Wildnis Teil 1: Wo haben wir noch unberührte Natur?

Wild Culture’s heißt Christophe Boeschs neuestes Buch über den Vergleich von Schimpansen- mit Menschenkulturen. Er wird darüber auch auf unserem Tierrechtskongress im Oktober 2014 in Wien sprechen, www.tierrechtskongress.at. So spannend die Inhalte, so sehr macht dieses Buch depressiv. Boesch erzählt davon, wie er vor 17 Jahren in der Elfenbeinküste in Afrika in unübersehbarem, undurchdringlichem Dschungel gestanden ist, überall Spuren von SchimpansInnen und ihren Werkzeugen. Und heute ist an derselben Stelle kein einziger Baum mehr zu sehen, soweit das Auge reicht nur noch Felder, Häuser und Menschen. Alle SchimpansInnen und ihre Kulturen sind für immer von dieser Region verschwunden, sogar 90% aller im ganzen Land.

Diese entsetzliche Entwicklung ist wirklich deprimierend. Insbesondere, weil es bei uns zu Hause um nichts besser ist. Hier in Mitteleuropa haben wir schon vor 200 Jahren den Urwald völlig zerstört und die hiesigen Tierkulturen vernichtet. Wie ich kürzlich herausfand, gibt es in der gesamten Steiermark, immerhin 1.640.000 ha Land, nur noch ein ganz kleines Futzerl Urwald, 36 ha am Marcheck in der Obersteiermark! Das sind 0,002% der Landfläche. Können wir es dann der Elfenbeinküste vorwerfen, wenn sie jetzt ihren Urwald vernichtet?

Mit dem Konzept „Nationalpark“ sollen gewisse kleine Flächen der Nutzung entzogen und erhalten werden. Doch die Grenzen sind seltsam krumm aufgetragen worden. Als Kerngebiete gelten nämlich fast ausschließlich jene Regionen, die sowieso Ödland und für die menschliche Nutzung (im Sinne von Land- und Forstwirtschaft) uninteressant sind. Und die Jagd wird ungebrochen ausgeübt. Deshalb ist kein einziger Nationalpark in Österreich international anerkannt. Abgesehen davon, dass winzige Parks noch lange keine Wildnis ausmachen.

Als ein Wanderer, der ständig im Wald und auf den Bergen unterwegs ist, beobachte ich unsere Naturzerstörung aus der ersten Reihe und mit blutendem Herzen. Immer wieder werden neue, breite Forststraßen in Wälder gefräst, die bis vor ganz kurzem noch idyllisch unberührt wirkten – zumindest seit Jahrzehnten nicht mehr gefällt. Ein Beispiel hier vom Thalerkogel am Hochschwab. Rechts die Situation Mitte Februar 2014, links keine 3 Monate danach, genau am selben Ort:

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Man fragt sich, wie die Forstwirtschaft bis heute betrieben werden konnte, wenn sie jetzt noch immer laufend weitere Forststraßen bauen muss – und gleich 6 m breit und geschottert, sodass sie zumindest zu meinen Lebzeiten nicht mehr zuwachsen werden. Hier ein anderes Beispiel vom Hochschwab: http://www.kleinezeitung.at/steiermark/bruckmuerzzuschlag/3334682/wegebau-kulmalm-aufreger.story. Die Forstverwaltung sagt, die Straße über der Baumgrenze müsse sein, weil nur so die Alm erhalten werden kann. Eine viele 100 Jahre alte Alm überlebt nicht mehr ohne neue Straße? Dann, bitte, lassen wir sie doch verfallen. Lieber keine Straße und keine Alm, es gibt sie sowieso überall, nur Wildnis gibt es keine.

Am Bild ganz oben ein Beispiel, was so eine forstwirtschaftliche Nutzung für einen Berg bzw. seinen Wald bedeutet. Überall nur Forststraßen kreuz und quer, breite Kahlschläge, dazwischen Aufforstungen mit Fichtenmonokulturen in Reih und Glied. Ich kann mir kaum Wildtiere vorstellen, die dort noch leben können. Und Wanderer findet man da auch keine. Das ist reines Nutzland, wie Felder und Städte. Das ist keine Natur mehr.

Der Alpenverein hat eine Petition gegen eine Forststraße im Kaisergebirge laufen: http://www.alpenverein.at/kufstein_wAssets/mixed/download/umfrage.pdf. Erfreulich, aber armselig. Gegen eine einzige Forststraße eine Petition, während gleichzeitig wahrscheinlich 100e weitere in Österreich gebaut werden. Mir sind jetzt momentan mehr als 10 Forststraßenprojekte allein im Hochschwab bekannt. So z.B. auf den Heilstein, ein bis vor kurzem einsamer Berg mit großen alten Bäumen, jetzt kahlgeschlagen und mit zwei Forststraßen verunstaltet, die sich von beiden Seiten auf den Berg hinauf schlängeln. Ich frage mich wirklich, auf welche Weise dieser Entwicklung begegnet werden kann.

3 thoughts on “Wildnis Teil 1: Wo haben wir noch unberührte Natur?

  1. Susanne Veronika says:

    Im Jahr 1869 kamen auf 1km² 54 Einwohner (in Österreich), 2011 waren es 100, also fast doppelt so viele. Tendenz steigend. Die Menschen beanspruchen – unter anderem auch weil es ihnen derzeit gut geht und weil sie sich vermehren – mehr Platz (Zweitwohnsitz). Das Land wird zersiedelt und zwar ziemlich rasant und natürlich auch stärker ausgebeutet. Die neuen Technologien bieten auch neue Möglichkeiten. Man kann alles leichter und schneller bewerkstelligen. Andererseits werden immer mehr Almen aufgegeben, sollte sich die Gentechnik auf den Feldern doch durchsetzen, wird man auch Felder aufgeben müssen (in den USA liegen jetzt schon riesige Flächen brach, weil dort Superunkraut wächst) und Unwetter werden den Menschen das Siedeln in manchen Gegenden auch verleiden. Aber es gibt eindeutig zu viele Menschen. Tiere wird es trotz allem immer geben. Sie werden sich anpassen und sie werden noch existieren, wenn die Menschheit längst ausgerottet sein wird.

  2. Dean says:

    Ich frage mich nur wieso viele Menschen so oft keinen intrinsischen Wert einer Empfindung oder Erfahrung beimessen können und sich dessen erfreuen, das es ist – wie es ist – weil es ist – um zu sein, sondern die Erfahrung, das Denken und die Empfindung extrinsischen Wertsystemen entsprungen sind, und zwar grob gesagt – nach ökonomischen, effizienteren, kapitalistischen Prinzipien usw., und sich somit immer selbst einen Schritt vorraus sind.
    Unser Denken ist wie Achilles und die Schildkröte, wir denken nur an die Schildkröte und können diese aber niemals einholen.
    Ja ja, ich weiß, das Paradoxon ist ein Trugschluss, veranschaulicht aber unser konsequentialistisches Denken, welches wir nur in weiser Vorsicht und Planung genießen können, aber warum nicht ohne diese?

  3. Dean says:

    Unlängst beim Standard gelesen: http://derstandard.at/1399507171654/EU-Gericht-Aus-fuer-nutzlose-Schutzgebiete
    Wir leben in einer entweder-oder Gesellschaft, wo sich alles an Nutzen, Sinn, Zweck und Wert der eigenen Existenz zu rechtfertigen habe. Können wir es nicht verwenden – taugt es nichts.
    Der Mensch muss wieder in einem Baum mehr sehen als nur Holz, in einem Wald mehr als nur Bäume und auf einer Wiese mehr als nur „Nutz“-fläche, in einem Tier mehr als nur Vieh und in einem Menschen mehr als nur das Unheil.

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