Doku „Der Prozess“ wird Österreichs „bester Dokumentarfilm 2012“

Die österreichische Filmakademie hat am 23. Jänner 2013 zum dritten Mal die Filmpreise in Form von Statuetten der Künstlerin Valie Export vergeben, diesmal in 14 Kategorien, darunter auch für den besten Dokumentarfilm. Diese Filmpreise sind sozusagen der österreichische „Oscar“, gab es doch immerhin im letzten Jahr 70 heimische Spielfilme, 25 Dokumentarfilme und etwas weniger Kurzfilme, die es zu bewerten galt.

Unter den Dokumentarfilmen wurden „Evolution der Gewalt“ mit Regisseur Fritz Ofner, „Low Definition Control (Malfunctions #0)“ mit Regisseur Michael Palm und „Der Prozess“ mit Regisseur Igor Hauzenberger nominiert. Letzterer, der Film über unseren Tierschutzprozess, erhielt nach einer geheimen Abstimmung unter über 400 Akademiemitgliedern tatsächlich den Preis! Damit hat dieser Film nach 2 Erfolgen bei der Viennale und dem Goldenen Auge in Zürich seine vierte Auszeichnung eingeheimst. Meine Gratulation!

1000 Gäste bei der Preisverleihung, darunter der Bundespräsident, den ich im Lauf der Tierschutzcausa 7 Mal angeschrieben habe, der mich aber eiskalt und zuletzt sogar mit höhnischen Worten abblitzen ließ, sowie der nö Landeshauptmann, die ORF-Direktorin und die Kulturministerin, wurden dann mit einer sehr kritischen, 6 minütigen Dankesrede von Igor Hauzenberger konfrontiert. Der Regisseur beschrieb darin die bedenklichen Schwierigkeiten, die ihm beim Filmen in den Weg gelegt wurden. So drohte seinem Team die Polizei eine Beschlagnahme des Materials an – nachdem das Innenministerium immer jedes Gespräch verweigert hatte. JägerInnen und MassentierhalterInnen konfrontierten ihn bei der Dokumentation von Tierschutzaktionen mit Gewalt. Und der Präsident des Landesgerichts Wr. Neustadt untersagte das Filmen im Gerichtsgebäude. Hauzenberger gewann dadurch einen Eindruck davon, gegen was für Mächte wir im Tierschutz zu kämpfen haben und wie sich das von unserer Seite aus anfühlt.

Aber Hauzenberger kritisierte auch in erfrischender Weise das gesamte Verfahren, von der U-Haft, über die jahrelange Verzögerung des Prozessbeginns bis zur 14 monatigen Prozessdauer. Für ihn bedeutete das 3 Jahre Arbeit an dem Dokumentarfilm, für uns Angeklagte natürlich 3 Jahre Dauerstress und Terror: „Der Film war für uns eine große logistische, finanzielle und rechtliche Herausforderung, denn ein Strafprozess, der für 3 Monate anberaumt war, wurde zu einem der längsten und kafkaeskesten und absurdesten Verfahren in der österreichischen Geschichte. […] Und das unter Umständen, die wahrlich an das Metternichsche Zeitalter erinnern: u.a. tauchten verdeckte Ermittlungen und eingeschleuste Vertrauenspersonen auf. […] Das alles erinnert an Franz Kafka – von dem wir nicht zufällig den Titel entlehnt haben. ‚Wer einen solchen Prozess beginnt, hat ihn auch schon verloren‘, heißt es im Kapitel 6 von seinem Buch. Das gilt auch für jene Tierschützer, die mit einem Antiterror- und Mafiaparagraphen teils jenseits der Grundrechte angeklagt wurden. Auch sie haben verloren, denn obwohl sie freigesprochen wurden, müssen sie die Anwaltskosten zum Großteil selbst tragen. 1200 € für knapp 2 Jahre Rechtsanwaltskosten und 50 € pro Tag Untersuchungshaftentschädigung kommentierte Heinz Patzelt von Amnesty International  als menschenrechtlichen Scherz.“

Hauzenberger erinnerte dann aber noch in deutlichen Worten daran, dass für 5 der 13 Angeklagten die Causa noch nicht ausgestanden ist, weil das Wiener Oberlandesgericht in Person der Richterin Ingrid Jelinek in den nächsten Monaten über die Berufung von Staatsanwalt Wolfgang Handler urteilen wird. Und Richterin Jelinek spielte bisher eine sehr unrühmliche Rolle in diesem Verfahren, lehnte sie doch mit haarsträubender Argumentation alle Berufungen seitens der Beschuldigten, z.B. gegen den U-Haft Beschluss, ab. Doch der Gerichtspräsident hatte sie trotzdem als „nicht befangen“ erklärt und so ist mit einem sehr einseitigen Urteil zu rechnen.

Zuletzt sprach Hauzenberger noch von der Notwendigkeit einer Reform von § 278a, der die kritische Zivilgesellschaft weiter bedroht: „In diesem Sinne – werte Anwesende – folgen wir den Worten von Bertholt Brecht: ‚Verändere die Welt, sie braucht es‘, denn bis heute wurde der § 278a nicht novelliert und es könnten weiterhin soziale Bewegungen und NGOs als kriminelle Organisation angeklagt und trotz Freispruchs finanziell ruiniert werden. Das widerspricht – meiner Ansicht nach – jeder Idee eines modernen, bürgernahen und zukunftsorientierten Rechtsstaates.“

Hat die Kunst eine Auswirkung auf die Gesellschaft, fragte Moderator Rupert Henning den Präsidenten der österreichischen Filmakademie, Karl Markovics, am Beginn der Preisverleihung. Der Film „Der Prozess“ ist dafür wohl das Paradebeispiel, half er doch in großem Maße die Bevölkerung über die Machtkartelle unter Jägerschaft, Tierindustrie und ÖVP zu informieren und zu den Gefahren eines Überwachungsstaates zu sensibilisieren. Trotzdem – oder vielleicht gerade deshalb! – hat sich der ORF noch nicht zu einer Ausstrahlung durchgerungen, man hört von wechselnden Forderungen, vorher gewisse Stellen des Films zu zensieren. ORF-Direktorin Kathrin Zechner war bei der Preisverleihung anwesend und rief sogar einmal ins Mikrophon, wie wichtig der österreichische Film sei, was solle der ORF sonst senden. Leider wurde die Chance ausgelassen, sie vor aller Öffentlichkeit zu fragen, warum der nun zum vierten Mal ausgezeichnete Film „Der Prozess“ nicht unverfälscht im ORF gezeigt werden kann!

PS: Laut Auskunft des Regisseurs soll der Film demnächst als DVD im Handel erscheinen.

4 thoughts on “Doku „Der Prozess“ wird Österreichs „bester Dokumentarfilm 2012“

  1. Johannes says:

    Bitte um einen Blogbeitrag wenn die DVD erscheint!

  2. Martin C. says:

    … so bleibt dieser Justizskandal zumindest auch weiterhin ein Thema. Hoffentlich hat die kritische Dankesrede von Igor Hauzenberger wenigstens in so manchen Köpfen etwas bewirken können, obwohl, beim Bundespräsidenten bin ich da eher skeptisch.

  3. Lilly says:

    Herzliche Gratulation! Das ist ein starkes Zeichen für die Menschlichkeit.
    Kafkaesk, dass sich dieser untätige Bundespräsident dabei tummelt, eine Frechheit auch, dass für diese Farce „staatlich“ (privatisiert) ihr gezwungen seid, die Kosten für deren Inquisition zu tragen. Die überfrachteten, teuren Bürokratiemühlen malen sehr, sehr langsam, vielleicht gibt sich für euch in den nächsten Jahren eine finanziell zufriedenstellende Entschädigung. Der ORF wird für sein wertvolles CI nicht umhin kommen diesen österreichischen preisgekrönten Film unzensuriert im Hauptprogramm zu senden. P.s. Ich freue mich auf einen neuen Bundespräsidenten und auf die DVD.

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