Zu Besuch im Wolfsforschungszentrum Ernstbrunn

 

Ich möchte demnächst wieder einmal in die tief verschneiten Südkarpaten wandern, um nach Spuren von Wölfen zu suchen und vielleicht auch den einen oder anderen Wolf erstmals zu Gesicht zu bekommen. Grund genug für einen Besuch im Wolfsforschungszentrum in Ernstbrunn, http://www.wolfscience.at, das dort 2008 eingerichtet wurde, um mehr über Wölfe zu erfahren. Einer der Gründerväter dieses Zentrums, Kurt Kotrschal, hatte mir angeboten, dieses Forschungszentrum zu zeigen. Kurt Kotrschal ist nicht nur Autor des besten Wissenschaftssachbuchs des letzten Jahres, sondern auch Wissenschaftler des Jahres 2010 in Österreich. Zuletzt traf ich ihn am Philosophicum in Lech, siehe https://martinballuch.com/?p=1604, und, damit im Zusammenhang, bei einer Podiumsdiskussion im Hangar 7 in Salzburg.

Zunächst vorweg: am Wolfsforschungszentrum werden keinerlei invasive Versuche mit Wölfen oder Hunden durchgeführt, vielmehr hängen die Versuche zur Kognitionsforschung von der freiwilligen Mitarbeit der Tiere ab. Alle insgesamt momentan 33 Hunde und Wölfe des Zentrums wurden handaufgezogen und dann in verschiedenen Rudeln miteinander sozialisiert. Die Wölfe stammen mehrheitlich aus nordamerikanischen Haltungen, die Hunde wurden aus Tötungslagern in Osteuropa gerettet. Keines der Tiere wurde für das Forschungszentrum aus der freien Wildbahn gefangen. Übrigens zeigte sich, dass die Züchtungen von Wölfen im Zoo überhaupt keine Relevanz für Artenschutzprogramme haben, weil die dortigen Tiere aufgrund von Inzucht genetisch geschädigt sind und oft an Epilepsie leiden und sterben. Im Forschungszentrum ist das in letzter Zeit bereits 2 Mal mit Wölfen  aus Zoos geschehen!

Besonders beeindruckt hat mich die ungeheure Größe dieser Timberwölfe, mit keinem Schäferhund vergleichbar, bis zu 90 cm Schulterhöhe und 80 kg Gewicht. Kotrschal ging mit einem 4 jährigen, männlichen Wolf und mir in den umliegenden Wäldern spazieren. Die Pfotengröße speziell der Vorderbeine war gewaltig, praktisch ähnlich groß wie mein Handteller. Der Wolf war sehr freundlich zu mir, stupste mich mit seiner Nase an meine Hand und ließ sich von mir berühren. Wie mein Hund rollte sich auch der Wolf im Kot von Paarhufern, auf den wir trafen, und spielte sogar intensiv mit einem Hund, der eine Art Ziehmutter von ihm gewesen war. Auch sein Gebiss war unfassbar groß und mächtig, völlig unvergleichbar mit dem meines Hundes. Es ist zu erwarten, dass ein Wolf dieser Größe einen Menschen ohne jedes Problem sofort töten könnte, wenn er nur wollte. Dankenswerter Weise wollte er nicht. Wilde Wölfe stellen praktisch nie eine Gefahr für Menschen dar.

Ich war auch etwas überrascht, wie gelassen und ruhig dieser Wolf gewirkt hat. Er bewegte sich in einem Fluss, ohne jeden Stress, und schien beim Trab über dem Boden zu schweben. Seine langen, dünnen Beine liefen dabei rasch und gleichförmig, sodass sein Oberkörper völlig ruhig blieb. Auch dieser Aspekt ist beim Wolf offenbar ganz anders, als bei allen Hunden, die ich kenne.

Immer wieder müssen dennoch einzelne Wölfe von ihrem im Forschungszentrum zusammengestellten Rudel getrennt werden, weil es zu einem Mobbing kommt. Das liege aber daran, wurde mir erklärt, dass diese Wölfe ja nicht aus einer Familie stammen, sondern aus verschiedenen Teilen der Welt, und hier am Forschungszentrum sozusagen zusammengewürfelt wurden. Familienrudel in der Wildnis seien viel ruhiger und stressfreier.

Mehrmals heulten einzelne Rudel gemeinsam, während ich im Forschungszentrum anwesend war. Ich habe schon öfters wilde Wolfsrudel in den Karpaten heulen gehört, doch das klang ganz anders und fand nur tief in der Nacht statt, wahrscheinlich weil die Wölfe in der freien Wildbahn aufgrund des Jagddrucks nachtaktiv geworden waren. Die Wölfe im Forschungszentrum sangen geradezu vielstimmig und mit erstaunlich viel Variation, anstelle des langen, klagenden Tons, der mir geläufig ist. Doch als ich dabei die Augen schloss, sah ich mich in die Wildnis versetzt. In vielen europäischen Ländern gibt es jetzt wieder kleine Wolfspopulationen, sogar in Deutschland und in den Westalpen. Nur hier in Österreich werden alle Neuzugänge sofort von der Jägerschaft abgeknallt. Die Jagd hat offenbar hierzulande nicht nur in der Politik sondern auch auf die Natur überdurchschnittlich viel Einfluss. Es liegt an uns, diesen Einfluss zurück zu drängen und diesen ungeheuer faszinierenden Wildtieren, den Wölfen, ein neues Zuhause zu bieten. Wie schön wäre es doch, auch bei uns hier in den dunklen Winternächten wieder ein Wolfsgeheul zu hören, nachdem uns das über 150 Jahre verwehrt worden ist!

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