Wenn die Henker arbeitslos werden

Um Fortschritte im Tierschutz zu erreichen, wird oft von VertreterInnen des Tierschutzes ein Vergleich zwischen Mensch und Tier gezogen. Dieser Schritt ist verständlich, leben wir doch in einer Gesellschaft, die jetzt allgemeine Menschenrechte anerkennt, die noch vor wenigen Jahrzehnten nicht anerkannt waren, und so soll mit dem Vergleich nicht nur Mitgefühl geweckt, sondern auch daran erinnert werden, dass Menschenrechte eine Errungenschaft sozialen Fortschritts gegen den Mainstream der Gesellschaft waren. Doch irgendwie gelingt das nicht wirklich. Vergleiche von der Unterdrückung von Tieren (eigentlich nichtmenschlichen Tieren, wie es in der neuen EU-Richtlinie zu Tierversuchen heißt) mit der Unterdrückung von Menschen führen oft zu Brüskierung und Ablehnung.

Einer dieser Vergleiche, die ich selbst gerne gezogen habe, bezieht sich auf Folgendes. Z.B. in der Kampagne gegen Wildtierzirkusse aber auch in der Kampagne für ein Verbot von Pelztierfarmen war eines der wesentlichsten Argumente gegen unser Kampagnenziel, dass ja die Zirkusangestellten bzw. die PelzfarmerInnen arbeitslos würden. Ich habe das gleiche Argument aber auch bzgl. StopfleberherstellerInnen, ja sogar SchlachthofarbeiterInnen gehört, würden alle Menschen z.B. vegan werden. Nun, meine Antwort war, dass die Arbeitslosigkeit von Menschen, die sich ihr Geld durch tierquälerische Praktiken verdienen, kein Argument gegen die Beendigung der Tierquälerei sein kann, ähnlich wie seinerzeit das Argument, die Henker würden arbeitslos, doch nicht gegen die Abschaffung der Todesstrafe ins Treffen geführt hätte werden können.

Ein theoretischer, ja absurder Vergleich? Mitnichten! Als am 4. August 1789 in der „Opfernacht der Privilegien“ im Rahmen der französischen Revolution die adeligen Privilegien fielen, wurden etwa 200 Henker arbeitslos. Und jetzt bin ich zufällig auf einige briefliche Eingaben dieser Henker an die damalige Revolutionsregierung gestoßen. Darin wird argumentiert, dass ihr ganzer Berufsstand vor dem wirtschaftlichen Abgrund stünde, die Henker aber mit ihren Familien mehrere Tausend Personen ernähren müssten. Man habe kein anderes Handwerk gelernt, überall würde man abgelehnt und wie aussätzig behandelt, da würde die Unmöglichkeit, weiter Leute hinzurichten, zum Hungertod vieler Menschen führen. Tatsächlich rührten diese drängenden, jämmerlichen, erbarmungswürdigen Briefe das Herz des Polizeiministers Duport so sehr, dass er sich in dieser Angelegenheit am 3. März 1792 an die Nationalversammlung wandte. Man solle, so schreibt er, an jene Menschen denken, die im Namen der Justiz jene „traurigen Aufgaben“ erledigt hätten, „vom Rest der Bürgerschaft durch den unüberwindlichen Schrecken getrennt, der im Namen der Gerechtigkeit und der Gesellschaft sich ergeben hat, als Instrument des Todes zu wirken“. Nun, da eine „menschenfreundlichere Justiz“ sowohl die Zahl der Tribunale als auch der Delikte verringert habe, solle man auch der Scharfrichter gedenken, die ihren Beruf nicht mehr ausüben können, und denen es daher „nicht möglich ist, eine Einnahmequelle zu finden, mit der sie ihren Unterhalt bestreiten können“.

Zwar dürften diese Eingaben kein Umdenken erwirkt haben, doch der Lauf der Revolution führte schon kurze Zeit später zum Terrorregime mit 40.000 Hingerichteten in einem einzigen Jahr in Frankreich, davon allein 2500 in Paris, also etwa 7 pro Tag. Die Henker hatten also noch genug zu tun, bis 1977 in Frankreich die letzte Hinrichtung stattfand. Dass die Todesstrafe erst so spät abgeschafft wurde, dürfte aber nicht auf das Argument ihrer drohenden Arbeitslosigkeit zurück zu führen sein. Entsprechend halte ich analoge Argumente gegen das Verbot tierquälerischer Praktiken nicht für stichhaltig.

3 thoughts on “Wenn die Henker arbeitslos werden

  1. Sebastian says:

    Anreizsystem gefordert!

    Ein Umdenken ist wahrscheinlich motiviert durch einen Anreiz. Die Motivation entsteht dadurch durch unsere Gedanken. Da Ethik aber kein hoher Anreiz im Wertesystem der Menschen ist, muss wohl anders angesetzt werden. Ein Belohnungssystem müsste also her, das Menschen dazu anfangs bewegt umzudenken. Positive Anreize. Leider ist es ja so, das gerade bei Tierausbeutung der Konsument dazu belohnt wird, sprich das Wurstsemmerl staatlich subventioniert und billig ist, während pflanzliche Produkte keine grosse Lobby haben.
    Anreize, Anreize müssen her. Der Henker muss sein Beil also eintauschen wollen…Er muss es wollen-das denke ich ist der Punkt-dieses Wollen zu erzeugen.

  2. Sebastian says:

    1977- is ja irre. Danke, das wußte ich bisher gar nicht. Schreckliche Welt hier eigentlich. Kein Wunder das Menschen an einen Himmel nach dem Tod glauben, wenn wir die Erde so zur Hölle machen.

  3. Carina says:

    Das ist doch das Selbe in grün mit dem Atomstrom!
    ..und wenn die mal mehr Geld in die Forschung nach Alternativenergien setzen würden wären da auch wieder Arbeitsplätze geschaffen. Es gibt immer Alternativen, einen Wandel! Die Frage ist nur wann endlich umgedacht (nachgedacht?!) wird.
    -> absoulte zustimmung.

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