Die menschliche Nase funktioniert – laufende Motoren stinken!

Als ich bei einer Podiumsdiskussion über mein Buch von meiner engen Freundschaft mit Hund Kuksi sprach und meinte, der einzig richtig wesentliche Unterschied zwischen uns bestünde darin, dass meine VorfahrInnen vom Äquator kommen und ich daher nicht nackt im Schnee stehen kann – und zwar überhaupt nicht! –, sagte Prof. Ludwig Huber, nein, es gebe größere Unterschiede, z.B. die Nase. Nun, meine Aussage hat sich hauptsächlich darauf bezogen, dass viele PhilosophInnen einen qualitativen, unüberbrückbaren Unterschied zwischen Menschen und anderen Tieren in der Sprache sehen. Menschen nutzen die Sprache zum Denken, Hunde nicht, daher sind sie unvergleichbar. Meine Erfahrung in der Wildnis ist das nicht. Dort denke ich auch ohne Sprache. Wenn Kuksi und ich uns überlegen, wie wir eine Felsstufe überwinden, die sich vor uns aufbaut, dann machen wir das auf dieselbe Art. Ebenso bei einem wilden Fluss, der zu überqueren ist, oder anderen Gefahren. Wir entscheiden beide vernünftig und beide auf der Basis mentaler Bilder, mit denen wir uns die Überwindung des Hindernisses zunächst ausmalen, bevor wir es in der Realität angehen.

Anders im Schnee. Erst vorletztes Wochenende, siehe https://martinballuch.com/3-tage-im-schnee/, huschte ich einmal nackt vor das Zelt in den Schnee, um Wasser zu lassen. Oberschenkeltief ohne Schutz im Schnee zu stehen überlebe ich jedenfalls nicht sehr lange. Nach gerade einmal 2 Minuten drohten die ersten Erfrierungen. Ganz anders bei Kuksi, meinem Hundefreund. Der geht tage-, ja wochenlang nackt durch den Schnee, auch bei -15 Grad im vollen Schneesturm, und hat keinerlei Problem. Er besitzt ein Wärmeaustauschsystem in den Blutbahnen der Beine, sodass diese sehr kühl bleiben können. Ich dagegen muss selbst die Zehenspitzen auf 37 Grad aufwärmen, der Schnee schmilzt dabei, die Gliedmaßen verlieren Wärme und erfrieren. Das ist wirklich ein qualitativer Unterschied zwischen uns.

Huber nannte die Nase als Gegenbeispiel für meine Behauptung und, zugegeben, die Nase bei Hunden ist wirklich bemerkenswert. Wenn ich so miterlebe, was Kuksi alles riechen kann – z.B. unsere Spur zwischen Felsen im Steilwald, 8 Stunden nachdem wir dort gegangen waren, siehe https://martinballuch.com/wenn-hunde-menschen-helfen/, bin ich sehr beeindruckt und verlasse mich auf ihn. Aber auch die menschliche Nase ist durchaus in der Lage, Wildtierspuren zu folgen. Als ich mich in den 1990er Jahren in England gegen die dortige Fuchsjagd mit Hundemeuten engagierte, lernte ich die Spur eines Fuchses zu erriechen und ihr folgen zu können – allerdings nur 10 Minuten oder so nachdem der Fuchs dort vorbeigekommen war. Diese Fähigkeit war essentiell, um eingreifen zu können und den Fuchs zu retten. Umgekehrt legten wir auch falsche Fährten mit Fuchsgeruch aus Wildtierspitälern, in denen diese Tiere wegen Verletzungen gebracht worden waren, die sie durch die Jagd erhalten hatten. Der Fuchsgeruch wurde mir also zur Gewohnheit. Ebenso kann ich andere Wildtiere im Wald riechen, und Wasser, und Leichen im Verwesungszustand 200 m gegen den Wind, und Schwammerln im spätsommerlichen, feuchten Wald usw.

Die Nase ist auch wesentlich bei der Partnerwahl. Das Biom, d.h. die Mikrobenwelt, die 90% der Zellen an und in unserem Körper ausmacht, bestimmt unseren Körpergeruch. Das Biom ist aber auch ein Faktor für die Immunität gegen gewisse Krankheiten, für Anfälligkeit gegenüber Allergien, für die Fitness und die Gesundheit generell, aber auch für die Fruchtbarkeit. Biom-inkompatible Personen können wir deswegen nicht riechen, wie der Volksmund sagt, d.h. wir mögen sie nicht.

Aber auch in der Riechfähigkeit der Nasen scheinen wir Menschen uns sehr zu unterscheiden. Wenn ich durch einen Wald gehe und eine Jägerin braust in einem Auto vorbei, kann ich die Auspuffgase noch 10 Minuten später deutlich unangenehm wahrnehmen. Kürzlich stieg mir der Gestank eines Dieselmotors im Wald in die Nase und wenig später stieß ich auf eine Forellenzucht, dessen Stromversorgung durch einen Dieselgenerator betrieben wurde. Dieser Geruch ist mir absolut unerträglich. Deshalb muss ich mich sehr zurückhalten, wenn ich in der Stadt auf ein Auto stoße, das einfach mit laufendem Motor herumsteht, die FahrerInnen völlig ungerührt. „Es stinkt!“, möchte ich schreien, doch sage ich mich meistens nichts. Ich könnte niemals mit einem Auto durch einen Tunnel oder in eine Tiefgarage fahren, ohne die Luftzufuhr vorher abzudrehen. Ansonsten bekomme ich beklemmende Gefühle, als würde ich ersticken oder demnächst in Ohnmacht fallen. Gestern erst kam ich mit meinem Fahrrad in die Tiefgarage unseres Büros und dort, im geschlossenen Raum, stand ein Auto mit laufendem Dieselmotor, während zwei Männer dahinter einen Anhänger beluden. Ich fragte die beiden, ob sie wahnsinnig seien. In Treblinka wurden 1 Million Menschen innerhalb von 30 Minuten mit einem Dieselmotor vergast! Sie blickten mich an, als wüssten sie nicht, was ich meinen könnte.

Wie ich einer Kollegin davon erzählte, meinte sie, sie würde Autoabgase überhaupt nicht riechen. Sie habe noch nie in einer Tiefgarage ein Geruchsproblem gehabt. Kann das der Unterschied sein, warum mich das so aufregt, aber so viele andere nicht? Wenn man ununterbrochen in der Stadt zwischen Straßen lebt, ständig fahren Autos vorbei, ständig stinkts nach Abgasen – vielleicht riecht man das dann einfach nicht mehr? Wenn man nie im Wald ist, nie frische Luft atmet, nie weiß, wie Luft eigentlich riecht, wenn sie nicht durch Abgase verseucht ist – vielleicht kennt man das dann einfach gar nicht?

In dieser seltsamen menschlichen Gesellschaft, für die Abgase nicht stinken, aber alles immer zu kalt ist und unbedingt beheizt werden muss bis man ohnmächtig wird, in der Beton und Leuchtstoffröhren die Atmosphäre bestimmen, aber Bäume und Grün nicht abgehen, in der man froh ist, wenn kein Schnee fällt, und der Klimawandel mit „endlich wird’s wärmer“ kommentiert wird, in der Fichtenmonokulturen und Forststraßen unkritisiert bleiben, aber ein Urwald aufgeräumt gehört, in der Wölfe, Bären und Luchse als „zu gefährlich“ gelten und abgeschossen werden usw., da fühle ich mich wie ein Alien von einem anderen Stern.

5 thoughts on “Die menschliche Nase funktioniert – laufende Motoren stinken!

  1. Veronika says:

    30% der Hunde in Ungarn erfrieren jedes Jahr. Hunde erfrieren genauso wie Menschen. Auch die Beine können ihnen abfrieren. War sogar vor kurzem so ein Fall in den Medien (USA). Nur wenn sie sich bewegen können; und wenn sie genügend Unterwolle haben – was nicht bei jeder Rasse der Fall ist – können sie im Winter draußen im Freien überleben.

  2. Tina says:

    Das ist ja lustig, ich wusste gar nicht, dass auch Hunde dieses praktische „Wärmeaustauschsystem“ haben. Aber erscheint logisch 😉 Wie ist das eigentlich wenn sie im Schnee _sitzen_?

    Allerdings erklärt unsere Herkunft, vielleicht auch, warum wir warmes Wetter toll finden und unsere Räume „überheizen“. In Afrika ist es nun mal recht warm 🙂

  3. Veronika says:

    Da wird wieder so einiges total vermischt, was miteinander nichts zu tun hat.
    Zufällig sah ich gestern eine Doku über den Nationalpark Kiskunság http://www.prisma.de/tv-programm/Puszta-Im-Schatten-der-Wanderduenen,3804557 Sehr empfehlenswert. In diesen Nationalpark sind auch Wölfe wieder zurückgekehrt. Ein Beispiel dafür, dass es doch viele Menschen gibt, die sich um unberührte Natur bemühen. Allerdings gehört zur unberührten Natur die Abwesenheit von Menschen. Wenn ganz wenige dort herum wandern mag das angehen, aber wenn es mehr werden, ist sie eben nicht mehr unberührt und die Tiere verschwinden wieder.
    Wie und was mein Hund denkt, weiß ich nicht. Aber er denkt sicher und er ist oft sehr vertieft in seine Gedanken, wenn wir z. B. mit dem Auto fahren. Da schaut er verträumt vor sich hin, oder in sich hinein. Manchmal muss ich ihn zum Aussteigen auffordern, weil er gar nicht mitbekommt, dass wir zu Hause angekommen sind. Er fährt gerne Auto. Auch ein Hr. Balluch + Hund fährt vermutlich mit dem Auto in die Nähe der Wildnis. Und ja … die Autoabgase stinken. Ich kann sie auch riechen.
    Hunde riechen jedoch wirklich viel besser als Menschen. Sie können in einer Brandruine einen Tropfen Brandbeschleuniger riechen. Sie riechen Krebs und sie riechen epileptische Anfälle Stunden bevor sie geschehen.
    Ich persönlich denke nie in Bildern und deshalb kann ich auch nur schwer nachvollziehen wenn Menschen mir erklären, sie würden im Wachzustand in ihrem Kopf Bilder, oder ganze Filme sehen. Auch zwischen Menschen gibt es große Unterschiede.
    Jedenfalls denke ich, dass die meisten Hunde den meisten Menschen intellektuell überlegen sind. Denn während die meisten Menschen nicht verstehen lernen wie Hunde reagieren und deren Sprache niemals erlernen, verstehen die meisten Hunde sehr wohl wie Menschen reagieren und sie sind fähig deren Sprache zumindest ansatzweise verstehen zu lernen. 🙂

  4. Martin C. says:

    Im Abgas-Mix der Stadt lassen sich Abgase einzelner Verbrennungsmotoren tatsächlich kaum wahrnehmen, erst in geschlossenen Räumen und in der Natur merkt man den penetranten Gestank den bereits ein einzelnes Fahrzeuge verbreitet.

    Vom Wetterbericht wird immer nur sonniges, trockenes und warmes Wetter als positiv dargestellt, regnerisches jedoch immer als negativ, selbst wenn die Natur bereits unter lang anhaltender Trockenheit leidet. Bei den meisten Menschen kommt die Botschaft auch so an, sie denken nicht weiter als es die eigenen Bedürfnisse zulassen.

  5. Sonja says:

    so true!!! Wieder mal fast hundertprozentige Zustimmung zu deinen Artikel (bis auf mein Limit an Kältebeständigkeit ohne warmer Kleidung im FEUCHTEN Winterklima). Hitze und zu warme Temperatur ertrage ich jedoch auch sehr schwer und reiße fast immer das Fenster auf, wenn es wo zu heiß ist und die Luft dringend verbessert gehört!

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