Tierschutzgipfel zu Schweinen

Am 15. Dezember 2020 fand nun endlich der lang ersehnte Tierschutzgipfel zu Schweinen statt. Er hätte schon vor Monaten stattfinden sollen, doch Corona kam dazwischen. Jetzt, im Lockdown, ging das Treffen sowieso nur noch online. Etwa 60 Personen waren anwesend, darunter nur 3 aus dem Tierschutz, und 2 davon vom VGT. Einer davon wiederum war ich.

Unter einem Tierschutzgipfel zu Schweinen stellt man sich einen offenen Meinungsaustausch vor, politisch (im Sinne von einer Diskussion der Forderungen an die Regierung) wie fachlich. Doch in Wahrheit gab es 3 Fachvorträge und lediglich 2 Wortmeldungen. Eine davon kam von mir. Nach 3 1/2 Stunden blieb man also reichlich unbefriedigt zurück. In Zukunft sollten die Tierschutzgipfel viel mehr Zeit für Diskussionen vorsehen, und bestenfalls Impulsvorträge zulassen. Einer der Vorträge kam noch dazu vom „Verband Österreichischer Schweinebauern“ (VÖS) und war damit alles andere als neutral und objektiv. Dem sollte eigentlich ein Vortrag von Tierschutzseite gegenübergestellt werden.

Ok, Kritik beiseite. Es ist natürlich ein großer Fortschritt, dass es überhaupt einen solchen Gipfel gibt. Im Burgenland diskutiert die SPÖ-Alleinregierung grundsätzlich nicht mit NGOs und dem Tierschutz. Da hört man sich nur die eine Seite, also die Landwirtschaftskammer und den Landesjagdverband, an. Ein mittelalterliches Verständnis von Demokratie, noch dazu von einer Regierung, die in eigenen Veranstaltungen das Mitgestalten der Bevölkerung in Gesetzesmaterien feiert und von dialogischer Demokratie labert. Das ist die Ursache von Politikverdrossenheit: diese ewige Verlogenheit der Politik, dieses ständige Scheinwelten aufbauen, dieses A sagen und B meinen, und in Wahrheit autoritär nur für das eigene Klientel regieren. Im Fall der SPÖ-Regierung im Burgenland besteht dieses Klientel noch dazu aus Großgrundbesitz und ehemaligem Adel. Erschreckend!

So lernen wir, dass 43 % der Schweine in Österreich ein AMA-Gütesiegel tragen, und dass das Schlachtgewicht der Schweine in Österreich mittlerweile von 110 kg noch vor 10 Jahren auf 123 kg angestiegen ist, obwohl die Tiere gleich lang gemästet werden, dass also die Tiere noch rascher wachsen.

Ja, und dann sagt der Sprecher der Schweinebäuer:innen wörtlich: „Schweden ist viel besser im Tierschutz als Österreich“. Oho. Hört, hört! Bisher klingt mir nur das ständige „Österreich ist Nummer 1 im Tierschutz“ der Landwirtschaftsministerin, und wir seien das Vorzeigeland, im Ohr. Jetzt gibt selbst die Schweineindustrie zu – wenn die Öffentlichkeit nicht dabei ist – dass wir in Österreich die viel besseren Standards anderer Länder knallhart untergraben, in dem wir billig am untersten Ende der EU-Vorgaben produzieren. Ein bisschen mehr Ehrlichkeit in der Öffentlichkeit würde vielleicht dazu führen, dass die Menschen häufiger Schweinefleisch kaufen, das nach echt verbesserten Standards produziert wurde. Aber so kann man jammern, die Menschen würden nur auf den Preis schauen, und verweigert damit jede Änderung.

Die VÖS hat in ihrem Vortrag auch den alten Treppenwitz neu aufgelegt, dass die Schweinehalter:innen das allergrößte Interesse am Wohlbefinden ihrer Tiere hätten, weil ja nur gesunde und glückliche Tiere viel gutes Fleisch produzierten. Und wie war das mit den Pelzfarmen und den Legebatterien? Hatten Pelzfarmer:innen und Legebatteriebetreiber:innen auch das Wohl der Tiere im Sinn? In winzigen Gitterkäfigen? Und waren Pelze und Eier schlecht, weil die Tiere so litten? Ich könnte auch Bärengallenfarmen oder Gänsestopffarmen anführen. Nein, man kann auch aus brutalst ausgebeuteten Tieren große Profite schöpfen. Da gibt es keinen Zusammenhang.

Schweine-Experte Prof. Baumgartner von der Vet Uni Wien lieferte in seinem Vortrag sogar den Beweis, dass es den Schweinen in Österreich sehr schlecht geht. Er sagte, der Schwanz der Schweine sei ein „Eisbergindikator“ für ihr Wohlbefinden. D.h. können die Schweine ohne kupierte oder abgebissene Schwänze leben, dann ist das ein Hinweis darauf, dass sie wenigstens eine minimale Lebensqualität geboten bekommen. Aber in Österreich werden 95 % der Schwänze abgeschnitten. Also bekommen sie nicht einmal das.

In meinem Diskussionsbeitrag wies ich darauf hin, dass es diese Diskrepanz zwischen den Interessen der Schweinehalter:innen und den Interessen der Schweine gibt. Diese Interessen sind nicht deckungsgleich. Und deshalb brauchen die Schweine eine von der Landwirtschaft unabhängige Interessensvertretung, nämlich den Tierschutz. Und das sollte sich auch darin widerspiegeln, dass Tierschützer:innen an den Arbeitsgruppen zwischen den Tierschutzgipfeln teilnehmen können, was bis jetzt nicht der Fall war.

Und ich betonte, dass andere Beispiele zeigen, dass erst eine gesetzliche Weichenstellung eine Entwicklung zu Verbesserungen in der Tierhaltung auslöst. Im Jahr 2012 erreichten wir ein etwas mickriges Kastenstandverbot. Es gibt Ausnahmen von 10 Tagen im Deckstall und von „den kritischen Tagen“ (vermutlich 1 Woche) bei der Geburt. Schlimm genug. Doch immerhin bedeutet das, dass die Mutterschweine statt 365 Tage im Jahr wie noch 2012 nur 36 Tage im Jahr ab 2033 in dem körpergroßen Käfig festgehalten werden dürfen. Eine Reduktion auf 10 %.

Noch einmal: Die Reduktion der Nutzung des Kastenstands um 90 % über den Zeitraum von 21 (!) Jahren ist ausschließlich durch das von uns erkämpfte gesetzliche „Verbot“ des Kastenstands zustande gekommen. Das Gesetz war der Auslöser für die Entwicklung in der Praxis. Dasselbe gilt für die Haltung von Legehennen. Niemals wären wir heute bei 2 Drittel Boden- und 1 Drittel Freilandhaltung, wenn es kein Legebatterieverbot gegeben hätte. Deshalb brauchen wir jetzt ein Verbot der Schweinehaltung auf Vollspaltenboden ohne Stroheinstreu. Sonst wird der Vollspaltenboden einfach bleiben.

Die EU-Kommission hat festgestellt, dass Österreich die EU-Vorgabe, dass die Schwänze von Schweinen nicht routinemäßig gekürzt werden dürfen, ständig flächendeckend bricht. Will Österreich also keine hohen Strafen zahlen, dann muss es handeln. Doch die Haltung so zu verändern, dass die Schwänze nicht kupiert werden müssen, bedeutet genau das, was der VGT seit 1994 fordert: weg mit dem Vollspaltenboden und her mit Stroheinstreu. Dann und nur dann kann man die EU-Vorgaben einhalten, zu denen auch ein „physisch angenehmer Boden“ gehört. Die Schweineindustrie meint zwar, dass auch andere EU-Staaten den Vollspaltenboden benützen. Aber das heißt nicht, dass er EU-rechtskonform ist. Erstens haben diese Staaten genauso ein Verfahren wegen dem routinemäßigen Schwanzkupieren am Hals und zweitens „wo kein Kläger da kein Richter“. Wenn niemand den Rechtsstaat einfordert, dann wird er auch nicht eingehalten. Wenn man das EU-Recht brechen kann ohne Konsequenzen, dann wird das die Industrie auch immer tun.

Wir brauchen also zweierlei: ein klares Verbot der Haltung von Schweinen auf Vollspaltenboden mit verpflichtender Stroheinstreu, und die Möglichkeit mittels Verbandsklagerecht die Schweineindustrie zur Verantwortung zu ziehen, wenn sie sich nicht an die Gesetze hält.

PS: Warum, werde ich gefragt, hört man in letzter Zeit so wenig vom Vollspaltenboden in der Schweinehaltung? Bis vor wenigen Monaten war das doch noch in aller Munde. Da muss man sich bei der Burgenländischen SPÖ „bedanken“. Der ist nämlich die seltsame Idee eingefallen, das von ihr selbst im März 2017 beschlossene Gatterjagdverbot jetzt wieder aufzuheben. Und wenn wir zulassen, dass mühsam erkämpfte Tierschutzstandards einfach so wieder aufgehoben werden können, dann brauchen wir sie gar nicht mehr erkämpfen. Morgen gibts wieder Legebatterien, und übermorgen Pelzfarmen. Der SPÖ ist es also gelungen, unsere Kampagne gegen den Vollspaltenboden zu stoppen. Der Oppositionspartei SPÖ! Eine Kampagne gegen die Regierung zu stoppen! Sehr intelligent.

Aber keine Sorge. Wir werden die Kampagne sofort wieder aufgreifen, wenn wir das Gatterjagdverbot im Burgenland erfolgreich verteidigt haben. Bitte helft uns dabei!

One thought on “Tierschutzgipfel zu Schweinen

  1. Lukas says:

    Letztens beim Hofer, die Bio-Fleisch Regale alle leer wobei der Preis hierfür deutlich höher ist. Viele Kunden wären durchaus bereit mehr Geld für mehr Tierwohl und dadurch auch bessere Qualität zu bezahlen ich glaube es liegt viel mehr an den Herstellern und deren Profit!

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