Klarstellung zu Foto: Kalbinnen aggressiv gegen 2 Jährige

Das obige Bild, bzw. ein sehr Ähnliches, hat einen Shitstorm auf Facebook ausgelöst, wie mir berichtet wurde. Die abenteuerlichsten Vermutungen und Interpretationen wurden dazu angestellt. Deshalb hier jetzt eine Klarstellung.

Warum dieses Bild veröffentlichen?

Die Erklärung ist ganz einfach. In meinem kritischen Blick auf Almen, siehe https://martinballuch.com/ein-kritischer-blick-auf-almen/, habe ich erwähnt, dass Rinder im Toten Gebirge erstaunlich aggressiv auf meine kleine 2 jährige Tochter reagiert haben. So aggressiv, wie ich das bisher nur von Situationen kenne, in denen ich mit einem Hund unterwegs bin. Auf diese Bemerkung hin wurden mir mehrere Emails von erbosten Almleuten geschickt, die versucht haben mich lächerlich zu machen, und geschrieben haben, die Rinder seien doch nur neugierig, aber nicht aggressiv, ich würde mich nicht auskennen. Ich kenne mich aber schon ausreichend mit Rindern aus, um sagen zu können, dass sie in diesem Fall tatsächlich aggressiv waren.

Als ich dann wenige Tage später in einem Dorf an einer Weide vorbeikam und die Kalbinnen aggressiv auf meine Tochter reagierten, habe ich das fotografisch festgehalten, um es zu beweisen. Erstens wollte ich damit sagen, dass die Almleute falsch liegen, weil ja, Rinder können durchaus auf 2 jährige Kinder wie auf Hunde reagieren, und, zweitens wollte ich diesen doch sehr interessanten Umstand jenen Eltern mitteilen, die mit ihren 2 jährigen Kindern Almen zu überqueren planen. Eigentlich also ein recht bescheidener Anspruch, möchte man sagen, und unmittelbar durch Falschaussagen von Almleuten motiviert.

Wie entstand das Foto?

Erstaunlicher Weise wurde wild spekuliert, dass meine Tochter im Foto die Rinder absichtlich für das Foto gereizt hätte, dass alles inszeniert sei, dass wir auf Privatgrund stünden und dass es sich um eine Alm handeln würde. Alles falsch. Ich ging, wie jeden Tag, mit meiner Tochter spazieren und kam dabei, wie häufig, an einer Weide mit 3 Kalbinnen vorbei. Wir befanden uns auf einer öffentlichen Straße eigentlich mitten in einem Dorf. Das Foto oben habe ich so gewählt, dass man diesmal sieht, dass es sich um eine Straße handelt, auch wenn das für meine Aussage, die ich mit dem Foto treffen wollte, völlig belanglos ist. Tatsächlich steht direkt hinter uns ein Haus, direkt rechts neben uns ebenfalls, und direkt links neben uns ist eine Kirche.

Beim Vorbeigehen haben 2 der 3 Kalbinnen aggressiv reagiert und auf meine Tochter gestarrt, die Dritte kam dann angerannt. Das habe ich gleich fotografiert. Meine Tochter war nie in Gefahr, weil zwischen den Rindern und ihr ein elektrischer Zaun aufgestellt war und weil ich mich keine 50 cm hinter meiner Tochter befand. Meine Tochter ist, einfach nur aus Spaß, einen Schritt gesprungen und dabei hat eine der Kalbinnen erschreckt reagiert, was für mich beweist, dass diese Rinder meine Tochter nicht für einen Menschen sondern eher für einen Hund gesehen haben. Wäre ich gesprungen, hätten die Kalbinnen kein Ohrwaschel gerührt.

Die Situation hat sich übrigens völlig entspannt danach, ich habe meine Tochter in den Arm genommen und wir haben über den Zaun hinweg die beiden Kalbinnen gestreichelt. Die waren zwar weiterhin nervös, aber ließen sich doch beruhigen. Keine Affäre also.

Klarstellungen

Dazu gab es dann, wie man mir mitgeteilt hat, eine Reihe von Behauptungen, Mutmaßungen und Unterstellungen, die ich nun klarstelle:

  • Nein, die Situation war nicht gefährlich.
  • Nein, meine Tochter hat sich überhaupt nicht gefürchtet (siehe Bild) und fürchtet sich auch weiterhin nicht vor Rindern. Im Gegenteil, meine Tochter liebt Rinder und wir können an keiner Weide vorbeigehen, ohne dass wir stehen bleiben und idealerweise die Rinder streicheln müssen.
  • Nein, selbstredend habe ich mich auch nie vor diesen Rindern gefürchtet. Ich war als Teenager sogar einmal 3 Monate lang Senn auf einer Alm im Gailtal in Kärnten und habe spätestens seit damals keinerlei Angst vor Rindern.
  • Nein, ich habe diese Weide dort mit keinem Wort kritisiert, sondern ich finde sie gut. Es handelt sich um keine Alm, die sich, im Gegensatz zu dieser Weide, mitten in der Wildnis abseits von menschlichen Behausungen befindet.
  • Nein, es lag definitiv nicht an der Kleidung meiner Tochter, dass die Rinder aggressiv reagiert haben. Meine Partnerin ist wenige Tage davor ebenfalls dort mit meiner Tochter in anderem Gewand vorbei gegangen und hat mir berichtet, dass die Rinder auch sehr aggressiv reagiert haben.
  • Nein, der Vorfall war weder inszeniert noch geplant. Es ist einfach passiert, ich hatte mich an die Falschaussagen der Almleute erinnert und daraufhin einige Beweisfotos aufgenommen.
  • Rinder können definitiv aggressiv auf kleine Kinder reagieren. Als diese 3 Kalbinnen auf die Weide gestellt wurden, traf ich die Bäuerin, in deren Verantwortung sich die 3 Kalbinnen befinden, habe mit ihr sehr freundlich gesprochen und sie hat mir sogar explizit gesagt, diese 3 Jungrinder seien noch unerfahren und wir sollten nicht über den Zaun steigen und mit meiner kleinen Tochter aufpassen, weil die Rinder aggressiv werden könnten.
  • Nein, ich bin nicht gegen Rinder. Ich liebe sie, wie alle Tiere (auch den Wolf und die Giftschlange!). Dennoch bin ich der Ansicht, wir in Österreich haben viel zu viele Rinder gezüchtet und sollten in Zukunft deutlich weniger züchten. Wir haben eine ungeheuerliche Überproduktion an Milchprodukten und exportieren relativ mehr Rinder als jedes andere EU-Land. Abgesehen davon geht mit jeder Rinderhaltung natürlich viel Tierleid einher (Tiertransporte von Kälbern, Schlachtung) und die Rinderproduktion hat eine sehr schlechte Klimabilanz.
  • Ja, ich bin der Ansicht, dass Rinder durchaus Menschen gefährlich werden könnten. Auch ich hatte auf Almen schon sehr brenzlige Situationen, wie ich sie z.B. in meinem Buch „Der Hund und sein Philosoph“ beschrieben habe, aber immer nur durch einen Hund. Praktisch nie ging es dabei übrigens um eine Mutterkuh, die ihr Kind schützen wollte. Das ist auch mehrheitlich Almpropaganda. Mutter mit Kalb gibt es auf Almen nicht häufig.
  • Ja, es ist in meinen Augen auch ein Argument (von sehr vielen anderen) gegen Almen, dass man von Hundehalter_innen zurecht verlangt, sie müssen sicherstellen, dass ihre Hunde keine Menschen gefährden, aber bei Rindern sind immer die anderen schuld. Noch einmal betone ich: das trifft nicht auf die obige Situation zu, weil da ja die Rinder auf einer umzäunten Weide im Dorf gestanden sind. Mein Punkt war: Freilandhaltung ja, aber nicht in der Wildnis. Die sollte Wildtieren gehören.
  • Ah ja, und zuletzt haben mir verwirrte Personen geschrieben, ich solle meinen Kindern Respekt vor Tieren beibringen. Also woraus diese Personen schließen, dass meine Tochter keinen Respekt vor Tieren hätte, ist mir ein Rätsel. Sie hat vermutlich wesentlich mehr Respekt vor Tieren, als jene Personen, die das gesagt haben. Sie lebt nämlich vegan, tut keinem Tier etwas zuleide, gibt auch keine Tiertötungen für sich in Auftrag und rettet jeden Regenwurm und jede Schnecke von einer Straße, wenn sie sie sieht. Aber dass viele Leute in den sozialen Medien irgendetwas vor sich hin brabbeln ist ja nichts Neues.

Fehlt noch etwas?

9 thoughts on “Klarstellung zu Foto: Kalbinnen aggressiv gegen 2 Jährige

  1. Peter Müller says:

    In obigen Bild sieht man, wie zwei junge Kühe ein kleines Kind neugierig ansehen. Was ist daran aggressiv? Manche Kühe sind einfach sehr neugierig. Die Bezeichnung „starren“ deutet darauf hin, dass die besorgte Mutter ziemlich voreingenommen war und keine Ahnung von Kühen hat (trotz dreiwöchigem(!) Almaufenthalt als Teenager). Ich finde es auch ziemlich überheblich, zu behaupten, dass die Kühe das kleine Kind eventuell mit einem Hund verwechseln könnten. Kühe sind nicht blind und nicht dumm, aber wie gesagt, manchmal ziemlich neugierig.Ich wüsst jetzt auch keinen Fall, dass jemals eine Kuh „gezielt“ ein Kleinkind angegriffen hätte. Oder ist das schon vorgekommen?
    Dass Kühe einen Mensch angreifen können und das auch tun, ist klar. Ich habe großen Respekt vor jeder erwachsenen Kuh, bin bei freilaufenden Kühen sehr vorsichtig und behalte sie auf jeden Fall im Auge bzw mache einen weitern Bogen um die Tiere. Ich habe mich bei Wanderungen immer wieder gewundert, wie knapp Wanderer an Kühen vorbeigehen und die Tiere überhaupt nicht beobachten. Bei soviel Ignoranz wundert es mich überhaupt nicht, dass es immer wieder zu Unfällen kommt. Das sind eben keine Milka-Pappkühe, sondern ziemlich große und auch wehrhafte Lebewesen mit verschiedensten Charakteren und Launen und wie Menschen haben sie auch mal einen „schlechten“ Tag, an denen mit ihnen nicht zu spaßen ist.
    Ich bin übrigens auf einem Bauernhof aufgewachsen und hatte von Kindesbeinen an mit Kühen zu tun. Wir hatten ein paar ziemlich wilde Typen dabei und wenn irgend jemand die Kuhweide betreten hätte, dem wäre es schlecht ergangen!

  2. Martin Balluch says:

    @Peter Müller
    Bitte zuerst lesen. Diese Kalbinnen sind aggressiv gewesen, versprochen. Neugierig ist ganz anders. Die Mutter des Menschenkindes war gar nicht dabei, jedenfalls nicht an dem Tag. ICH war nicht 3 Wochen sondern 3 Monate Senn auf der Alm. Wo steht, dass die Kühe das Kind mit einem Hund verwechselt haben? Pfffff.

  3. Roland Raab says:

    Bitte nicht „Kalbinnen“ schreiben – das tut weh!
    Wäre so als würde man Kindinnen oder Personinnen schreiben!

    Gott sei Dank gibt es noch geschlechtsneutrale Wörter!

    Bitte korrigieren! Danke!!

  4. Martin Balluch says:

    @Roland Raab
    Finden Sie das Wort „Kalbin“ abwertend? Ich habe das jedenfalls nicht erfunden, es ist ein Fachbegriff, siehe https://de.wiktionary.org/wiki/Kalbin. Wenn Sie mir erklären, warum und in welchem Kontext das abwertend ist, verwende ich den Begriff nicht mehr. Wenn Sie allerdings glauben, dass es sich um ein holpriges Gendern handelt, dann wissen Sie offenbar nicht, dass „Kalbin“ ein ganz normaler Fachbegriff ist. Im Gegensatz zu Kindin oder Personin.

  5. Alex Winter says:

    Kalbin, ein Wort das kein Mensch kennt, scheint laut Google ein Begriff aus der Fleischindustrie zu sein, also warum diesen verwenden? Sie nennen ja einen Fuchs auch nicht „Raubzeug“.

  6. Martin Balluch says:

    @Alex Winter
    Naja, Menschen, die mit der Tierindustrie zu tun haben, kennen das natürlich schon. Für mich ist relevant, ob das Wort abwertet. Ich habe diesen Eindruck nicht. Ich finde das Wort sogar nett. Aber ich lerne gerne dazu. Wenn Sie mir den Zusammenhang nennen können, in welchem das Wort die Tiere abwertet, dann ändere ich gerne mein Vokabular. Ich fürchte, dass die Ablehnung daher kommt, weil Kalbin wie ein missglücktes Gendern wirkt. Ist aber nicht so. Deshalb sehe ich momentan noch keinen Grund, das Wort nicht zu verwenden. Raubzeug und sogar Raubtier würde ich deshalb nicht verwenden (sondern Beutegreifer), weil mit dem Wortteil „Raub“ die Ansicht einhergeht, dass diese Tiere dem Menschen etwas rauben und damit eine Straftat begehen bzw. etwas Böses.

  7. Alex Winter says:

    Das Wort klingt natürlich wie ein schlechter Genderwitz, aber abgesehen davon ist es halt ein weibliches Rind das noch nicht „gekalbt“ hat. „gekalbt“ wäre sicher so ein Tabuwort wie „werfen“. Wenn man tierlich statt tierisch sagen soll, dann wäre wohl eine Einteilung der Rinderdamen in schon „gekalbt“ oder noch nicht „gekalbt“ auch nicht tierlich politisch korrekt.

  8. Maria Sand says:

    Dazu muss ich sagen, dass wir zwei Hunde haben. Beide aus dem Tierschutz. Einer wuchs bei uns auf, der andere, ein sehr kleiner Hund, bei einer Familie, die ihn ständig alleine ließ. Weil er unter Durchfall litt, gaben die ihn ab, als er ungefähr 8 Jahre alt war. Der Hund ist bei uns glücklich, aber er reagiert auf viele Situation ängstlich. Was sich durch aggressives Bellen bemerkbar macht. Normalerweise bellt er andere Hunde an – was ich ihm mühsam aber vergeblich abzugewöhnen versuche. Er bellt aber auch Babys an, wenn sie sich bewegen. Nicht wenn sie getragen werden, oder im Wagerl sitzen. Offenbar erkennt der Hund ein Baby nicht als Mensch. Wird bei Kühen nicht anders sein. Man sollte das bei Wanderungen vielleicht schon auch berücksichtigen und Babys an Kühen vorbei tragen. Wir Menschen sollten lernen, wie Tiere zu denken, damit es nicht zu Missverständnissen kommt. Leider erwarten wir meistens, dass die Tiere wie Menschen denken sollen. Halten wir die Tiere für klüger? 😉

  9. Martin Balluch says:

    @Maria Sand
    Ich gebe Ihnen recht, das entspricht auch meinem Eindruck. Wenn man das Kind (und vielleicht auch den Hund?) trägt, könnte die Situation entschärft werden.

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