Vegetarismus“boom“ und Geflügelfleischproduktion

 

Gestern war ich an der Handelsakademie in Traun zunächst zur Präsentation eines Tierschutzprojekts zweier Maturantinnen und dann zu einer Diskussion über Vegetarismus mit SchülerInnen dieser Schule eingeladen, die ein Journalist der Kirchenzeitung organisiert hatte. 10% der TeilnehmerInnen des Gesprächs ernährten sich vegetarisch, das ist wahrscheinlich kein repräsentativer Schnitt. Zwei Burschen meinten, sie hätten zwar Verständnis für Vegetarismus, würden aber selbst nicht vegetarisch leben wollen, weil die Gesellschaft sich sowieso nicht verändern werde, das wäre sozusagen verlorene Liebesmüh. Ein Mädchen erklärte, dass sie nur noch weißes Fleisch von Geflügel, aber kein rotes von Schwein oder Rind esse.

Gibt es einen Vegetarismusboom? Wenn man die Explosion an vegetarisch-freundlicher Literatur, an Artikeln zu dem Thema in Medien wie dem Standard und an Werbung für vegetarische Produkte von SPAR und REWE denkt, möchte man das meinen. Oberösterreich hat als erstes Bundesland einen fleischfreien Freitag eingeführt (www.fleischfrei-tag.at).

Die Fleischproduktion hat allerdings in Österreich in den letzten 10 Jahren stetig zugenommen, von 881.922 Tonnen im Jahr 2000 auf 974.957 Tonnen im Jahr 2010. Doch auch die Bevölkerung ist gewachsen und es wird dramatisch mehr Fleisch von Österreich exportiert, nämlich von 218.119 Tonnen im Jahr 2000 auf 491.827 Tonnen im Jahr 2010, also ein Anstieg von weit mehr als dem Doppelten. Der Verbrauch pro Kopf ist tatsächlich etwas gesunken, war der Gesamtverbrauch (inklusive Knochen und Innereien) pro Kopf 102,6 kg im Jahr 2000 so ist er 99,7 kg im Jahr 2010. Das verzehrte Fleisch (ohne Knochen) kommt pro Kopf im Jahr 2000 auf 68,3 kg und im Jahr 2010 nur mehr auf 66,3 kg. Ein Effekt des wachsenden Vegetarismus in der Bevölkerung?

Interessant ist, dass es jedenfalls eine deutliche Bewegung weg vom roten und hin zum weißen Fleisch existiert. Der Rindfleischverzehr sank pro Kopf von 13,1 kg im Jahr 2000 auf 12,2 kg im Jahr 2010, der Schweinefleischverzehr von 42,8 kg im Jahr 2000 gar auf 39,7 kg im Jahr 2010. Vielleicht hängt das aber auch mit einer zunehmend muslimischen Bevölkerung zusammen. Beim Geflügel jedenfalls nahm der Verzehr pro Kopf zu, und zwar von 10,1 kg im Jahr 2000 auf 12,2 kg im Jahr 2010. Dafür ist hauptsächlich der Zuwachs im Verzehr von Putenfleisch pro Kopf und Jahr im Ausmaß von 1,1 kg über die 10 Jahre verantwortlich.

Seltsamerweise hat der Außenhandel in Geflügelfleisch stark zugenommen. So wurde im Jahr 2010 mehr als 3 x soviel Geflügelfleisch importiert und gleichzeitig 9 x soviel Geflügelfleisch exportiert wie im Jahr 2000. D.h. 50% der in Österreich verzehrten Hühner und sogar 93% der in Österreich verzehrten Puten stammen mittlerweile aus dem Ausland. Und welche Länder bescheren uns diese „Gabe“? Zu 40% Deutschland, zu 22% Ungarn und zu 17% Frankreich, und von außerhalb der EU zu 2% Brasilien.

Die konventionelle Hühnermast ist in Österreich vom Tierschutzstandpunkt her aber genauso schlecht wie überall sonst, werden doch weltweit die gleichen Monsterhuhnrassen verwendet, die in 5 Wochen zu vollem Schlachtgewicht heranwachsen. Auf den Menschen übertragen hieße das ein 4-jähriges Kind würde den Körper eines Erwachsenen entwickeln. Man kann sich vorstellen, was das für die Gelenke und Knochen dieser Tiere bedeutet. Einem Drittel aller Masthühner brechen die Knochen, alle haben Gelenksschmerzen, die meisten sitzen nur noch in ihren Exkrementen, wird doch ihre fenster- und strukturlose Halle kein einziges Mal in ihrem Leben ausgemistet. Unter solchen Bedingungen überleben die Masthühner nur noch mit Antibiotika im Futter.

Nur in einer Hinsicht ist Österreich weiter als die anderen Länder, die ihr Hühnerfleisch in Österreich verkaufen: Während in Österreich nur 30 kg Huhn pro m² erlaubt sind, also 15 Tiere mit 2 kg Körpergewicht, so hat die EU dazu überhaupt keine Vorschrift und oft finden sich 19-23 Tiere mit 2 kg Körpergewicht pro m² in den Masthallen Frankreichs und Deutschlands, von Brasilien ganz zu schweigen. Die österreichische Geflügelindustrie möchte deshalb schon seit langem das Tierschutzgesetz verschlechtern, statt 15 Tiere mit 2 kg Körpergewicht pro m² sollen 19 erlaubt werden. Das würde zwar die Mortalitätsrate der Hühner während der kurzen 5-Wochen-Mast um sagenhafte 44% erhöhen, doch könnten die Produktionskosten trotzdem insgesamt um 4-5% gesenkt werden. Der VGT hat dazu eine repräsentative Umfrage machen lassen: ganze 91% (!) der Bevölkerung sind strikt gegen diese Erhöhung der Besatzdichte von Hühnern in den Masthallen! Die große Mehrheit der Menschen will stattdessen eine weitere Reduktion. Doch wie so oft drängt die Industrie mit ihrem undemokratischen Einfluss und  ihrem finanzkräftigen Lobbyismus auf ihre Interessen, die der Lebensqualität von Mensch und Tier diametral entgegen stehen. Bisher konnten wir diesen Rückschritt jedoch verhindern. Doch insgesamt entwickelt sich die Tierindustrie zu immer größerer Massentierhaltung und Zentralisierung.

Übrigens leben ca. 2% der Masthühner Österreichs in Bio- oder Freilandhaltung, mit Rassen, die etwa nur halb so schnell wachsen wie die Monsterhühner der konventionellen Tierfabriken.

Näheres dazu in der TV-Sendung Am Schauplatz „Tatort Teller“, am 23. März um 21:15 Uhr in ORF 2, in der ich auch zu Wort komme.

Masthühnerhaltung in Österreich:

2 thoughts on “Vegetarismus“boom“ und Geflügelfleischproduktion

  1. Susanne says:

    Die katholische Kirche hat bisher nichts für den Tierschutz getan. Deshalb war ich überrascht einen Kommentar von Schönborn zu lesen in dem er aufforderte, nicht nur während der Fastenzeit weniger Fleisch zu essen. Er erwähnte sogar, dass es dann weniger Tierleid gebe. In erster Linie zitierte er aber ein Buch. Er rechnete vor, wie viel mehr Menschen ernährt werden könnten, würde man auf Fleisch verzichten. Die Massentierhaltung verbraucht ja sehr viel Futter und auch Energie. Im Grunde genommen ist sie teuer. Es gibt also offensichtlich durchaus ein Umdenken, nicht nur bei den „normalen“ Konsumenten die aus Mitleid handeln, sondern auch bei den Leuten die großen Einfluss ausüben und denen es nicht um die Tiere geht, sondern um die Menschen.

    Vielleicht werden diese Tierfabriken aber sowieso bald zugrunde gehen, wenn die Wirtschaft weiter stagniert und die Menschen langsam ärmer werden. Für den Armen ist auch das billige Fleisch zu teuer und das Futter kostet auch viel Geld wenn die Energiepreise steigen und somit erhöht sich der Fleischpreis. Wenn sich der Transport auch nicht mehr rechnet, weil das Benzin teuer ist, wird man vielleicht auch aufhören die armen Tiere sinnlos durch die Gegend zu kutschieren. Vielleicht ist es gut, wenn es den Leuten nicht zu gut geht und wenn sie deshalb nach billigeren Alternativen Ausschau halten müssen. Was man im Überfluss hat, weiß man nicht zu schätzen. Arme Bauern gehen mit ihren Tieren sorgsam um, weil sie auf diese Tiere angewiesen sind. „Tierfabrikanten“ schöpfen aus dem Vollen und haben deshalb keinen Respekt vor dem Leben. Solange das Gewinn abwirft, werden sie immer gieriger und damit rücksichtsloser. Schrumpft der Gewinn, verlieren sie schnell das Interesse.

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