Der Pelzhandel ist gegen die guten Sitten!

Nach eingehenden Diskussionen mit verschiedenen ExpertInnen scheint mir die Ansicht des Oberlandesgerichts (OLG) Wien, die Forderung an Modehäuser aus dem Pelzhandel auszusteigen sei gegen die guten Sitten, ein zentraler Punkt des Urteils, weil laut § 105 (2) eine Nötigung nur dann strafbar ist, wenn sie den guten Sitten widerspricht. Ebenfalls aus einigen Gesprächen schließe ich, dass in den großbürgerlichen Kreisen, in denen möglicherweise die Richterinnen dieses OLG verkehren, die Ansicht vorherrschen könnte, dass nur eine winzige Minderheit in Österreich den Pelzhandel kritisch sieht. Doch beide diese Standpunkte sind unhaltbar. Die Fakten sprechen eine ganz andere Sprache.

Das erste Thema im Tierschutz waren die Haustiere. Ab den 1970er Jahren kamen auch die Wildtiere dazu, insbesondere die in Kanada erschlagenen Robben, deren Pelz man auch in Österreich verkaufte. Ab den 1980er Jahren gingen dann die Bilder der grausamen Pelztierfarmen durch die Medien und um das Jahr 1988 kam es zu einem dramatischen Einbruch des Pelzhandels in Österreich um letztlich 90% des Umsatzes, wie dieser Graphik zu entnehmen ist.

Bild1 Von diesen Umsatzeinbußen hat sich der Pelzhandel (bisher jedenfalls) nicht mehr erholt. Ein solcher Rückgang wäre nicht möglich, wenn nur eine kleine Mehrheit der Menschen Tierpelz als Kleidungsstück oder Accessoire ablehnen würde. Dass eine große Mehrheit gegen Pelz ist, spüren wir beim VGT auch deutlich an den Reaktionen auf unsere Aussendungen an die Bevölkerung zum Thema Pelz, mit denen wir um Spenden und Mitgliedschaften werben.

Im Jahr 2005 gab die EU Kommission ein Eurobarometer, also das Ergebnis einer professionellen Meinungsumfrage innerhalb der EU, heraus, in der die Einstellung zu Tieren abgefragt wurde, die vom Menschen genutzt werden, siehe http://ec.europa.eu/food/animal/welfare/euro_barometer25_en.pdf. Folgendes Resultat ist darin für Österreich angegeben:

  • Glauben Sie, dass das Kaufen tierfreundlicher Produkte einen positiven Einfluss hat? 80% antworten mit „Ja“ und geben damit ihre Zustimmung zu Tierschutzkampagnen, die auf ein tierschutzfreundliches Konsumverhalten abzielen!
  • Wie hoch ist der Stellenwert von Tierschutz in der Politik? 60% sagen „zu niedrig“ und bestätigen damit die Aktivität von Tierschutzvereinen, Tierschutz stärker zu politisieren und politische Forderungen z.B. nach einem Pelzhandelsverbot aufzustellen und zu vertreten. Interessant in diesem Zusammenhang, dass letzte Woche 40 Abgeordnete des israelischen Parlaments einen Gesetzesantrag für ein absolutes Handels- und Verkaufsverbot mit Tierpelzen in Israel eingebracht haben.

In einem anderen Eurobarometer der EU-Kommission von 2005 wurde u.a. die Einstellung zu Tierschutz und der Aktivität von Tierschutzvereinen in der EU erhoben, siehe http://ec.europa.eu/public_opinion/archives/ebs/ebs_225_report_en.pdf. Folgendes Resultat wurde für Österreich angegeben:

  • 80% der Bevölkerung finden, dass Tierschutzvereine einen sehr positiven oder ziemlich positiven Effekt haben. Da sich ausnahmslos alle Vereine gegen den Pelzhandel aussprechen, muss von diesem Votum diese Art der Aktivität ebenfalls umfasst sein.
  • Dem Satz Wir haben die Pflicht die Rechte von Tieren um jeden Preis zu schützen haben 46% voll und 40% eher zugestimmt, insgesamt gab es also 86% (!) Zustimmung!! Zu den Rechten der Tiere gehört insbesondere in Österreich, wo seit 1998 die Haltung von Pelztieren zur Pelzproduktion dezidiert verboten ist, nicht für reinen Luxus, wie Pelz, verwendet zu werden. Dieses Recht „um jeden Preis“ zu schützen muss wohl auch legale Kampagnen mit Informationskundgebungen, Flugblättern, Plakaten, Medienberichten und kreativem Theater mit einschließen.

Zu verschiedenen Tierschutzthemen gab es in den letzten Jahren repräsentative Meinungsumfragen des wissenschaftlichen Instituts für Empirische Sozialforschung in Österreich. Dabei zeigt sich, dass zu ausnahmslos allen abgefragten Ansichten zu Tierschutz immer mindestens 70% aber bis zu 91% Zustimmung herrscht:

IFES Umfrage Februar 2004:

  • 86% finden ein einheitliches modernes Bundestierschutzgesetz sehr wichtig oder eher wichtig
  • 76% sind für Tierschutz in der Verfassung
  • 71% sind für eine Tieranwaltschaft
  • 86% sind für ein Legebatterieverbot
  • 77% sind für ein Verbot von Vollspaltenböden ohne Einstreu in der Schweinehaltung
  • 91% wollen keine Erhöhung der Besatzdichte in der Masthuhnhaltung
  • 88% sind für ein Verbot des Kastrierens oder Kupierens von Ferkeln durch Laien ohne Betäubung

IFES-Umfrage Mai 2011:

  • 80% wollen ein Kastenstandverbot in der Haltung von Mutterschweinen
  • 87% sind bereit, für Schweinefleisch mehr zu zahlen, wenn es den Tieren besser geht
  • 84% wollen ein Verbot der betäubungslosen Kastration

IFES-Umfrage September 2012:

  • 74% wollen Tierschutz als Staatsziel in der Verfassung sehen
  • 80% wollen ein strengeres Genehmigungsverfahren für Tierversuche
  • 70% wollen ein absolutes Verbot von Tierversuchen an Hunden, Katzen und Affen
  • 89% wollen die Einrichtung eines Zentrums zur Alternativenforschung zu Tierversuchen
  • 91% finden ein strengeres Tierversuchsgesetz wichtig bis sehr wichtig
  • 78% wollen eine Ombudsschaft für Versuchstiere
  • 78% wollen eine Veröffentlichung des Versuchsablaufs aller Tierversuche

Und nicht zuletzt: Seit 13. Juni 2013 ist Tierschutz ein verfassungsmäßig geschütztes Staatsziel in Österreich!

Angesichts dieser Zahlen kann kein Zweifel bestehen:

  • Tierschutz zu achten ist ein zentraler Bestandteil der guten Sitten
  • Pelzhandel ist sittenwidrig
  • Die Forderung nach einem Ausstieg von Modehäusern aus dem Pelzhandel ist nicht sittenwidrig
  • Die entsprechende Aktivität von Tierschutzvereinen, wie dem VGT, wird von der großen Mehrheit in Österreich goutiert

5 thoughts on “Der Pelzhandel ist gegen die guten Sitten!

  1. Matthias says:

    Super Zusammenfassung und ein wichtiger Beweisdass es sich auf gar keinen Fall um schwere Nötigung handeln kann! Traurig dass darüber überhaupt diskutiert werden muss und wie ich finde extrem peinlich für gewisse Richterinnen, einen Staatsanwalt und eine sehr zweifelhafte Partei

  2. Susanne says:

    Hoffnungsvoll und mit allen guten Wünschen für einen guten Ausgang dieses Konfliktes sende ich liebe Grüße. Möge Herrn DDr. Balluch und seinen Tier- und Menschenfreunden alles gelingen! Pema Kamalaya Satwam!

  3. Bello says:

    Sehr gut!!!!!!!!!!
    Die Köpfe im OLG Wien werden rauchen…

  4. tutop says:

    Super aufbereitet. Die Anklage ist sowas von unverschämt, einfach unglaublich.

  5. Konrad says:

    Vielen Dank für diese Ansammlung von Fakten.

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