„Tierschützer. Staatsfeind“ – ein Buch über U-Haft und Gerichtsverhandlung im Tierschutzprozess

Normalerweise rezensiert man nicht seine eigenen Bücher. Die Beurteilung über deren Qualität und den persönlichen Eindruck, den sie einem vermitteln, muss man anderen überlassen. Außer man hat das jeweilige Buch vor 10 Jahren geschrieben. Dann hat man nämlich vieles darin schon vergessen und liest alles tatsächlich ein bisschen wie ein Außenstehender.

Anlässlich meiner Befragung im Untersuchungsausschuss zum Bundesamt für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung, in meinem Fall zu dessen Rolle im Tierschutzprozess, wollte ich meine Erinnerungen wieder wachrufen. Also las ich mein eigenes Buch. Und mit großem Interesse!

Es beginnt mit dem martialischen Polizeiüberfall in den frühen Morgenstunden des 21. Mai 2008. Maskierte Beamte der WEGA schlagen die Tür zu meiner Wohnung ein, die ich mit meinem Bruder und seiner Familie inklusive 10 jähriger Tochter teile, und stürmen mit Scheinwerfern und gezogenen Schusswaffen in die Schlafzimmer. Ihnen dicht auf den Fersen ist ein Filmteam, das alle Geschehnisse live in das Auto des Staatsanwalts überträgt, wo dieser meine Erniedrigung miterleben kann. Der Vorwurf: ich sei Chef einer kriminellen Organisation, die die gesamte Tierschutzszene umfasst und seit 1988 (!) insgesamt 36 Kampagnen für bessere Tierhaltungen durchführt! Ein kafkaesker Beginn. Und so sollte es weitergehen.

Es folgen die Schilderungen der U-Haftverhandlung, der Haftbedingungen selbst, der 6 Tage Isolation bevor ich überhaupt erstmals mit meinem Anwalt sprechen kann und des Hungerstreiks. Die Darstellung wirkt zurückhaltend und ehrlich, keinesfalls heroisch, und lässt einen mit offenem Mund zurück. Persönlich finde ich auch den Schreibstil ansprechend und spannend. Nicht so Birgit Wittstock, die für den Falter eine Rezension verfasst hat, siehe https://www.falter.at/falter/rezensionen/buch/401/9783853713310/tierschutzer-staatsfeind. Darin steht: „Gut, Balluch führt einen Doppeldoktor. Was aber noch lange nicht bedeutet, dass er schreiben kann. Unverständlich, dass ihn darauf keiner hingewiesen hat. Hätte Balluch lediglich die Infos geliefert und das Schreiben einer übernommen, der etwas vom Handwerk versteht, es hätte durchaus das lesenswerte Dokument eines verrückten Falls werden können. Hat er aber nicht. Ist es aber nicht.“

Auf der anderen Seite kommt der Falter im Buch nicht gut weg. Chefredakteur Florian Klenk hat sich tatsächlich in der Tierschutzcausa voll und ganz auf die Seite der Polizei gestellt. Vielleicht wollte er deshalb eine miese Rezension des Buches in seiner Zeitung haben? Ist Wittstock nur eine brave Dienerin des Herrn? Ich wüsste gerne, was sie zu meinem neuen Buch „Im Untergrund“ sagt. Im Stil einer Doktorarbeit? Unfähig zu schreiben? Ich denke nicht.

Im Buch liefert auch meine damalige Partnerin Lisi ihre Eindrücke und die U-Haft Erzählung ist mit wortwörtlich wiedergegebenen Texten, die ich in der Zelle geschrieben habe, gespickt. Eine gelungene Mischung, finde ich. Dazu gibt es äußerst spannende Berichte von Tierschutzaktionen, wie z.B. das Filmen von Pelzfarmen in Skandinavien, die erfolgreiche Legebatteriekampagne in Österreich und die Verfolgungsfahrt eines Tiertransporters bis nach Spanien. Irgendwie wirkt es wie der zweite Teil des Untergrund-Buches mit den Erfahrungen aus England.

Nach der U-Haft Story folgt dann aber die Aufarbeitung der Akten, die sich langsam aber sicher immer mehr erschließen. Und es wird klar: der ganze Prozess ist eine riesige Blase heißer Luft ohne jede Substanz. Unfassbar die Geschichte des Linguistischen Gutachters und des Kronzeugen Franz-Joseph Plank. Und schließlich lernen wir auch direkt aus der Praxis, wie das Spitzelwesen in Österreich funktioniert.

Das Buch endet mit dem Freispruch in erster Instanz. Letztlich hat der auch in zweiter Instanz gehalten. Dass ich nie meine horrenden Verteidigungskosten zurückerstattet bekam, wusste ich zur Drucklegung des Buches auch noch nicht. Genauso wenig, dass einer der Staatsanwälte nach dem Freispruch aus dem Fenster des Wr. Neustädter Landesgerichts mit den Fingern auf mich schoss – aufgezeichnet auf einer ORF-Kamera.

Dieser Fall ist historisch äußerst relevant. Er zeigt, wozu ein Amok laufender Rechtsstaat fähig ist, wenn es keine Kontrollinstanzen gibt. Das Buch sollte nicht in Vergessenheit geraten. Leider sind von der letzten Auflage nur noch wenige Exemplare übrig. Ich hoffe doch sehr, dass es eine Neuauflage geben wird.

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