Ein Hund, ein Fuchs, ein Pavian und Immanuel Kant

Kuksi und ich liegen im Sommer auf einer Bergwiese mit geschlossenen Augen nebeneinander. Die Sonne ist hinter den Wolken versteckt und es ist angenehm kühl. Doch langsam geben die Wolken die Sonne frei und es wird heiß. Ich richte mich auf, blinzle in das strahlende Licht. Kuksi neben mir macht zur gleichen Zeit dasselbe. Auch ihm wird heiß. Ich schau mich um. Dahinten ist ein großer Fels mit kühlem Schatten. Gleichzeitig stehen wir auf, gehen hinüber und legen uns im Schatten wieder nieder. Wir hatten dieselbe Idee. Kuksi ist mein Hundefreund.

Ich bin ein Wesen, für das Dinge in der Welt gut oder schlecht sein können. Die heiße Sonne war schlecht für mich. Ich bin aber auch ein Wesen, das autonom entscheiden kann, etwas zu unternehmen, um die Umwelt so zu arrangieren, dass sie besser für mich ist: ich ging in den Schatten. Nur, Kuksi hat genauso gehandelt. Es gibt keinen Grund anzunehmen, wir hätten bei diesem Vorfall anders empfunden oder aus anderen Gründen gehandelt, er als Biomaschine genetisch gesteuert, ich als rationales Wesen mit freiem Willen. Es gibt keinen Grund zu glauben, Kuksi hätte nicht, wie ich, durch Denken und eine bewusste Entscheidung sein Problem gelöst. Auch ich dachte mir die Lösung meines Problems nicht mit Worten aus, aber gedacht und bewusst entschieden habe ich trotzdem.

Immanuel Kant meint, Menschen wären Zwecke an sich, weil sie autonom ihr Leben so gestalten können, dass es zu ihrem persönlichen Leben wird. Nichtmenschliche Tiere seien kein Zweck an sich sondern nur Mittel zum Zweck, weil sie genau das nicht könnten. Aber hat Kuksi nicht gerade sein Leben selbst in die Hand genommen und gestaltet, nicht mehr und nicht weniger als ich?

Kürzlich las ich ein Buch von einer Frau, die zwar deutlich machte, dass sie nichtmenschlichen Tieren Leid ersparen will, aber ihnen gleichzeitig keine Autonomie zutraut. Ihrem Eindruck nach können Hunde nicht einmal eine Beziehung zu einem Menschen aufbauen, sondern „lieben“ immer den, der ihnen etwas zu essen gibt. Ich bin entsetzt! Wie kann man nur derart falsch liegen! Kuksi, der ein Wesen ist, dem Essen viel bedeutet, würde nie mit irgendwelchen Fremden mitgehen und mich verlassen, auch wenn sie ihm noch so viele verführerische Leckerlis vor die Nase halten. Er geht, oft zu meinem Leidwesen, nicht einmal mit ihm fremden oder auch nicht sehr tiefgehend bekannten Personen spazieren, obwohl er für sein Leben gern außer Haus kommt.

Für diese Autorin sind Hunde völlig unverständliche Wesen, ganz anders als „wir“. Wer behauptet, mit Hunden befreundet zu sein und zu wissen, was sie fühlen, würde nur „anthropomorphisieren“, sozusagen seine eigenen Vorstellungen in „das Tier“ hineinprojizieren. In Wirklichkeit sei „das Tier“ eine tickende Zeitbombe, jederzeit zu völlig irrationalen Angriffen bereit. Vermutlich hat Kant nichtmenschliche Tiere nicht viel anders gesehen.

Und nicht nur er. Im Film „12 years a slave“, der eben 3 Oscars gewonnen hat, wird ein weißer Sklavenhalter 1855 in den Südstaaten der USA von einem Kritiker der Sklaverei, verkörpert von Brad Pitt, gefragt, warum er seine SklavInnen nicht als Personen anerkenne. „They are baboons“, sagt er, die sind Paviane. Tiere also, die „wir“ nicht verstehen können, tickende Zeitbomben, die ganz seltsam irrational agieren, und die man daher immer kontrollieren muss. Sie seien nur Mittel für seinen Zweck. Ich bin immer wieder verblüfft, warum SpeziesistInnen diese Parallele zum Rassismus nicht sehen können. Bei Menschen sei diese Einschätzung zwar falsch, aber bei „Tieren“ eben richtig, meinen sie. Blind durch Indoktrinierung, hier wie da.

Heute, um 19:30 Uhr, lief mir in der Stadt ein Fuchs über den Weg. Er überquerte eine Straße, als auf der gegenüberliegenden Fahrbahn Autos daher kamen. Der Fuchs blieb mitten auf der Straße stehen, wartete ab, bis die 3 Autos vorbeigefahren waren, und ging dann weiter auf die andere Straßenseite. Er wirkte ruhig, ohne Panik, er hatte alles im Griff. Und er handelte zielstrebig. Er wollte auf die andere Straßenseite. Auch er hat sich aktiv sein Leben so eingerichtet, dass es für ihn gut ist. Auch er ist ein Zweck an sich und für niemanden bloßes Mittel zum Zweck. Man muss wirklich blind sein, um das nicht zu sehen.

8 thoughts on “Ein Hund, ein Fuchs, ein Pavian und Immanuel Kant

  1. Eva Windisch says:

    Wunderschön geschrieben. Ich liebe Ihre Einstellung zu unseren vierbeinigen Freunden. Ich empfinde genauso. Meine 5 Hunde sind meine Freunde und exakt so behandle ich sie auch. Mit gutem Gewissen könnte ich 24 Stunden am Tag mit ihnen tauschen. Respekt, Demut, Achtsamkeit, Güte, Verständnis und Empathie sind der Schlüssel zu einer lebenslangen wunderbaren Freundschaft mit diesen unglaublichen Tieren.

  2. Tobias says:

    @Dean: Tiere sind halt die besseren Menschen? 😉

  3. Dean says:

    Also eine sehr berührende, traurige und wahre Geschichte, verfilmt mit Richard Gere, ist Hachiko!
    http://de.wikipedia.org/wiki/Hachik%C5%8D

    Dort wird sehr schön und deutlich Treue, Pflicht, Hoffnung und Liebe, Beharrlichkeit, Ausdauer und einfach eine bemerkenswerte und wahre, über alle Zeit hinaus bestehende Freundschaft gezeigt! Ich hab viel weinen müssen bei diesem Film!
    Und wie hat schon Schoppenhauer gesagt?
    Dass mir der Hund das Liebste ist,
    sagst du o Mensch sei Sünde!
    Doch der Hund bleibt mir im Sturme treu –
    der Mensch nicht mal im Winde!

    MfG
    Dean

  4. Paula says:

    Die Streunerhunde in der Ukraine haben mir die Augen geöffnet! So ein intelligentes Kollektiv war da bei uns im Ort.

  5. Susanne Veronika says:

    Diese Autorin gibt nur wider was man ihr eingeredet hat. Unsere Gesellschaft baut auf philosophischen und religiösen Theorien auf, die von Männern ersonnen wurden.
    “ Auf geistlichen Konzilien wurde lebhaft die Frage besprochen, ob die Frau eine Seele habe, es wurden gelehrte Abhandlungen über die Frage geschrieben, ob sie überhaupt ein Mensch sei.“ (Adler – http://www.textlog.de/adler-psychologie-vorurteil-minderwertigkeit-frau.html) Die Philosophen sind ein Grundübel unserer Gesellschaft – tut mir Leid wenn ich das so offen sage. Sie haben mehr Unheil angerichtet als man sich vorstellen kann. Wenn man schon Menschen als minderwertig ansieht und für „nichtmenschlich“ hält, wie soll man dann erst Tiere betrachten? Allerdings sollte eine moderne, aufgeklärte, gebildete Frau selbstständig denken können, statt alte Blödheiten nachzuplappern.

  6. ZISSER Martina says:

    Es geht hier gar nicht darum wie intelligent Tiere sind. Tiere sind einfach fühlende Lebewesen, das was sie auch mit uns Menschen gemeinsam haben. Man muss besser mit ihnen umgehen. Am schlimmsten finde ich Tierversuche und verstehe die Menschen gar nicht, die so etwas übers Herz bringen, es ist etwas, was mich sehr traurig macht. Es gehört schlicht und einfach verboten. Wie sehr die armen Tiere leiden. Und es stimmt, zu den Tieren hatte ich als Kind schon immer eine besondere Beziehung. Man kann auch nicht von Recht und Unrecht sprechen, wenn man die Situation zwischen Tier und Mensch beschreiben will, den einzig Schuld sind die Menschen. Sie haben die menschliche Art zu denken, obwohl Tiere ja auch denken, nur sicher nicht wie wir.
    Also ist alles, was den Tieren passiert einzig und alleine die Schuld des Menschen und nur sie gehören dafür bestraft, denn sie sind im Unrecht.
    Menschen haben eine andere Intelligenz als Tiere, doch wer sagt, das dies die richtige ist? Wer zerstört mehr auf diesem Planeten – Menschen oder Tiere?
    Das diese Wahrheit niemand sieht, aber meine ist es.

  7. Wer heute noch meint, Tiere haben keinen eigenen Willen, keine eigene Entscheidungskraft – der sollte, würde ich ihm vorschlagen, sich mal untersuchen lassen – ob mit ihm alles im Hirn in Ordnung ist. Wie vieler Beweise braucht es denn noch?
    Ich sah einen Film von kanadischen Wissenschaftlern, die nachwiesen, dass Raben sich sehr wohl Gesichter von Menschen merken konnten, von denen einmal Gefahr für sie Ausgang und dies sogar ihren Nachkommen vermittelt haben. DIe Nachkommen dieser Raben erkannten sogar das „schlechte Gesicht“ in einer ganz anderen Stadt.
    Meiner Meinung nach sind solche Behauptungen, Tiere haben keine Gefühle, sind nicht autonom in ihrem Handeln und so weiter einfach Schutzbehauptungen um nicht darüber nachdenken zu müssen ob das alles so richtig ist, was der Mensch hier auf der Erde so veranstaltet. Manchmal bin ich sehr traurig zu wissen, dass auch ich zu diesen Menschen gehöre, auch ich Jahre lang Fehler begangen habe ohne das es mir wirklich bewusst war…

  8. Ich war vor Jahren relativ oft in Bosnien, genau genommen in Tuzla. Ich habe dort geholfen ein Tierasyl aufzubauen. In der Stadt war es immer sehr spannend zu sehen, wie die vielen Streunerhunde bei den Fußgängerampeln stehen blieben und sich an den Menschen hielten. Sind die Menschen über die Straße gegangen sind auch die Hunde mitgegangen. Anfangs dachte ich die Hunde gehören zu den Menschen bis ich eben erkannte, dass es Streunertiere waren. Es war echt spannend zu beobachten wie sie sich durch die Stadt schlugen. Sie haben eindeutig gelernt wie man überlebt und nahmen die Menschen als Schutzschild. Sie wussten dass sie ohne Mensch in Gefahr laufen würden absichtlich oder unabsichtlich überfahren zu werden. Die Hunde haben also meiner Meinung nach ihr Wissen und ihre Erfahrungen untereinander weitergegeben.

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