Leserbrief an Bergführerzeitschrift

In der Zeitschrift für BergführerInnen, Berg & Steigen, wurde über die Lawinenversuche an Schweinen berichtet. Ich habe mich in einem Leserbrief kritisch zu diesen Versuchen ausgesprochen, woraufhin ein Herr Seidl, der sich als Hirnforscher bezeichnet, meint, ich sei fundamentalistisch und überhaupt würde gegen mich ein Verfahren wegen Mitgliedschaft in einer kriminellen Organisation geführt. Ich habe diesen Leserbrief jetzt wieder mit einem eigenen Leserbrief beantwortet:

Herr Seidl hat in einem Leserbrief die Lawinenversuche an Schweinen mit dem Vergleich verteidigt, Menschen seien wie Ferraris, Schweine wie Fahrräder, und so würde man ein Kugellager besser aus dem Fahrrad als dem Ferrari ausbauen, um es zu untersuchen. Ein lebendes, hochintelligentes und sensibles Wesen, wie ein Schwein, mit einem Fahrrad zu vergleichen, um tödliche Experimente zu rechtfertigen, halte ich für reichlich zynisch. Aber davon abgesehen ist genau dieser Vergleich der Kugellager völlig unpassend. Einzelne Teile wie z.B. den Kniegelenksknorpel des Menschen – die Entsprechung zum Kugellager – lassen sich wissenschaftlich wesentlich exakter mit Zellkulturen studieren. Das Argument von Tierversuchsseite für die Notwendigkeit von Experimenten am lebenden Tier war immer, dass sich an Zellkulturen nicht untersuchen lasse, wie sich ein gewisser Eingriff auf den Gesamtorganismus auswirkt. Und gerade da hinkt der Vergleich zu Ferrari und Fahrrad, oder will man ernsthaft die Auswirkung von Ölmangel auf den Ferrari z.B. durch einen Versuch mit einem ungeschmierten Fahrrad simulieren?

Herr Seidl meint weiters, dass offenbar alle Tierversuche gerechtfertigt seien, solange es in der Gesellschaft den Grundkonsens gäbe, dass Tiere für Menschen genutzt werden können. Der Grundkonsens ist aber nicht eine beliebige Nutzung beliebiger Tiere für beliebige Zwecke. So sind z.B. Legebatterien verboten (Hühner darf man nicht in Käfige sperren, selbst wenn dadurch die Eier billiger werden), Tierversuche an Menschenaffen verboten (man darf also an einem Menschenaffen nicht einmal harmlose Versuche durchführen, selbst wenn man dadurch die Menschheit retten könnte) und Pelzfarmen verboten (man darf also Pelztiere auch in bester Haltung nicht für ein triviales Luxusprodukt wie einen Pelzmantel nutzen). Entsprechend muss bei jedem Tierversuch die Frage gestellt werden, ob diese Art des Versuchs an diesen Tieren für diesen Zweck moralisch verträglich ist. Ich habe dafür argumentiert, warum das im Fall der Lawinenschweine nicht der Fall war.

Am problematischsten an Herrn Seidls Leserbrief finde ich aber seinen Versuch, mich durch die Unterstellung von Fundamentalismus und sogar einem Bezug zum Kriminellen aus der Diskussion auszuschließen. Statt die Argumente einer Person zu bewerten, wird hier die Person bewertet, um die Argumente indirekt zu diskreditieren. Das halte ich für sehr bedenklich, entspricht aber meiner Erfahrung mit der Tierindustrie. Den österreichischen LeserInnen wird der Kriminalisierungsversuch mittels einer SOKO gegen den Tierschutz geläufig sein, dabei ist allein schon der Verdacht, ein Tierschutzverein wie der Verein Gegen Tierfabriken mit 20.000 Mitgliedern sei eine kriminelle Organisation, mehr als lachhaft, wenn die Konsequenzen nicht so ernst wären.

Wir brauchen in der Gesellschaft die QuerdenkerInnen, diejenigen, die aus dem Strom ausscheren, Neues versuchen und manchmal auch Althergebrachtes radikal in Frage stellen. Auch das Bergsteigen lebt von den Innovationen solcher „Sonderlinge“. Eine statische Gesellschaft des ewig Gestrigen kann neue Herausforderungen wie z.B. den Klimawandel nicht bewältigen. Da braucht es jetzt auch radikale Denkansätze, vielleicht sogar, um die nächsten 100 Jahre zu überleben. Es mag manchmal schmerzhaft sein, wenn alte Traditionen oder liebgewonnene Gewohnheiten, wie das tägliche Schnitzerl, kritisiert werden, aber eine Kritik muss am Wert ihrer Argumente gemessen werden. Wenn das bloße Bringen einer möglicherweise radikalen Kritik allein schon ausreicht, den Kritiker/die Kritikerin zu desavouieren, wird es keine Weiterentwicklung geben. Ich meine, wir müssen unsere „Radikalen“ wie zarte Schösslinge schützen, nicht zertreten. Jeder dieser Gedanken kann der Samen für eine notwendige Neuerung sein, die schon in der nächsten Generation zur Selbstverständlichkeit wird.

DDr. Martin Balluch
Lehrwart Hochalpin, Ehrenmitglied im Alpenverein

One thought on “Leserbrief an Bergführerzeitschrift

  1. Jimmy says:

    Genau! Man kann leicht (irgend)eine Begründung finden, Eingriffe an Lebewesen durchzuführen. Nur bedeutet nicht jede (fadenscheinige) Begründung eine Rechtfertigung.

    Danke, dass Sie sich dafür einsetzen, dass Tiere nicht für jeden Blödsinn leiden müssen. Ohne den Einsatz engagierter Menschen gäbe es heute noch viel dramatischere Bedingungen für Tiere. „Leben“ ist an sich schützenswert – natürlich auch das von Tieren. Vielleicht wird das eines Tages auch in unserer Verfassung so verankert werden.

    Was macht ein Hirnforscher eigentlich? Forscht er nach Hirn? Der Diskreditierungsversuch ist wohl eher ein unfairer Versuch, sich aus einem sachlichem Argumentationsnotstand zu stehlen.

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