Die heilsame Wirkung der Wildnis

Wäre ich ein Gesundheitsguru, ich würde die Wildniserfahrung als ein Allheilmittel für alle Krankheiten der Seele empfehlen.

Die Wildnis ist dabei keine Wohlfühloase, kein Kurort, an dem man sich entspannen kann und pudelwohl fühlt. Die Wildnis fordert, Körper und Geist. Die Wildnis ist anstrengend. Sie lässt einen die selbstverständlichen Dinge des täglichen Lebens in der Zivilisation mit anderen Augen sehen. Sie bietet eine Umwälzung aller Werte. Dinge, die im Alltagsleben so wichtig scheinen, werden plötzlich bedeutungslos. So kann die Wildniserfahrung Neurosen aufheben und ermöglichen, die eigene Situation von außen zu betrachten und zu relativieren.

Vor vielen Jahren war ich einmal mit einer Gruppe damals als „schwer erziehbar“ eingestufter Jugendlicher 10 Tage in der (österreichischen) Wildnis mit dem Zelt unterwegs. Im Alltagsleben dieser Burschen war alles „fad“, sie sahen überhaupt keinen Sinn in irgendeiner Aktivität. Man konnte sich nur durch destruktive Mutproben, wie nächtliche Sachbeschädigungen, Schlägereien oder Einbrüche, einen Selbstwert geben. Wie anders war es dann nach nur wenigen Tagen in der Wildnis, nach einem gemeinsam durchlebten Unwetter, nach einer durchkletterten Felswand. Alle wurden gelöst, freundlich, lustig und wirklich hilfsbereit. Mut und Kraft Einzelner sind in der Wildnis für die ganze Gruppe von positivem Wert. Wie lange die Wirkung nach unserer Tour angehalten hat, konnte ich leider nicht feststellen.

Mehrmals bin ich mit einer Frau, die unter Essstörungen litt, in die Wildnis gegangen. Während sie in der zivilisatorischen Gesellschaft alles Essen zwanghaft wieder herauserbrechen musste, änderte sich das schlagartig in der Natur. Was auch immer sie an Essen in ihrem Rucksack mittragen konnte, was wir gemeinsam am nächtlichen Lagerfeuer gekocht haben, hat sie mit Genuss gegessen – und behalten. 4 Wochen nach unserer Rückkehr in die Zivilisation ist sie wieder in die alten Bahnen zurückgefallen.

Ich war auch mit sozial angeblich unverträglichen Hunden in der Wildnis. Hunde, die dauernd bellten, mit anderen Hunden stritten, soziale Signale nicht verstanden und sehr gestresst waren, und die deshalb immer an der Leine geführt oder im Zwinger gehalten werden mussten. Wie anders war das in der Wildnis! Die Hunde – immer ohne Leine! – wurden sehr rasch nett und sozialverträglich. Kein Bellen, keine Unruhe, kein Streiten. Sie kamen mit meinen Hunden hervorragend aus. Auch sie spürten, dass man in der Wildnis als Gruppe aufeinander angewiesen ist. Auch sie waren gefordert, in der Gruppe eine konstruktive Rolle zu spielen. Auch sie stellten sich dieser Herausforderung und meisterten sie bravurös.

Wer die Wildnis nicht kennt, sollte ihre Wirkung einmal ausprobieren. Wie gesagt, die Wildnis ist kein Wohlfühl-Kurort. Die Wildnis ist nass, sie ist kalt (oder heiß), sie ist voller Insekten und Spinnen, sie ist schmutzig. Dort fürchtet man sich vor Blitzen, manchmal auch vor Bären, vor Kaltfronten, vor Steilabbrüchen, vor Steinschlag und vor der Dunkelheit. Man braucht laufend frisches Wasser. Man hat nur das Essen zur Verfügung, das man mittragen kann. Und man hat nichts zu lesen und kaum Licht im Dunkeln. Gibt es Krankheiten, Zahnweh, Verletzungen, Insektenstiche oder Schlangenbisse, muss man selbst damit zurande kommen.

Aber gerade eben weil man sich diese Erlebnisse „erarbeiten“ muss, empfindet man sie als so wertvoll. Gerade weil man so voneinander abhängig wird, hilft man sich und nimmt aufeinander Rücksicht. Und gerade weil das Wildniserleben alle Fähigkeiten herausfordert, gibt es einem eine so tiefe Sinnerfüllung.

4 thoughts on “Die heilsame Wirkung der Wildnis

  1. Dani says:

    Danke für diesen schönen Bericht. Da bekomme ich direkt Lust mich in die Wildnis zu begeben.

    Und ich glaube ganz sicher, dass Wildnis erleben etwas anderes ist als reisen. Wenn man sich auf seinen Reisen wirklich auf eine Kultur einlassen würde, so leben würde wie die Menschen vor Ort, dann wäre es was anderes. Aber wer tut das schon? So bleibt reisen doch meist nur an der Oberfläche.
    In die Wildnis zu gehen ist da etwas anderes. Man stößt an seine physischen und psychischen Grenzen, man erlebt wieder den Wert von Nahrung und Wasser (vor allen Dingen wenn man keines mehr hat) und von Freiheit.

    Für mich persönlich ist das Erleben von Natur auch viel wertvoller als das erleben von Kultur. Aber das ist nur meine Empfindung.

    Ganz tolle Fotos und einen super tollen Hund!
    Danke!

  2. Tina says:

    „Dinge, die im Alltagsleben so wichtig scheinen, werden plötzlich bedeutungslos. So kann die Wildniserfahrung Neurosen aufheben und ermöglichen, die eigene Situation von außen zu betrachten und zu relativieren.“

    Hm, ich denke dass es dafür nicht unbedingt eine Wildnis braucht, sondern die Eigenschaft des Reisens generell ist. Man gewinnt Distanz zur gewohntne Umgebung und dem alltäglichen Trott und stellt sich neuen Herausforderungen, Kulturen, Umgebungen ect. Ob die eigenen Werte und Handlungs- und Herangehensweisen aufgrund des Kennenlernens einer fremden Kultur, einer neuen Umgebung oder neuer Herausforderungen wie zb. in der Wildnis hinterfragt ist, glaube ich, nicht so wichtig und sicher auch Geschmackssache. Reisen ist eben einfach toll! 😉 Schön, dass ihr es genossen habt!

  3. Beate says:

    So wie du erzählst reist man immer auch ein bisserl mit dir mit! Danke!

  4. Harald Ecke says:

    Sehr schön geschrieben und phantastische Fotos. Ich glaube es auf’s Wort und nicht nur für seelische Erkrankungen. Meine ewig stressenden Nebenhöhlen waren nach 6 Std Rax unter verschärften Bedingungen (plötzlicher Eisniesel und 70km/h) für eine Woche geheilt.
    Lieben Gruß und viel Erfolg im -Worte sorgfältig wählen- Einsatz,
    Harald Ecke

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