Ein kritischer Blick auf Nick Cooneys Kampagnenkonzept

Nick Cooney ist in der Tierrechtsszene durch seine mittlerweile bereits drei Bücher bekannt geworden. Da ist einmal „Change of Heart“, dann „Veganomics“ und nun „How to be great at doing good“. Sein erstes Buch habe ich rezensiert: https://martinballuch.com/change-of-heart-von-nick-cooney-im-lantern-verlag-new-york/. Und das mit einiger Begeisterung, insbesondere weil Cooney Fakten gegen rein ideologische Vorbehalte seitens Francione und anderer, sich selbst als „AbolitionistInnen“ bezeichnender Personen, stellt, siehe https://martinballuch.com/nick-cooneys-fakten-gegen-den-mad-abolitionism/. Und das begrüße ich, weil ich überzeugt bin, dass wir für die politische Arbeit viel mehr Pragmatismus als Ideologie brauchen.

Doch Cooney verändert in seinen Büchern zunehmend den Schwerpunkt seiner Argumentation dahingehend, den Aktivismus verschiedener Gruppierungen an in meinen Augen fragwürdigen Parametern zu messen. Zunächst einmal ist seine Zielformulierung rein utilitaristisch, und zwar auf einer sehr platten Ebene. So schreibt er in seinem neuesten Buch auf Seite 166: If we are serious about charity, then we need to burn into our brains exactly what the goal of charity is. […] The goal of charity is to reduce suffering and increase well-being as much as possible. [Hervorhebung vom Autor]. Entsprechend zählt er tatsächlich, für wieviel Spendengeld eine Organisation wievielen Tieren wieviel Leid erspart und macht nur daran fest, ob sie effektiv ist. Und das ist schon erstaunlich kurz gedacht.

Auf dieser Basis seiner Analyse von Effektivität kommt er im Kapitel „Following Your Passion is a Bad Idea“ auf Seite 132 zur Schlussfolgerung, dass man nicht auf eine Weise aktiv sein soll, wie es einem liegt, wie man sich wohlfühlt, oder wie man meint, viel beitragen zu können, weil man auf dem entsprechenden Gebiet besonders begabt ist. Nein, fast schon wie Kants Forderung nach ethischer Pflichterfüllung ohne Mithilfe von Emotionen wie Mitgefühl, fordert Cooney wir müssten uns mit aller Macht zu Aktionen zwingen, die uns überhaupt nicht liegen, die uns abstoßen oder die uns unendlich langweilen, wenn wir nach seiner Analyse sehen, dass diese Vorgangsweise aber die Effektivste ist.

Also an dieser Stelle muss ich vehement widersprechen. Meiner Erfahrung nach ist, im Gegenteil, der Spirit und die persönliche Motivation das Allerwichtigste beim Aktivismus, Erwägungen der Effizienz sind dagegen sekundär. Die Begründung dafür ist klar. Das mit Abstand wesentlichste Hindernis für die Verbreitung zivilgesellschaftlicher Kampagnenarbeit ist, dass die meisten der AktivistInnen nach relativ kurzer Zeit nicht mehr aktiv sind, sondern sich im Leben anders orientieren. Vielleicht 50 % der AktivistInnen beenden ihre „Laufbahn“ nach weniger als 1 Jahr, gute 80 % nach weniger als 2 Jahren. Kaum jemand ist 10 Jahre oder länger aktiv. Man stelle sich nur den Effekt vor, wenn die Länge der Zeit des individuellen Aktivismus verdoppelt würde! Die wichtigste Maßnahme zur Steigerung der Effektivität von zivilgesellschaftlicher Arbeit ist also der Erhalt der Motivation der AktivistInnen und das Verhindern eines Burn-out. Und das sagt mir auch die Praxis: jemand, der sich monate- oder gar jahrelang zwingt, mit vollem Schwung gegen seine inneren Vorlieben gewisse politische Aktivitäten zu setzen, erlebt ein massives Burn-out. Das Einzige, was einen davor bewahren wird, ist eine Nische zu finden, in der man ein befriedigendes Leben mit einem effizienten Aktivismus auf Dauer in Einklang bringen kann.

Ein Beispiel von vielen. Auf welche Weise würde Cooney ausrechnen, wie effizient unsere Animal Liberation Workshops, siehe www.animal-liberation.at, sind? Wenn man diese Veranstaltungen in Cooneys Weise analysiert, dann müsste man fragen, wie viele Personen wurden dadurch vegan und bleiben es wie lange. Aber das Wichtigste ist der Rekrutierungseffekt: wie viele Personen sind danach selbst aktiv. Bei einem Grazer ALW z.B. konnten wir zwei Personen dazu inspirieren, selbst einen Verein zu gründen, der dann wiederum neue AktivistInnen für die Sache gewann und eigene Kampagnen fuhr.

Der Tierrechtskongress ist eine Veranstaltung, die in den Augen von Cooney ziemlich ineffizient sein müsste. Wer wird schon durch den Kongress vegan, sind doch fast alle, die dorthin gehen, bereits Teil der Bewegung. Doch solche Veranstaltungen haben eine ganz andere Funktion, sie schaffen eine Bewegungsidentität, sie verbreiten das Wissen unter den TeilnehmerInnen, was für Aktivitäten es gibt, sie ermöglichen Personen, ihre Aktivitäten vorzustellen, sie bringen ein Gemeinschaftsgefühl und durchbrechen die Isolation, die gerade unsereins oft empfindet. All das trägt dazu bei, dass die Aktiven Motivation tanken und aktiv bleiben.

Cooney argumentiert insbesondere gegen individuelle Tierhilfe, also gegen Tierheime und Gnadenhöfe und Tierrettungsaktionen, weil sie ineffizient seien. Für UtilitaristInnen werden Einzelschicksale zu Statistiken und dann zählen solche Projekte wenig. Dabei kann gerade die individuelle Begegnung mit einem geretteten oder einem leidenden Tier für das Leben besonders prägend sein. In der Realität gehen die allermeisten Spenden, und vor allem Erbschaften und Großspenden, an die Individualtierhilfe. Wenn man einem Individuum in die Augen schaut und weiß, durch eine Spende kann ich diesem Wesen helfen, so sind wir Menschen als soziale Tiere wesentlich mehr motiviert genau das zu tun, als wenn wir für indirekte Fortschritte spenden sollen, also z.B. für Tierschutzprojekte im Schulunterricht. Letzteres ist unserer Erfahrung beim VGT nach das allerschlechteste Spendenthema.

Ich habe also eine Gegenthese zu Cooney. Ich denke, alle Menschen sollten genau auf jene Art und Weise aktiv sein, die ihnen am besten gefällt und sie am meisten befriedigt. Die Effizienz ist sekundär, und das Ausmaß der Reduktion von akkumuliertem Tierleid kommt erst ganz zum Schluss. Aktivismus in der Weise, die einem entspricht, ist auch viel ehrlicher und authentischer, und erreicht dadurch Personen, die ähnlich sind, wie man selbst. Cooney schlussfolgert ja auch z.B., wir sollten nur daran arbeiten, junge Frauen zu Veganisieren, weil das statistisch gesehen am ehesten ginge. Ich denke, durch ein authentisches Auftreten im Rahmen von Aktionen, die zum eigenen Charakter passen, erreicht man immer andere Personen. Und wenn wir das alle praktizieren, erreichen wir letztlich die gesamte Gesellschaft, weil wir TierschützerInnen und VeganerInnen/VegetarierInnen ein Abbild dieser Gesellschaft sind.

Martin Luther King hat im Rahmen der Bürgerrechtsbewegung in den USA auf die Frage, was die wichtigsten drei Dinge wären, die man tun kann, um die Sache voran zu treiben, gesagt „agitate, agitate, agitate“. Also sei aktiv, das ist prioritär, auf welche Weise ist sekundär. Ich fühle mich da in meiner Ansicht bestätigt. Es gibt nicht die eine, beste und effektivste Weise, aktiv zu sein. Effektiv werden wir, indem wir uns alle auf unsere eigene Weise einsetzen und zu einem Ganzen ergänzen.

4 thoughts on “Ein kritischer Blick auf Nick Cooneys Kampagnenkonzept

  1. Nick Cooney says:

    Hi Martin! My apologies this is in English not German, but I hope all as well and as always thanks for all of the awesome work that you and VGT do, which is quite inspirational.

    I read your piece with interest, using Google Translate (so I may not understand everything exactly), and just wanted to share a couple replies with you:

    1 – On the impact of conferences, I would certainly agree with everything you’re saying, that they could potentially have a very large impact if they get people to start groups and thereby get a lot more work done for animals. I know that it can be hard to measure exactly how much good a conference does, but I think we just have to make our best estimate. The point is, my book and I don’t disagree with you at all that conferences could have a lot of value and be well worth doing.

    2 – You point out that most people stop being activists after only a year or two, which is certainly true. You also suggest that if people picked their activism based on what they most enjoyed, rather than on what did the most good for animals, that they would be less likely to quit activism.

    But right now, almost everyone (certainly more than 90%) chooses the activism they do based on what they most enjoy, are most passionate about, and so forth. And those are the very same people that are quitting after a year or two!! So maybe at this point it’s worth trying something new 🙂

    If 90% of animal activists instead got active based on what would do the most good for animals, I don’t know whether that would decrease or increase their likelihood of quitting within a year or two. But focusing on what does the most good might keep more people active. Here in the US, one of the thing that keeps a lot of the good farmed animal activists involved and active for many many years is that we can see the tangible successes of what we’re doing, since we try to focus on what will help the most animals. If you are banging your head against a wall on a campaign that isn’t succeeding, or that only helps a few animals, it’s easy to get discouraged and quit. On the other hand if you are doing work that you know helps huge numbers of animals, that is encouraging and makes it easier to stay motivated to keep going. That’s been our experience here anyway. (Of course friendliness of those involved, etc plays probably the biggest part).

    Two other points here. First, most people do become passionate about what they do even if they aren’t passionate about it when they start. So people (like me) who start working on a cause because it seems the way to do the best good, will likely become passionate about it before long. There is a lot of research on for-profit jobs in the U.S. that suggests that. Second, even if people focusing on what did the most good instead of what they were most passionate about did lead fewer people to be activists, it still might be good to encourage people to focus on doing the most good. An activist focused on an effective program can spare 1,000 times more animals than an activist focused on a less effective program. So even if 3% of animal activists switched to doing the most effective stuff, even if animal activists as a whole became twice as likely to quit being activists, we’d still be in a much better situation with more animals being spared.

    3 – In terms of sanctuaries, I can’t speak to Austria, but in the US the largest farm animal organization right now is a sanctuary and overall something like 20 million dollars a year goes toward housing and caring for a few thousand animals. I used to work at the biggest in the U.S. You’re certainly right that they have an impact on people who visit, but when you look at the impact per dollar spent of sanctuaries versus the impact per dollar spent of other activities, we see that sanctuaries help far, far, far fewer animals (like 100 times less) than other uses of that money. In the past 5 years in the U.S., more and more money has begun to go toward effective work as donors – especially a handful of large donors – have begun to realize the value of focusing on the most effective work instead of just giving to sanctuaries, shelters, etc. That’s an awesome change, and has led to really huge victories for farmed animals that have helped tens of millions of animals. That never would have happened if the idea of „support what helps the greatest number of animals“ had not begun to spread.

    Anyway, just a few thoughts/replies for your consideration! As always, thanks for the work you and VGT are doing and hope to see you again before too long!

    Best,
    Nick

  2. Martin Balluch says:

    Julia, wenn ich Dich richtig verstehe, dann kamen die Spenden durch das Verteilen von Kuchen herein. Das ist jedenfalls nicht, was ich gemeint habe. Wir beim VGT machen immer wieder Anfragen an Interessierte und Mitglieder, ob sie zu einem gewissen Thema spenden wollen. Zwar organisiere ich diese Anfragen nicht, bekomme aber am Rand mit, was passiert. Wenn man um Spenden für ein individuelles Tierschicksal anfragt, bekommt man tentenziell am meisten. Wenn man um Spenden für Aufdeckungsarbeit in Tierfabriken anfragt, knapp dahinter. Aber wenn man um Spenden dafür bittet, TierschutzlehrerInnen auszubilden oder selbst an Schulen zu gehen, bekommt man nur sehr wenig. Und dieses Bild ändert sich seit vielen Jahren nicht.
    Anderes Beispiel: ein mittlerweile verstorbener Tierfreund wollte seine Ersparnisse dem Tierschutz vererben und lud mich ein, ihn zu beraten. Ich stellte ihm einige Projekte vor, darunter Tierschutzunterricht an Schulen. Er gab mir Feedback und es war klar, Tierschutz an den Schulen hat ihn am wenigsten interessiert. Er wollte Gutes tun, sagte er, und damit meint er, leidenden Tieren direkt helfen. Und Tierschutz in den Schulen ist in seinen Augen zu indirekt gewesen. Viele Menschen scheinen so zu denken.

  3. julia says:

    Mag ja sein, dass Du Recht hast mit der Spendenbereitschaft je nach Thema. Das zeigt aber nur, wie kurzsichtig manche Leute agieren. Sie würden viel mehr Tiere retten, wenn sie, statt eines einzelnen zu retten, dafür sorgten, dass Kinder und Jugendliche vegan würden – denn wie viele Tiere müssen im Lauf eines Menschenlebens leiden und sterben, damit ein einziger Mensch mit Milch(produkten), Eiern und Fleisch „versorgt“ wird? Aber klar, Emotionen sind irrational, und Spendenbereitschaft wird auf rein emotionaler Basis geweckt. Da zählen dann die Kulleraugen eines Tierkindes mehr als das Leiden derer, in deren dunkle Ställe niemals Licht dringt.

    Ich würde dennoch das eine nicht gegen das andere abwägen oder gar ausspielen wollen. Klar ist es interessant und sinnvoll zu vergleichen, wie viele Spenden diese oder jene Tätigkeit anzieht, oder wie viele Menschen man mit dieser oder jener Aktion erreicht – wie zB in Schulen. Ich fände es falsch, wenn man, was Ihr ja auch nicht tut, sich zB nur auf Aktionen konzentriert, die viele Spenden bringen, und andere, die weniger attraktiv für potentielle SpenderInnen sind, dafür vernachlässigt. Die bringen vielleicht in anderer Hinsicht mehr, wenn auch eben keine Spenden.

    Unser Tier-Rechts-Workshop und die Spendenaktionen meiner beiden Töchter waren eben nur zwei Aktionen, an deren Werden ich zufällig einen kleineren oder größeren Anteil hatte bzw. sie beobachten oder unterstützen konnte.

    Es hat mich allerdings beeindruckt, mit wie wenig logistischen Aufwand meine coolen Töchter es geschafft haben, etwa die halbe Schule mit Infos über Tierleid durch Milch und Ei, über die Tiere auf dem Erdlingshof und über vegane Kuchenrezepte zu informieren. Niemand kann sagen, wie viele Menschen dadurch zum Nachdenken kommen und vegan werden. Aber sie haben alle diesen Input bekommen, und bei vielen bleibt etwas davon hängen, es kamen viele Fragen, und sicher gab es zu Hause viele Gespräche bei anderen Kindern.

    Und Kinder sind einfach die Zukunft. Dein alter Herr, von dem Du schreibst, hat das einfach nur nicht mitbekommen. Es sei ihm verziehen, und seine Spende fand sicher einen anderen guten Platz. Und vielleicht schüttelt er ja inzwischen vom Himmel herab das wolkige Haupt über seine Kurzsichtígkeit, die ihn zu Lebzeiten ohne sein Wissen behindert hat.

    Was sicher für uns alle an der einen oder anderen Stelle zutreffen wird. Aber bis dahin gibt es noch genug „Baustellen“ der Ungerechtigkeit gegen nichtmenschliche Tiere.

  4. julia says:

    Lieber Martin,

    das ist ausnahmsweise ein Artikel, den ich aus vollem Herzen unterschreiben könnte – danke.

    Nur in einem widerspreche ich Dir: Tierrechte in der Schule sind in meinen Augen nicht nur das wichtigste Projekt für eine vegane und tierleidfreie Zukunft überhaupt, sie bringen auch unter Umständen gar nicht wenig Spenden.

    Der Beweis: In zwei vollen Tagen Tier-Rechts-Workshop in Berlin (bei dem die Spenden allerdings ein sehr nachrangiges Ziel waren – Bericht siehe in der letzten Tierbefreiung oder auf Tierrechtstheorie Berlin) haben wir an Spenden grade mal so viel bekommen (in dem Fall für das „Land der Tiere“) wie meine beiden 7 und 10 Jahre alten Töchter mit je einem Vormittag Kuchenbasar, den beide nacheinander in ihren Klassen angeregt hatte – die eine für den Erdlinngshof, den jetzt jedes Kind in ihrer Klasse kennt, dank Postkarten und Flyern und Selbst-Wenn-Broschüren – und die andere fürs Tierheim Berlin, von dem kurz zuvor eine Tierschutzlehrerin in der Klasse war.

    Die beiden Spendensammlungen zusammen ergaben glaube ich mehr als der reine Spendenerlös vom Tier – Rechts – Workshop … und da hab ich wesentlich mehr Zeit investiert.

    Zum Glück macht mir persönlich Kuchen backen und Workshops organisieren ungefähr gleich viel Spaß. Und darum gebe ich Dir recht: jede_r AktivistIn sollte die Aktionsform finden, die ihroder ihm am besten liegt – und wo er oder sie am überzeugendsten ist.

    Wie Melanie Joy, in dem Fall absolut zutreffend bei unserem letztjährigen Berliner Animal Liberation Workshop sagte: Die Tierrechtsbewegung braucht glückliche AktivistInnen.

    Take care!

    Julia

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