alle Hunde zu sich zu rufen und von der Fuchsspur abzulenken. Sie glauben dann, dass wir Hunde sind, die die richtige Fuchsspur gerade entdeckt hätten.

Weitere Möglichkeiten, die Hunde zu bremsen, sind eine falsche Spur zu legen oder die echte Fuchsspur mit Zitronella-Spray zu überdecken. Zur Herstellung einer falschen Fährte fuhren wir in den frühen Morgenstunden zu einem befreundeten Tierheim mit Füchsen und sammelten deren Urin und Kot ein. Mit Wasser gemischt ergab das einen starken Duft, den wir den Waldrand entlang und über Felder und Wiesen legten. Wenn die Hunde dann unserer Spur folgten, und die ganze Reitergesellschaft begeistert hinterher schoss, lachten wir uns ins Fäustchen.

Kommt es hart auf hart, d.h. sehen wir den Fuchs in die Büsche entkommen und knapp dahinter tauchen schon die Hunde auf, dann bleibt nur, einen Whipper-in zu simulieren. Dafür hatten wir ebenfalls Hundepeitschen dabei, mit denen wir uns auf die Fährte stellten und laut in der Luft knallten. Die Hunde waren darauf dressiert, dann sofort stehen zu bleiben und betreten zu Boden zu schauen. So konnte der Fuchs wertvollen Boden gutmachen.

Doch die Jagdgesellschaft hat, wie in Österreich auch, großen Einfluss auf die Politik und so wurden zuerst 1986 und dann noch einmal 1992 Gesetze gegen das Stören von Fuchsjagden eingeführt. Innenminister Michael Howard von den Konservativen machte es zu einer kriminellen Straftat, auf eine Fuchsfährte Zitronensaft zu spritzen! Ich war der erste englische Aktivist, der deshalb vor Gericht stand. Allerdings wurde ich freigesprochen – der Staatsanwalt konnte sich nicht dazu durchringen, die Anklage aufrecht zu erhalten, weil sie ihm so absurd schien. Dennoch gab es später viele Verurteilungen.

Als dann 2004 das Hetzjagdverbot kam, wurde einmal mehr klar, dass die Jagd in England ein Klassenthema ist. Während man gegen die JagdsaboteurInnen seitens der Exekutive drakonisch vorgegangen war, ließ man die nun illegal jagenden Eliten mehr oder weniger ungestört. Hier ein guter, aktueller Artikel, der die Situation in England neutral darstellt: http://leftfootforward.org/2014/11/a-decade-on-from-the-ban-fox-hunting-is-still-thriving/. Es ist eine Gefahr für den Rechtsstaat, wenn ein Segment der Gesellschaft über dem Gesetz steht.

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