Tierversuche: eine heiße Diskussion

Wer die Podiumsdiskussion am Mittwoch 7. November 2012 abends im Dachsaal der Urania mit mir und Wissenschaftsminister Töchterle miterlebt hat, wird vielleicht eher verstehen, warum ich über 7 Jahre ein Redeverbot an der Uni Wien hatte – und vielleicht weiterhin habe, wir werden es bis Weihnachten wissen. Natürlich goutiere ich dieses Redeverbot nicht, aber man kann verstehen, dass die Damen und Herren ProfessorInnen und PolitikerInnen, die Tierversuche und, allgemeiner, Tiernutzung vertreten, eine große Angst vor mir haben. Die Schärfe meiner Argumente scheint sie zu überlasten, die große Zustimmung des Publikums und der Bevölkerung ist ihnen ein Gräuel. Ein Vertreter der Tierversuchsseite nannte in der Diskussion die Mehrheit in der Gesellschaft die Nullen am Ende einer großen Zahl und lehnte damit explizit demokratische Entscheidungsprozesse ab. Selbst die große numerische Überlegenheit der VertreterInnen von Tierversuchen auf dem Podium konnte nicht verhindern, dass die Stimmung deutlich zu Gunsten der Tiere kippte.

Mein Eindruck ist, dass bei Tierversuchen, wie bei fast allen Themen von konventioneller Tiernutzung wie z.B. bei Tierfabriken, die große Bevölkerungsmehrheit längst eine komplett andere Praxis wünscht und erwartet, wie sie in der Realität vorherrscht. Durch meine Besuche von Schulen seit 1995 kann ich bezeugen, dass sich von Generation zu Generation der Wert von Tierschutz und die Einschätzung von Tieren wandeln, in wahrscheinlich keinem anderen sozialen Thema geht das momentan derart rasch. Wildtierzirkusse waren noch vor 15 Jahren unhinterfragt völlig normal und sind heute seit 7 Jahren verboten. Die Kinder wachsen also mit einem neuen Selbstverständnis auf.

Diesem Wertewandel muss Rechnung getragen werden. Das Tierversuchsgesetz ist 23 Jahre alt. Es entspricht also im besten Fall einer Einstellung zu Tieren, die vor 23 Jahren vorgeherrscht hat – obwohl sie in der Realität schon damals nicht der Mehrheitsmeinung entsprach. Selbstverständlich muss es deshalb jetzt eine Verschärfung geben. Doch was will die Tierversuchsseite, was wollen Pharmaindustrie und universitäre Elite? Eine Verschlechterung, bestenfalls einen Erhalt des Status Quo. Minister Töchterle sagt dazu, er wolle keine Reform des Tierversuchsgesetzes, er müsse nur die EU-Richtlinie umsetzen, und möchte das mit möglichst wenig Scherereien tun. Es ist also unser Job, ihm so viele Scherereien zu bereiten, dass er lieber strenge Kontrollen und eine Versuchstier-Ombudsschaft einführt, als der Pharmalobby nach dem Mund zu reden. Und genau diese Wut, die berechtigte Wut einer Bevölkerungsmehrheit, deren Willen ignoriert und deren Werte mit Füssen getreten werden, hat sich bei der Podiumsdiskussion artikuliert.

Tierschutz, so wurde wiederholt betont, würden alle wollen. Und dann sprach man von leidenden Kindern und der Grundsatzfrage, ob Mensch oder Tier vorgehe. Aber über die konkreten Tierschutz-Forderungen zum neuen Tierversuchsgesetz hat niemand der anwesenden VertreterInnen der Tierversuchsseite Stellung genommen, auch nach zahlreichen Aufforderungen von mir und vielen Personen aus dem Publikum nicht. Man will sich hinter Grundsatzpositionen verstecken und die konkrete Tierversuchspraxis von Tierschutzbestimmungen unberührt lassen. Man verweigert die Diskussion. Das angekündigte Fachgremium zur Erarbeitung eines Kompromisses zum Tierversuchsgesetz, https://martinballuch.com/?p=1659, hat die Tierversuchsseite auch bereits einseitig aufgekündigt. Die Strategie ist, mich als Gespräch- oder gar Verhandlungspartner auszuschließen und hinter dem Rücken der Bevölkerungsmeinung (die Nullen am Ende der großen Zahl) im kleinen Kreis der LobbyistInnen, zu entscheiden. Ein Armutszeugnis, eigentlich auch ein Eingeständnis, keine Argumente zu haben.

Diese Podiumsdiskussion war ein authentisches Abbild der Diskussions- und Demokratiekultur der Tierversuchsseite. Und selbst mit verschärften Maßnahmen, wie vermehrte Polizeipräsenz an den Türen, großes Übergewicht der Tierversuchsvertretung gegen den Tierschutz, Ablehnung hunderter DiskussionsteilnehmerInnen aus dem Tierschutzbereich wegen Überfüllung, verkürzte Veranstaltungszeit von 90 Minuten und dem Versuch, das Diskussionsthema auf die Grundsatzfrage einzuschränken, ließen sich die kritischen Stimmen nicht zum Schweigen bringen.

Ich vermute die Universitäten und das Wissenschaftsministerium werden eine derartige Diskussionsrunde in den nächsten Jahrzehnten nicht mehr veranstalten. Demokratie und freier Meinungsaustausch? Nur ein Sicherheitsrisiko!

4 thoughts on “Tierversuche: eine heiße Diskussion

  1. Dorothea Gmeiner-Jahn says:

    Danke für den großartigen Einsatz unter erschwerten Bedingungen!

  2. Martin C. says:

    Die Tierversuchslobby und deren Gehilfen scheuen die Öffentlichkeit wie der sprichwörtliche Teufel das Weihwasser, und sie wissen auch genau warum, denn die Mehrheit der Bevölkerung würde deren Gräueltaten nicht befürworten. Wer ein schlechtes Gewissen hat, will kein Aufsehen um sein Tun.

  3. Lilly says:

    Vermehrter Polizeieinsatz, vielleicht darum, weil jene Vortragenden, die Lebewesen ohne Milderung Grausamstes antun wollen Brutalität und Zerstörungsbereitschaft in der Bewusstseinsstruktur verinnerlicht tragen und so anderen fälschlicherweise das zurechnen, was sie selbst sind?
    Daraus plakative Worthülsen schöndrehen (lassen) sind Zuhörern in Gegenwart leider nur Kosmetik auf Eiterbeulen.

    Zeit für Neues, Win-Win, Symbiose.
    (Heute gab es, zum ersten Mal?, eine schöne Werbung im Ö3-Radio, über Homöopathie. Danke!)

    Der Zeitpfeil selbst besteht aus Nichtdimensionalität =
    0 = Alles = Gegenwart, die nie aufhört = Bewusstsein
    Die Welt braucht neue Intepretationen. Speziell einen Blickwinkel, indem sich in jedem Augenblick das Bewusstsein miteinbezieht, auch und speziell beim Beobachten von Molekülen und Größerem. Das erfordert Akrobatik.

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