PolizeischülerInnen statt Öffentlichkeit – Ein Beschwerdebrief einer Betroffenen

30. April 2010

Herrn Gerichtspräsidenten Mag. Rudolf Masicek                      Telefax-Nr. 02622 21510-337
LANDESGERICHT WIENER NEUSTADT
Maria Theresien-Ring 5
2700 Wiener Neustadt

Sitzplatzvergabe beim TierschützerInnenprozess

Sehr geehrter Herr Gerichtspräsident,

Seit Beginn des TierschützerInnenprozesses bin ich regelmäßig einmal pro Woche im Publikum, um den Prozess zu beobachten.

Als Religionsprofessorin eines Wiener Gymnasiums verfolge ich das Schicksal der angeklagten TierschützerInnen mit großem Interesse.

Denn besonders der Einsatz und die Tierrechtsphilosophie von Herrn DDr. Balluch waren an unserer Schule schon Maturathema bei der schriftlichen Deutschklausurprüfung.

Auch fanden und finden in unseren Oberstufenklassen Besuche der beiden Fachreferenten DDr. Balluch und Mag. Hnat zu den Themen Tierethik, soziale Bewegungen, solidarische Ökonomie, Klima- und Ressourcenschonung, Footprint, Freeganismus und Veganismus fächerübergreifend in Religion und mit z.B. Biologie, Englisch, Geographie, … statt – die von unseren SchülerInnen, den FachkollegInnen und besonders auch den interessierten Eltern sehr geschätzt werden.

– Und wir haben ausschließlich positives Feedback dazu erhalten.

Meinen KollegInnen und mir ist es sehr wichtig, den Prozessverlauf weiterhin zu verfolgen, da es hier um die wichtigen Themen wie Gerechtigkeit, Menschenrechte, freie Meinungsäußerung, Rechtsstaatlichkeit in Österreich, solidarisches Handeln versus Profitgier und Ausbeutung, Tierethik/Umgang mit unseren Mitgeschöpfen und Verantwortung für unsere Mitwelt geht.

Umso befremdlicher finde ich es, dass ich nun vergangenen Dienstag nicht in den Gerichtssaal hinein gelassen wurde, obwohl noch viele freie Plätze vorhanden waren.

Es ist auch völlig unverständlich und erscheint als Willkür, dass für die Presse an diesem Tag plötzlich 20 Plätze reserviert waren, obwohl normalerweise max. 2-3 Pressevertreter-Innen anwesend waren – und dass eine große Anzahl PolizistInnen auf die BesucherInnenplätze gesetzt wurden.

Deshalb konnte ich nur empört darüber sein, dass ich (und vor allem auch noch andere, von noch weiter her angereiste BesucherInnen) trotz freier Plätze – und obwohl es ein öffentlicher Prozess ist – gänzlich vergebens nach Wr. Neustadt gefahren bin.

Nicht nur, dass wir diesen – für viele (auch der politischen Parteien) so unverständlichen Prozess – mit unseren Steuergeldern finanzieren müssen, wird nun auch noch unser Geld für die teilweise hohen Fahrtspesen vergeudet – sowie unsere wertvolle Lebenszeit!

Auch wären die unglaublichen mehr als 5 Mio. Euro, die uns SteuerzahlerInnen durch diesen unerwünschten Prozess aufgezwungen werden, viel besser für die immer größer werdende Armut in Österreich ausgegeben – und nicht der Profitgier von reichen Unternehmern, die mit Tierleid und Tierausbeutung auf Kosten unserer Mitgeschöpfe ungestört weiterhin große Gewinne machen und deshalb die TierschützerInnen als unbequeme MahnerInnen ausschalten wollen – zu opfern!

Und außerdem ist z.B. der (vorbildliche) Tiroler Familienvater (ich kenne ihn inzwischen  bereits persönlich), der hier in diesem Prozess sinnlos – auch an den vielen Tagen, wo es um ihn gar nicht geht – seine Zeit absitzen muss und als Lohnarbeiter nicht arbeiten kann, gezwungen, sich von uns den Lebensunterhalt für seine Familie und die enormen Fahrtkosten finanzieren zu lassen.

– Das sind weitere Kosten, die uns, die wir eine solche Ungerechtigkeit in Österreich nicht aushalten, aufgebürdet werden – und das mit einem im Vergleich zu den Besitzern der reichen Kaufhausketten, die es sich „mit der Justiz richten können“ sehr kleinen, nahezu geringen Einkommen.

Deshalb dürfen wir sehr wohl erwarten, dass wir, die wir die ungeheuren finanziellen Lasten dieses Prozesses tragen müssen, als (zahlender) Teil der österreichischen Bevölkerung an diesem Prozess als BeobachterInnen teilnehmen können.

Bitte sorgen Sie deshalb dafür, dass diese chaotischen Verhältnisse der Sitzplatzvergabe beendet werden – und uns als interessierter Teil der Öffentlichkeit die uns rechtlich zustehenden freien Sitzplätze wieder zur Verfügung gestellt werden!

Alles andere wäre eine reine Willkür, die mit einer Rechtsstaatlichkeit in Österreich nicht vereinbar ist – und ich als Teil der österreichischen Bevölkerung möchte solche Unrechtsverhältnisse nicht!

Ich danke Ihnen im Voraus für Ihre diesbezüglichen Bemühungen und empfehle mich

Mit freundlichen Grüßen

Mag. Gertrude Friedel
Katholische Religion

Kopie zur Info an:   Bundespräsident Dr. Heinz Fischer
Bundeskanzler Werner Faymann

4 thoughts on “PolizeischülerInnen statt Öffentlichkeit – Ein Beschwerdebrief einer Betroffenen

  1. Lilly says:

    Gäbe es doch mehr solche StaatsbürgerInnen und weniger Untertanen und Büttel!
    Gratuliere Frau Mag.a Gertrude Friedel zu diesem großartigen Schreiben!

  2. Herbert Bauer says:

    Also momentan blicke ich noch nicht durch, was
    und wie das bei Behörden und Gerichten abläuft.
    Insbesonders im diesem Fall bin ich mir nicht sicher, ob alles mit rechten Dingen vor sich geht.
    Allerdings ist mir klar geworden, dass die Wahrheit oft unerträglich ist, und, dass es einen immensen Aufwand bedeutet, gewisse Inhalte und Vorgänge der Gesellschaft vorzuenthalten:
    http://www.mercyforanimals.org/ohdairy/

    Als sich das gesehen habe, war mir klar, warum Gerichte derart reagieren und handeln, wie in diesem Fall. Insbesonders wenn man zum Ende hin der Doku schaut, bekommt man das Gefühl, dass wir in einer irrealen Welt leben.

  3. max siller says:

    Gäbe es doch mehr solche StaatsbürgerInnen und weniger Untertanen und Büttel!
    Gratuliere Frau Mag.a Gertrude Friedel zu diesem großartigen Schreiben!

  4. Regina says:

    respekt, frau mag. friedel, das ist ein gutes und couragiertes beispiel, wie man helfen und zeigen kann, daß man als bürger mit diesen zuständen nicht einverstanden ist.
    ich werde ähnliches abschicken.

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