Die wichtigste Kampagnenarbeit: agitate, agitate, agitate!

Ich bin jetzt seit genau 30 Jahren im Tierschutz aktiv, davor im Umweltschutz. Oft fragen mich die Menschen, was jetzt nun die beste Strategie sei, wie kann man am meisten weiterbringen, welche Aktivitäten sind effektiv und welche nicht? Meine Bauchantwort dazu ist: Kampagnenarbeit ist wie Kinder beim Aufwachsen zu begleiten. Natürlich kann man grundsätzlich einiges falsch machen, aber wenn man mit Begeisterung und Herz an die Sache herangeht, wenn man keine abstrakten Ideologien dabei verfolgt, sondern wirklich will, dass für die Tiere etwas weitergeht bzw. die Kinder sich zu aufrechten und freien Menschen entwickeln, dann macht man schon automatisch das Richtige. Viele Wege führen ans Ziel, und Kampagnen wie Kinder brauchen ein ganzes Dorf, also eine Vielzahl von Kontakten und Interaktionen mit anderen Lebewesen, um sich gut zu entfalten.

Aber da wird mir oft heftig widersprochen. Die akademische Fraktion, aus dem Elfenbeinturm von Francione z.B., glaubt ganz genau zu wissen, dass Reformen für Tiere die Ausbeutung einzementieren würden und daher noch heftiger bekämpft werden müssen, als die Ausbeutung selbst. Und es gibt diejenigen, denen die political correctness wichtiger ist als der reale Fortschritt, da komme es mehr darauf an, in ihrem Sinne ideal aufzutreten, als auch wirklich etwas zu erreichen. Sie liefern eine lange Liste von „NoNos“, was man alles keinesfalls tun darf. Doch die Politik ist – im Gegensatz zur Ethik – ein utilitaristisches Geschäft, da zählt unter dem Strich nur der Effekt, und der ist beim Purismus erfahrungsgemäß eher negativ.

Viel interessanter ist die Kritik vonseiten jener, die die Effektivität von Kampagnen aus psychologischen Studien eruieren, wie es Nick Cooney vorschlägt. Eine Tierschutzaktivität ist demzufolge dann effektiv, wenn sie möglichst viel Tierleid zu vermeiden hilft. Grundlage dazu ist die Vorstellung, dass es sowieso immer Leid geben wird, und dass unser ethisches Ziel sei, dieses unumgängliche Leid möglichst zu minimieren. Typischerweise folgen aus diesen Überlegungen Konsequenzen wie, man möge in Aussehen und Auftreten immer dem bürgerlichen Anspruch von Anständigkeit genügen, möglichst allen Konflikten aus dem Weg gehen und sich nur um jene Themen kümmern, bei denen quantitativ das meiste Tierleid registriert wird, also z.B. in der Geflügelmast. Eine Jagdstörungsaktion gilt da als kontraproduktiv: erstens verärgere man politisch mächtige Personen, zweitens rette man kaum Tiere, weil die Jagdgesellschaft sowieso wieder jagen gehen würde, und drittens sei die Jagd quantitativ bzgl. Tierleid nicht sehr bedeutend. Unsere Kampagne gegen Wildtierzirkusse, die sich über fast ein Jahrzehnt hinzog, sehr viel Energie gebunden hat, zu sehr viel Gewalt gegen TierschützerInnen geführt hat, und lediglich ein paar Dutzend Tiere betraf, hätte nicht stattfinden sollen.

Ich muss entschieden widersprechen. Das ethische Ideal ist nicht die Leidensminimierung sondern die Tierbefreiung, also die soziale Befreiung der Tiere von der menschlichen Unterdrückung, Diskriminierung und Ausbeutung. Das bedeutet, dass deren Ansprüche auf Autonomie so weit wie möglich berücksichtigt werden. Dazu ist ein politischer Wandel notwendig. Und einen politischen Wandel dieser Art gibt es nur, wenn es zu einem gesellschaftlichen Konflikt in dieser Frage kommt. Ein Konflikt, der deutlich macht, dass diese reale Praxis des Speziesismus hinterfragt wird. Erst die Präsenz eines solchen Konflikts ermöglicht es den jungen Generationen, den Status Quo der Altvorderen in Frage zu stellen. Solange in der Gesellschaft eitel Wonne herrscht in Bezug auf den Umgang mit Tieren, kann es keine Entwicklung geben.

Deshalb hat Martin Luther King auf die Frage nach den 3 wichtigsten Aktivitäten in einer sozialen Bewegung gesagt: agitate, agitate und agitate. Agitieren, d.h. den gesellschaftlichen Konflikt in der betreffenden politischen Frage fördern. Dabei ist es fast egal, auf welche Weise. Wichtig ist, dass man dabei zu sich selbst steht und eigene Ideen verwirklicht, weil nur dann wird man nicht ausbrennen und sich letztlich aus Selbstschutz umorientieren. Und das ist das wichtigste an einer erfolgreichen Kampagne, dass es viele AktivistInnen gibt, die den Konflikt in die Breite tragen und ihn bei allen nur möglichen Anlässen thematisieren.

Effektivitätsanalysen a la Cooney mögen also ihren Platz haben, wenn man z.B. einen professionellen Verein mit Angestellten führt und sich überlegen muss, wie deren Arbeitszeit in einem konkreten Projekt am besten eingesetzt wird. Da sind solche Kriterien von Effektivität möglicherweise sinnvoll. Doch eine politische Umwälzung, wie sie die Tierbefreiung erfordert, geht viel tiefer. Da muss es zu einer Revolution im Denken kommen, und dafür braucht man sehr viele Menschen, die sich anschließen, inspirieren lassen und einen gesellschaftsweiten Konflikt losbrechen, der letztlich eine Lösung braucht. Und dafür empfehle ich, wie seinerzeit King: agitieren, agitieren, agitieren. Egal wie, Hauptsache man ist dabei ehrlich zu sich selbst und  tritt auf, wie man es nach einem reflektierten Bauchgefühl für richtig hält, wie es eben der eigenen Persönlichkeit entspricht.

2 thoughts on “Die wichtigste Kampagnenarbeit: agitate, agitate, agitate!

  1. Simon says:

    Vielen Dank für den Artikel! 🙂 Zufälligerweise lese ich gerade Cooneys Buch.

    Die Sache mit dem bürgerlichen Auftreten finde ich jedoch schon wichtig: Wenn ich am Infostand stehe und wie ein Hippie aussehen würde, stellen die meisten Menschen den Tierschutz damit in eine bestimmte Ecke. Will ich, dass Tierschutz wirklich in die Mitte der Gesellschaft gelangt, muss ich auch so aussehen, dass ich auch alle Menschen ansprechen kann, ohne dass sie unnötige Vorurteile gegen mich hegen. Damit signalisiere ich gleichzeitig in entsprechenden Situationen auch, dass vegane Lebensweise kein Randphänomen sein sollte. NATÜRLICH ist es schlecht, dass es die Leute einen nach dem Äußeren abstempeln – aber so ist es nunmal, und sich ein wenig danach zu richten ist ein Preis, den ich gerne bereit zu zahlen bin, wenn ich damit den Tieren mehr helfen kann.

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