Im Käfig haben es Nerze besser als in Freiheit?

Vier Wochen Gerichtsferien sind vorbei und wir sitzen wieder drei Mal pro Woche in Wr. Neustadt beim Tierschutzprozess. Es war eine erholsame Zeit. Nicht, dass ich nur herumgesessen wäre und aus dem Fenster geschaut hätte, nein. Ich war viel bergsteigen, war in den eisbewährten Ötztaler Alpen genauso wie im Hochschwab in Felswänden oder auf tagelangen Gebirgswanderungen u.a. in Gewitter und Regen. Mich persönlich hält es keinen einzigen Tag zu Hause. Ich möchte hinaus, möchte die Natur spüren, den Regen und den Wind, die Felsen und das Gletschereis.

Biologisch gesehen ist das Stress, wenn man sich in einer Felswand dem möglichen Absturz, auf einem Gletscher dem drohenden Fall in die Spalten oder beim Wandern dem potentiellen Blitztod aussetzt. Ich habe das freiwillig und gerne gemacht. Das war mir viel lieber, als zu Hause in Sicherheit im Lehnstuhl zu sitzen, auch wenn das weniger sogenannten „Stress“ bedeutet.

Am Mittwoch war ein Sachverständiger zur Frage, ob die Befreiung von Nerzen aus 0,27 m² großen Käfigen im Jahr 1997 eine Tierquälerei war, beim Prozess anwesend. Er ist im übrigen wissenschaftlicher Beirat des deutschen Jagdschutzbundes, ein regelmäßiger Sprecher auf Jägertagungen und am Institut für Jagdwirtschaft angestellt. Im Vorfeld wurde von der Verteidigung versucht, ihn wegen Befangenheit abzulehnen, immerhin hatte er sich bereits mit dem Angeklagten, dem diese Befreiung vorgeworfen wird, ein Schreiduell geliefert. Normalerweise bedeutet so etwas Befangenheit, nicht aber in einem Tierschutzprozess. Da sind alle Jagdfreunde und Schweinezüchter als Sachverständige willkommen. Stattdessen hatte die Polizei den Linguisten gefragt, ob er Tierschützer ist, um ihn bejahendenfalls nicht als Sachverständigen zu nehmen.

Und der Sachverständige vom Jagdschutzbund fällte ein klares Urteil: die Befreiung von Nerzen aus ihren Käfigen ist Tierquälerei. Er sagte sogar – und hier kommt der Bezug zur obigen Einleitung – die Nerze im winzigen 30 cm x 90 cm Drahtgitterkäfig würden keinen Stress empfinden. Sie bekämen zu essen und zu trinken und müssten sich nicht vor Beutegreifern fürchten. Das Leben in Freiheit wäre aber ein großer Stress und deshalb hätten es auch jene Nerze schlechter getroffen als ihre Artgenossen im Käfig, die in der Freiheit jahrelang überlebt und sich fortgepflanzt haben! Stereotypien im Käfig, z.B. das ständige Pendeln mit dem Kopf und die immergleichen Bewegungen, habe er auf Pelzfarmen nie gesehen. Vielleicht sollte er einmal unsere Filme von Pelzfarmen anschauen, wo es von Stereotypien nur so wimmelt. Leid, sagte er noch, sei nicht messbar, nur Stress, und deshalb wäre ein Käfigverbot nur ein menschliches Werturteil, das mit Verbesserungen im subjektiven Erleben der Tiere nichts zu tun hätte!

Dabei stellte sich unser Jagdschutzbeirat klar gegen die Wissenschaft. In seinem Gutachten zitierte er nur eine einzige wissenschaftliche Arbeit, die sich auf Nerzbefreiungen bezog. Und die kam zu ganz anderen Ergebnissen als er. Dort stand, erstens, dass auch noch so viele Generationen von Züchtungen auf Pelzfarmen die Tiere nicht weniger fähig gemacht haben, in der Wildnis zu überleben. Sie müssten das zwar erst lernen, würden das aber, zweitens, nach 1 – 1,5 Monaten geschafft haben. Nach dieser Zeit sind befreite Nerze genauso gut in der Lage in der Wildnis zu überleben, wie Nerze, die in Freiheit geboren wurden. Bis dahin – nach 1 bis 1,5 Monaten – seien zwar fast 50% gestorben, aber das sei auch kein bemerkenswert höherer Prozentsatz, als die Todesrate für wildgeborene Nerze bis zur Geschlechtsreife. Stresslevel durch die Befreiung wurden jedenfalls nie gemessen.

Doch unser Jagdschutzbeirat hatte über Stressmessungen an Hasen seine Diplomarbeit geschrieben und von diesen Erfahrungen extrapolierte er freimütig: Die Todesrate stieg dadurch plötzlich auf 80-90% und die befreiten Nerze hätten langanhaltend an Stress gelitten.

Der Staatsanwalt wird daher in Kürze die Anklage um den Vorwurf „Tierquälerei“ erweitern.

4 thoughts on “Im Käfig haben es Nerze besser als in Freiheit?

  1. Philipp says:

    Ich verweise auf eine Studie über 8 Jahre befreite Nerze in freier Wildbahn von denen KEINES aufgrund von Witterung oder Hunger verendet ist:
    http://www.bitebackgermany.net/study/mink-release-study.pdf

    http://w160132-www.php5.dittdomene.no/studie-befreite-nerze-ueberleben-in-der-natur-2109

  2. WienerBlut says:

    Das ist doch alles pure Augenauswischerei, mächtige Industrielle und Verbände, wie Interessensgemeinschaften haben höheren Einfluss auf das Rechtssystem als die Gesellschaft selbst. Wen wunderts da noch das den Tierschützern auf einmal Tierquälerei vorgeworfen wird. Sie merken langsam das an ihren Vorwürfen nichts dran, eine art letztes Aufbäumen vor dem Kollaps. Ausserdem kann eine Verhandlung wie diese, wo tagtäglich Menschenrechte und Gerichtsordnung ausser Acht gelassen werden in einem Berufungsverfahren nicht halten. Es geht nur darum die Angeklagten finanziell und seelisch zu zermürben und deren Leben so zu zerstören. Richterin und Staatsanwalt zerstören so ihre eigene Karriere- man wirds sehen, vielleicht nicht heute oder morgen aber in die Geschichte geht dieser Prozess sowieso ein…

  3. Mariella says:

    WIe Empfindungsgestört ist den manch einer?
    Oder wie sehr traut sich einer völlig unlogischen Müll daherlabern? Nein ich glaube ihm das natürlich nicht das Nerze es im Käfig besser haben, als in ihrem gewohnten Lebensraum. Fast alles ist besser als in einem engen Käfig mit Artgenommen auf den Tod zu warten, den man ständig vor Augen hat. Noch dazu als Einzeltier.

    Sachverständiger nennt der sich ?

    Wie wird man nochmal zum Sachverständigen?

  4. Anna Kirchmaier says:

    Nerzbefreiungen sollte Tierquälerei sein? Kann absolut nicht verstehen, warum Menschen, die soetwas behaupten, überhaupt als Sachverständiger eingesetzt werden können.
    Hoffentlich nimmt dieser skurille Prozess bald ein Ende und die Verantwortlichen entschuldigen sich bei den Angeklagten!

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