Sexismus im Kontext

Schistar Marcel Hirscher als Sexobjekt. Nicht sexistisch? Freundin Laura gesteht im Interview, sie wäre gerne an seiner Stelle fotografiert worden.

Schistar Marcel Hirscher als Sexobjekt. Nicht sexistisch? Freundin Laura gesteht im Interview, sie wäre gerne an seiner Stelle fotografiert worden.

PETA hat seit geraumer Zeit fast keine AktivistInnen mehr. Dieses Problem habe ich von Stuttgart bis London erzählt bekommen, und in den USA dürfte es ähnlich sein. Auch aus der Organisation der amerikanischen Tierrechtskongresse ist PETA ausgestiegen. Der Grund für die Isolation im Aktivismusbereich ist der Sexismusvorwurf wegen Werbesujets mit halbnackten Frauen. Andere Kritik, wie das Töten von Streunertieren, die Holokaust-auf-dem-Teller Kampagne oder die strikte Hierarchie in der Organisation mit Ingrid Newkirk an der Spitze, sind dagegen völlig untergeordnet. Sexismus durch Bilder von Frauen ist also ein relevantes Thema in der Aktivismusszene und kann große Organisationen ins Abseits manövrieren.

Bei einer meiner ersten Festnahmen in England während einer Störungsaktion gegen eine Jagd wurde ich isoliert in eine Polizeizelle gesetzt. Nach meinem Verhör durfte ich ein Readers‘ Digest (eine sehr harmlose und konservative Zeitschrift mit vielen Geschichten) mit in meine Zelle nehmen. Darin fand ich eine Werbung für die selbständige Untersuchung für Frauen nach Brustkrebs, mit einer nackten weiblichen Brust als Erklärungshilfe. Ich riss dieses Foto aus dem Heft und klebte es mit Spucke an die Wand. Irgendwie gab mir das ein rebellisches Gefühl, ich konnte mir meine eigene Zelle einrichten, und so hatte ich ein etwas besseres Lebensgefühl. Das Bild an der Wand machte mich um ein kleines bisschen fröhlicher.

Nach meiner Entlassung von der Polizeistation erzählte ich davon den anderen AktivistInnen. Und einige Feministinnen unter ihnen waren entsetzt: das sei sehr sexistisch von mir gewesen. Im Kontext der Brustkrebsuntersuchung sei das Bild nicht sexistisch zu sehen, im Kontext dessen, dass ich es mit Freude ansah und an meine Wand hängte, sei es zu einem sexistischen Bild mutiert. Als Sexualpartner dieser Frau, so erklärte man mir auf Nachfrage, wäre es auch nicht sexistisch gewesen, dieses Bild mit erotischen Gefühlen anzuschauen. Aber dadurch, dass ich diese Frau nicht kenne, könne sie nicht zustimmen, so benutzt zu werden, und ich würde sie auf ein Sexualobjekt reduzieren.

Ich finde es an sich merkwürdig, dass ein Bild nicht entweder sexistisch ist oder nicht. Hier jedenfalls würde das Bild dieser nackten Brust erst dadurch sexistisch, dass es ein heterosexueller Mann anschaut, der nicht der Partner der abgebildeten Frau ist. Die Objektivierung bleibt sich doch gleich: auch eine Vorzeigepuppe für eine Brustkrebsvorsorgeuntersuchung ist ein Objekt. Auch das reduziert das Model, auch da wird ihre Persönlichkeit völlig ignoriert. Es liegt daher nahe anzunehmen, dass der eigentliche Aufreger der Umstand ist, dass ein heterosexueller Mann eine nackte Frau anschaut, mit der ihn keine sozial akzeptierte Partnerschaft verbindet. Der Hintergrund dürfte sein, dass man diesem Mann „tierische Triebe“ unterstellt, die sozial nicht sanktioniert sind. Das bedroht das Sozialgefüge und macht ihn zum Tier.

Unterstützung findet diese Interpretation durch ein Erlebnis, das ich 1987 in Heidelberg hatte. Vor einem Kino, in dessen einem von sechs Sälen offenbar ein erotischer Firm lief, demonstrierte eine Gruppe Feministinnen. Das Flugblatt, das mir ausgehändigt wurde, zeigte die Karikatur eines Schweins im Porträt. Darüber stand „Ich Schwein“ und darunter „schau mir Pornofilme an“. Der Bezug kommt hier direkt zum Vorschein: vorgeworfen wird heterosexuellen Männern wie Tiere zu sein, wenn sie beim Anblick von Frauen erotische Empfindungen haben. Die Feministinnen hielten sich da nicht mit Abhandlungen über Objektivierung und dergleichen auf, sondern kamen gleich zum Kern des Vorwurfs.

Doch dieser Vorwurf ist speziesistisch. Er basiert auf dem klassischen Abwertungsmechanismus der Entmenschlichung. Geile Männer sind tierisch, Frauen sind entweder rein und nicht geil, oder sie lieben. Deshalb wird das Foto von Marcel Hirscher z.B. nicht abgelehnt. Die Genderrolle heterosexueller Frauen ist, sowieso dabei nichts zu empfinden. Und homosexuelle Männer oder andere, die an dem Bild ihre erotische Freude haben könnten, kommen offenbar in der Erwartungshaltung der Gesellschaft nicht vor.

69 thoughts on “Sexismus im Kontext

  1. Isa says:

    Ich bin entsetzt über diesen Artikel und über einige Kommentare. Vielleicht waren Feministinnen in den vergangenen 30 Jahren einmal so, wie sie hier geschildert werden, nämlich ausschließlich fokussiert auf Sexismus gegenüber Frauen. Früher mussten Thesen radikaler und härter sein, um überhaupt den Weg frei zu machen für die differenzierten Diskussionen, die wir heute haben. Keine Frau leugnet, dass Männer in sehr spezifischen Situationen, nämlich beispielsweise dem Aufenthaltsrecht des Kindes nach einer Scheidung, benachteiligt sind. Feministinnen und männliche Feministen ( ja, die gibt es ! ) sind auch der Meinung, dass Männer definitiv an Einrichtungen wie Kindergärten oder Schulen arbeiten sollten, um auch ein positives Vorbild für Jungen UND Mädchen zu schaffen. Soweit ich weiß, werden Männer in Kindergärten sehr gerne genommen mittlerweile, weil es natürlich Sinn macht, diese Insitutionen ähnlich dem Vorbild unserer Gesellschaft ausbalanciert zu halten. Dieser logische Rückschluss, dass eine Feministin sich nicht für die Benachteiligung von Männern interessieren würde, ist wirklich dumm. Schließlich wünschen wir uns eine Gesellschaft, in der es keine Diskriminierung mehr gibt, welchem Geschlecht man auch angehört. Auch die Idee, die hier zwischen den Zeilen immer wieder hervorkommt, dass nur, weil Männern Unrecht widerfährt, das von Frauen erlittene Unrecht unwichtig ist, ist wirklich irrsinnig. Ja, für Frauenhäuser – und ja, für Männerhäuser!
    Ja zur Frauenquote in Dax-Unternehmen, und – sobald genügend Bewerber bestehen – an Grundschulen, Kindergärten, Kitas etc.
    Sexismus ist ein zweischneidiges Schwert, denn es leiden nicht nur Frauen unter der Diskriminierung durch Männer, sondern es leiden auch Männer unter einem harten, veralteten männlichen Rollenbild, dass das Desinteresse an bestimmten Berufen, am aktiven Familienleben, an der Fokussierung auf anstrengede, zeitintensive Arbeit erklären kann.

  2. Hugo P says:

    Vor vielen Jahren ist ein Artikel über Igrid Newkirk in The New Yorker erschienen. Sie gibt dort ein wenig Einblick in die Thematik:

    „That raises the question of whether PETA’s shock tactics and
    abrasiveness might be so unsavory that they offend many of the very
    people the group wishes to attract. One day, I put that question to
    the philosopher Peter Singer, whose book „Animal Liberation“ (1975) is
    often credited with inspiring the modern animal-rights movement,
    Newkirk told me that it persuaded her to start PETA. „Publicity is a
    tactic that has worked well for them,“ Singer said. „Ingrid constantly
    risks offense, but she seems to feel it does more good than harm.“ In
    fact, Newkirk seems openly to court the anger even of people who share
    her views. I know feminists hate the naked displays,“ she told me. „I
    lose members every time I do it. But my job isn’t to hold on to
    members, as much as I’d like to—it’s to get people who just don’t give
    a damn about this issue to look twice.“ The truth is that extremism
    and outrage provide the fundamental fuel for many special-interest
    groups. Nobody ever stopped hunting because the National Rifle
    Association supports assault weapons; many of those who oppose
    abortion are appalled that people in their movement commit acts of
    violence, yet they are not appalled enough to support abortion. The
    same is true with PETA, and Newkirk knows it; a vegan isn’t going to
    start eating meat or wearing fur simply because she disapproves of a
    naked calendar.“

  3. Shiv a says:

    Schön, dass in den Kommentaren nicht nur die Emanzipation eines Geschlechtes thematisiert wird! Für mein Umfeld (20 bis 30, AkademikerInnen) habe ich das Gefühl, dass die Bereiche der Benachteiligungen des männlichen Geschlechtes noch kaum berücksichtigt werden, oder nicht bekannt sind. Feministische Tendenzen gehören hingegen zum guten Ton dazu.

    Zum Thema Nacktkundgebungen ein Pressebericht über zwei kritische Studien zur Wirksamkeit der Protestform: http://www.salon.com/2013/12/20/surprise_peta_sex_doesnt_sell/

  4. wolfi says:

    denke mir eher, dass jeglicher sexismus genau so definiert wird.
    sexismus und antisexistische bewegungen entstanden, weil es ein absolutes ungleichgewicht im bild der (rollen der) frau gibt – aus der sicht des (gewalttätigen, triebhaften, gottgewollt vorherrschenden) mannes.

    da jetzt eine andere definition bzw herleitung herbeizureden um dann diese ursprünglichsten aller beweggründe zu kritisieren finde ich befremdlich.

  5. Was werden hier wieder für Haarspaltereien aufgebaut und aufgeblasen? Natürlich gibt es Sexismus in unserer Gesellschaft – aber in beide Richtungen. Beides ist ethisch verwerflich und muss bekämpft werden.
    Manchmal hat man den Eindruck, dass die Feministinnen gerne die Männer als Vergeltungsmaßnahme ebenso zu knechten wünschen, wie dies zweifelsohne die Männer jahrhundertelang mit den Frauen getan haben. Aber es geht doch nicht um Vergeltung und Rache, es geht darum, echte Emanzipation herbeizuführen.
    Wir würden uns wünschen, dass dies Thema realistischer hier diskutiert wird und dass es weniger um Nacktshows und dergleichen, als vielmehr um das ginge, was sich in den Familien, Betrieben und in der Öffentlichkeit konkret abspielt und dass auch mal über die Auswirkungen auf die Kinder und ihre Entwicklung und Prägung Bezug genommen wird.

    „Die Frage nach dem Geschlecht sollte nur noch im Schlafzimmer gestellt werden.“ (Peter H. Arras)

  6. Quark says:

    Hr. Balluch, leider antworten Sie nicht auf Fragen, ich muss Ihre Zeilen somit übersetzen:

    – Sie sind entweder der Meinung, es würden gleich viele Männer für ein weibliches Publikum sich für Geld ausziehen wie Frauen für ein männliches Publikum; oder Sie sind der Meinung, ein möglicherweise vorhandenes quantitatives Ungleichgewicht (und sei es noch so krass) hätte keinerlei Aussagekraft.

    (Meinen Hinweis darauf, dass einzelne menschliche Todesopfer durch Tiere das gesellschaftliche Gewaltverhältnis gegen Tiere ja auch nicht aufwiegen würden, haben Sie geflissentlich ignoriert. Schade!)

    – Ihr weiteres Argument ist ein Gschichtl, dass Ihnen irgendwelche Frauen erzählt haben sollen. Sie schließen davon auf die Gesamtheit der Frauen im Allgemeinen.

    Ihr Ansicht der Gesellschaft und deren Analyse ist somit als einigermaßen bizarr zu bezeichnen. Ihr empirischer Beleg ist „mit hat wer was erzählt“. Das ist keine Basis für eine vernünftige Diskussion. Leider ist es mir nicht einmal möglich, Ihre Irrationalität als antipatriarchal aufzufassen. 🙂

    Aber vielleicht möchten Sie sich endlich bekennen: Gibt es gesellschaftlichen Sexismus ihrer Meinung nach überhaupt?

    Mit abenteuerlichen Behauptungen um den heißen Brei herumzukurven ist allein nicht abendfüllend!

  7. @Balluch

    „Eine persönliche Beobachtung: In meinem Umfeld gibt es Frauen, die die Chippendales strippen gesehen haben. Das ist sozial adäquat, solange sie betonen, das sei nur zum Spass gewesen und habe sie eh nicht sexuell angeregt. Ich kenne keinen Heteromann, der öffentlich zugibt, dafür bezahlt zu haben, Frauen beim Strippen zuzuschauen. Das ist also in jedem Fall offenbar sozial inakzeptabel.“

    Frauen betonen, sie seien sexuell nicht erregt gewesen – vom Zusehen. Dieser Satz sagt ja schon deutlich worum es geht. Frauen genieren sich fürs Zusehen, weil man von ihnen erwartet, dass sie sich keinesfalls sexuell vom Anblick eines Mannes erregen lassen. Deshalb verkünden sie lauthals, es sei ja nur Spaß.

    Von Männern erwartet man, dass sie einer Stripperin gerade wegen der sexuellen Erregung zusehen. Sie brauchen gar nicht öffentlich darüber reden, dass sie sich so etwas ansehen. Jeder weiß warum sie das tun. Deswegen schweigen sie vielleicht, was ich eigentlich nicht so recht glauben kann. Vielleicht reden sie bei gemischten Zuhörern nicht darüber.

    Das ist ein fundamentaler Unterschied zwischen den Geschlechtern.

    Der Anteil männlicher Lehrer ist dort größer, wo es mehr Geld gibt. Also an einer AHS und anderen höheren Schulen. Dort wo es zumindest einige männliche Lehrer gibt, ist zu 90% der Diektor ein Mann. Ich weiß von einer Schule an der es entweder fast keine, ich glaube sogar überhaupt nur einen männlichen Lehrer gab – der war der Direktor. 😉

  8. Martin Balluch says:

    @quark:

    Es gibt wesentlich mehr männliche Stripper für Frauen als nur die Chippendales. Sie können sich sofort heute Nacht noch einen buchen, wenn Sie wollen. Jederzeit, in jeder Stadt, ganz privat. Und Sie können auch einen männlichen Escort buchen, der mit Ihnen die Nacht verbringt. Ebenfalls überall und jede Nacht. Soviel dazu.

    Vielleicht sind Sie ja, wie manche Feministinnen, der Ansicht Rationalität ist patriarchal. Für mich jedenfalls ist die Voraussetzung eine behauptete Unterdrückung – Sexismus – ernst zu nehmen, dessen rationale Konsistenz. Wenn die sexuelle Objektivierung von Männern durch Frauen, wenn auch quantitativ seltener, kein Unterdrückungsproblem ist, warum sollte dann die sexuelle Objektivierung von Frauen durch Männer eines sein? Ob ich 1 oder 1 Milliarde nichtmenschliche Tiere abwerte, Speziesismus bleibt Speziesismus. Also, sind für Sie die Chippendales irgendwie unterdrückt? Oder ist sonstwer durch den Strip der Chippendales unterdrückt?

    Eine persönliche Beobachtung: In meinem Umfeld gibt es Frauen, die die Chippendales strippen gesehen haben. Das ist sozial adäquat, solange sie betonen, das sei nur zum Spass gewesen und habe sie eh nicht sexuell angeregt. Ich kenne keinen Heteromann, der öffentlich zugibt, dafür bezahlt zu haben, Frauen beim Strippen zuzuschauen. Das ist also in jedem Fall offenbar sozial inakzeptabel.

    Finden Sie das nicht seltsam? Da ist sie wieder, die große Ablehnung der Bevölkerung von Heteromännern, die nackte Frauen anschauen. Das ist scheinbar ein absolutes No-No.

    Eines ist klar. Die landläufige Ansicht von Sexismus verbietet Heteromännern nackte Frauen anzuschauen, aber nicht umgekehrt. Sie schränkt also Männer im Gegensatz zu Frauen ein und ist dadurch selbst sexistisch. Sagt mir die Logik.

  9. Kurt says:

    Wie schon andere hier geschrieben haben, werden sowohl Frauen als auch Männer in bestimmten Bereichen benachteiligt und in anderen bevorzugt. Das genau zu bestimmen und gegeneinander aufzuwiegen scheint mir aber praktisch unmöglich zu sein.

    Ich denke Martins kritische Haltung gegenüber Feministinnen kommt sicher auch daher, dass letztere nun sehr dazu neigen, immer nur die Bereiche zu sehen und zu thematisieren, in denen Frauen benachteiligt werden. Dieser einseitige Zugang spiegelt sich für mich schon in dem Begriff „Feminismus“ selbst wider. Wie wäre es stattdessen mit „Anti-Sexismus“?

  10. quark says:

    „Die Chippendales, http://www.chippendales.de/, sind übrigens rein männliche Stripper nur für Frauen. Sie machen viel Geld damit, also wollen viele Frauen strippende Männer sehen und zahlen dafür sogar viel Geld. […] Nur wenn Frauen für Männer strippen ist alles ganz anders.“

    Und jetzt, Herr Balluch, versuchen Sie zwei Tatsachen gedanklich zu verbinden:

    1. Eine einzige Männerstripteaseshow tourt um die ganze Welt, ist überall als Unikum namentlich bekannt.
    2. In jeder durchschnittlichen Großstadt gibt es zig Frauenstriplokale.

    Und jetzt beantworten Sie selbst die Frage: Ist das gleich?
    Indiziert der enorme quantitativ Unterschied nicht vielleicht einen qualitativen?

    Wollen Sie ernsthaft sagen, wenn Sie *ein einziges* Männerbeispiel finden, dann wiegt dass alle massenhaften Gegenbeispiele auf?

    In diesem Fall habe ich einen Beweis für die Nichtexistenz des Speziesismus für Sie: irgendwo auf der Welt tötet gerade ein Tier einen Menschen… Think about it!

  11. julia says:

    „Wäre das nicht emanzipatorisch?“

    1. Sobald Männer Kinder kriegen, ja. (Oder falls sämtliche Krankheitskosten, die mit Schwangerschaft und Geburt und ihren Folgen verbunden sind, von der Rechnung ausgenommen werden.) Übrigens gibt es Statistiken, die besagen, dass Frauen bei gleichem Beschwerdebild oft mit ein paar Tablettchen abgespeist werden, während Männer teurere Untersuchungen bekommen, rascher zum Herzspezialisten geschickt werden und schneller operiert. Dazu paßt, dass Medikamentenstudien in der Regel an Männern gemacht werden, nicht an Frauen. Ein Herzinfarkt kündigt sich bei Frauen zB ganz anders an als bei Männern. Gerade lebensbedrohliche Herz- und Kreislauferkrankungen werden bei Frauen oft zu spät diagnostiziert. – Dass Männer öfter an Krebs sterben als Frauen, liegt daran, dass sie weniger zur Vorsorge gehen und es in vielen Fällen dann schon zu spät ist. Und bestimmte „Männerkrebsarten“ entwickeln 40% aller Männer ab einem gewissen Alter. Sorry, wir kriegen nun mal keine Hodenkrebs. (Und untersuchen uns meistens brav selbst auf Brustkrebsanzeichen.) Soll man Frauen deshalb nicht mehr behandeln? Mach Dir keine Sorgen, in vielen Ländern (wie Indien) ist da eh gang und gäbe. Ein Vorbild?

    2. Bei gleichberechtigter Sorgepflicht für Väter, ja. Derzeit ist es so, dass Kinder das größte Armutsrisiko sind – und zwar für geschiedene Frauen. Verletzung der Unterhaltspflicht hingegen ist nicht einmal mehr ein Offizialdelikt und wird nicht mehr strafrechtlich verfolgt. Wo bleiben die Pflichten für Väter?

    3. Ach. Wer hindert Männer daran, Erzieher oder Grundschullehrer zu werden? Ich bin sicher: die schlechte Bezahlung! Und ich bin sicher, dass, sobald Erzieher_innen und Grundschullehrer_innen soviel verdienen würden wie andere, vergleichbare qualifizierte Personen, wird es in dem Job mehr als genug Männer geben.

    Derzeit haben offenbar nur Frauen Idealismus genug, derart anspruchsvolle Jobs bei derart schlechter Bezahlung zu leisten.

    Zeit für neue Männer, kein Zweifel …

  12. Martin Balluch says:

    @gonzessa:
    Was für eine Qualifikation haben FeministInnen?

    Aber was spricht Ihrer Meinung nach gegen seine 3 Forderungen:

    1. eine Quote bei den Ausgaben der Krankenkassen: Binnen zehn Jahren sollen maximal vierzig Prozent eines Jahresbudgets an ein Geschlecht allein gehen;

    2. gleichberechtigte Elternschaft: Binnen zehn Jahren Sorgerecht für jeden leiblichen Vater, eine Mitwirkungspflicht der Mutter bei der Feststellung einer Vaterschaft;

    3. eine Quote in den Erziehungsberufen: Binnen zehn Jahren muss die Verdrängung von Männern gestoppt und umgekehrt werden. Vierzig Prozent männliche Erzieher und Lehrer!

    Wäre das nicht emanzipatorisch?

  13. Martin Balluch says:

    Es gibt wohl kaum eine sexuell objektivierendere Werbung als diese hier, auf die mich gerade eine Blog-Leserin aufmerksam gemacht hat: http://www.youtube.com/watch?v=ApwZwX0Gwc0

    Die Sexualobjekte sind alles Männer. Und ich empfinde das überhaupt nicht abwertend. Ich halte es für emanzipatorisch solche Werbungen zuzulassen, und antiemanzipatorisch solche Werbungen aus dem öffentlichen Raum verbannen zu wollen. Dabei gibt es wohl wirklich keine Werbung, in der Frauen noch objektivierter sind als die Männer in dieser.

    Die Chippendales, http://www.chippendales.de/, sind übrigens rein männliche Stripper nur für Frauen. Sie machen viel Geld damit, also wollen viele Frauen strippende Männer sehen und zahlen dafür sogar viel Geld. Gibt es einen Mann auf dieser Welt, der die Chippendales als abwertend für Männer empfindet? Ein Saal voll kreischender Frauen, die dafür bezahlen nackte Männer zu sehen wertet Männer ab? Meinem Eindruck nach wertet das zumindest männliche Körper auf. Von mir aus kann es viele Stripshows geben, in denen sich Männer für Frauen ausziehen und mir ist bisher noch niemand begegnet, weder ein Mann noch eine Frau oder jemand mit anderem Geschlecht, der/die gegen solche Stripshows war. Nur wenn Frauen für Männer strippen ist alles ganz anders.

  14. Kurt says:

    Fällt mir ein Cartoon ein, den ich einmal zu diesem Thema gesehen habe – mit folgender Sprechblase:

    Alle in die Rettungsboote, Frauen bei gleicher Qualifikation zuerst!

  15. Große Anerkennung an Martin Balluch für seinen Kommentar vom 16.12.!
    Er spricht uns aus der Seele und lässt uns hoffen, dass endlich wirkliche Emanzipation zwischen den Geschlechtern zustande kommt und die feministische Übersteuerung gesellschaftlich abgebaut werden wird.

    Peter H. Arras ist einer der relativ seltenen alleinerziehenden Väter eines Kleinkindes, seiner Tochter, die er zugesprochen bekam,als sie ein Jahr alt war. Er musste hart kämpfen gegen Väterfeindlichkeit seitens des von Frauen dominierten Jugendamtes (Sozialpädagoginnen) und des zuständigen Familiengerichts. Insgesamt dauerte das Verfahren zwei Jahre und endete in einem Vergleich (aus sexistischen Gründen war ein klares Urteil nicht durchzusetzen, denn die Mutter ist in Deutschland immer noch heilig). Er hatte den Sexismus von der „anderen Seite“ her kennenlernen müssen und dabei wurde uns klar, wie sehr auch bezüglich Kinderschutz großer gesetzgeberischer Handlungsbedarf erforderlich ist. Während die zur Mutterschaft unfähige, da charaktergesörte und psychisch kranke Mutter gedeckt und massiv unterstützt wurde, wurde dem Vater mit Vorbehalten und Unterstellungen begegnet. Man hoffte, dass ihm die Luft ausgehen, und er von seiner Klage auf alleiniges Sorgerecht ablassen würde. Dass seine Tochter „mit gefährlichen Raubtieren“ in seiner Tierschutzeinrichtung, in einem Hunderudel und auch noch vegetarisch aufwachsen würde, er ein „Querulant und systemfeindlicher Ideologe“ sei, wurde ebenfalls von der mütterlichen Seite ins Feld geführt.

    Vor allem wissen wir um die subtile Gewalt (Psychoterror), die vor allem von Frauen in den Familien ausgeht – sowohl gegenüber den Männern, als auch gegenüber Kindern und Tieren. Die extreme Zunahme des Borderline-Syndroms, eine Charakterstörung, die vor allem von Antisozialität, Destruktivität und Soziopathie gekennzeichnet ist, ist hierfür u. E. als Ursache zu nennen. Vgl.: http://www.akt-mitweltethik.de/images/texte/GruhlGesellschaftVortrag.pdf
    Es tritt vor allem bei Frauen auf. Es gibt reichlich Fälle, bei denen die Frau den Mann so lange psychisch tyrannisierte, bis dieser ausflippte und körperlich gewalttätig wurde, woraufhin dieser dann von der Polizei verhaftet und abgeführt wurde (wir kennen solche Fälle, die auch mit Tierschutzrelevanz verquickt waren, aus eigener Anschauung). Sicherlich ist der grundgesetzlich verbürgte Schutz vor körperlicher Gewalt, nicht aber vor seelischer, mithin ein Grund dafür, weshalb der psychischen Gewalt, die übrigens viel tiefgreifendere Schäden anrichtet, präventiv kaum begegnet wird. Auch im Sorgerechtsfall galt die Regel: Solange die Mutter dem Kind keine sichtbaren Schäden zufügt, sind die Befürchtungen des Vaters irrelevant, seine mannigfachen Glaubhaftmachungen bei Gericht unbedeutend.
    Nachdem das Jugendamt und der in dem Verfahren involvierte psychologische Gutachter davon überzeugt werden konnten, dass die Mutter unfähig ist, wurde nicht automatisch der Vater in Erwägung gezogen, sondern eine Pflegefamilie.

  16. gonzessa says:

    Ralf Bönt „Aufgewachsen in Bielefeld, absolvierte er zunächst eine Lehre als Kfz-Mechaniker. Anschließend studierte er Physik.“
    Und warum genau sollen wir dessen Thesen ernst nehmen? Was sind seine Qualifikationen zum Thema? Er klingt jedenfalls wie die männliche Version der seltsamen und völlig unwissenschaftlichen extrem-Feministinnen gegen die du dauernd wetterst.

  17. Etwas möchte ich noch hinzu fügen.

    Hier steht:

    „Eine Forschergruppe um Debbi Stanistreet vom Institut für Psychologie, Gesundheit und Gesellschaft an der Universität Liverpool fragte 2005 denn auch, ob das Patriarchat die Ursache für die höhere Sterblichkeit von Männern ist. Stanistreet ging dabei sehr robust vor: Sie sah sich 51 Länder an und nahm als Maß für Patriarchalität die Rate von Tötungsdelikten an Frauen. Dann stellte sie fest, dass diese engstens mit den Sterberaten von Männern korrelierten: Je früher die Männer starben, desto gefährdeter waren die Frauen. Männer starben jedoch in allen Ländern früher als Frauen.“

    Ich weiß nicht welche Länder sie genommen hat, aber diese Behauptung ist grundsätzlich falsch. In den Entwicklungsländern sterben die Männer meist nicht früher als die Frauen und in manchen Ländern kommen viele Frauen erst gar nicht auf die Welt. Auch wenn es noch Föten sind, sollte man sie in solche Statistiken einbeziehen. Man muss sich auch die Geschlechterverteilung in den einzelnen Ländern ansehen und zwar nach Jahrgängen. Die beträgt ja nie 50:50. Lies mal das http://de.wikipedia.org/wiki/Geschlechterverteilung und schau dir mal an bei welchen Jahrgängen warum Männer, oder Frauen (je nach Land verschieden) früher sterben. Bei den über 80 jährigen muss man den Krieg berücksichtigen. Und sicher noch vieles andere mehr. Man sollte nicht alles ungesehen glauben, was einem sogenannte „Wissenschaftler“ einreden wollen. Selber denken. Selber nachprüfen. :))) Dieser Artikel ist total sexistisch.

  18. Wo die Leute die ganzen Statistiken her haben? Zufällig hat mir vor einigen Tagen jemand gesagt, dass in den USA die Frauen für gleiche Delikte strenger bestraft werden als die Männer.

    So viel ich weiß rauchen die Männer mehr und sie trinken mehr als die Frauen und sie gehen später, bzw. seltener zum Arzt. Dafür kann die Krankenkasse nichts.

    Männer verunfallen öfter, weil sie blöder sind. Sie kümmern sich seltener freiwillig um ihren Nachwuchs nach der Scheidung und oft auch während der Ehe. Viele wollen gar kein Sorgerecht. Außer sie können den Frauen damit Probleme machen.

    Männer sind auch Vorreiter in Sachen Tierversuchen.

    Die Emanzipation macht, dass Frauen Männer imitieren. Sie versuchen die „besseren Männer“ zu sein und die Gesellschaft erwartet das auch. Deshalb gleichen sich die Sterberaten an. Frauen bekommen ab ca. 30 keinen guten Job mehr, Männer mit ca. 40.

    Ich habe früher in einem Pflegeheim gearbeitet. Von daher weiß ich, dass die Patienten fast immer „Schwester“ rufen und nicht „Pfleger“. Weil die meisten Männer groß reden und tun, als wären sie lauter Genies, während die Frauen inzwischen arbeiten. 😉

    Ich möchte jetzt nicht auf jeden Punkt eingehen, das wäre zu umfangreich, aber wenn ich das lese, stellen sich mir die Haare auf.

  19. Martin Balluch says:

    Diskussionsbeitrag zu Sexismus im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung:

    http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/ende-des-patriarchats-der-feminismus-hat-sich-verirrt-12289395.html

    Der Autor Ralf Bönt hat ein interessantes Buch geschrieben mit dem Titel „Das entehrte Geschlecht. Ein notwendiges Plädoyer für den Mann“, München 2012.

    Ende des Patriarchats. Der Feminismus hat sich verirrt

    Ja, wir leben im Patriarchat. Aber es sind die Männer, die viel mehr und heftiger daran leiden als die Frauen. Ein Aufschrei und drei Forderungen.
    Von Ralf Bönt
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    Gewalt gegen Männer in einer Männerphantasie: Szene aus Russ Meyers Film „Faster, Pussycat! Kill! Kill!“ aus dem Jahr 1965

    Gewalt hat keine Rasse, keine Klasse, keine Religion oder Nationalität, aber sie hat ein Geschlecht: Es ist ein bombastischer Satz, den die Autorin Antje Rávic Strubel seit ein paar Wochen vor sich herträgt. Gerne wüsste man, wie sie ihn begründet. Das letzte Buch der Extremfeministin Hanna Rosin kann sie nicht gelesen haben, denn darin wird voller Stolz eine Studie aus Großbritannien mit der Feststellung präsentiert, dass Frauen mittlerweile dreimal öfter wegen häuslicher Gewaltanwendung festgenommen werden als Männer. Genauere Zahlen findet man in Walter Hollsteins „Das missachtete Geschlecht“ oder in der sogenannten „Männerstudie“ der Evangelischen Kirche, die 2010 Furore machte. So sind etwa gleich viele Frauen und Männer in Familien handgreiflich, Frauen fangen aber öfter an und sind öfter bewaffnet als Männer.

    Drei Viertel aller Opfer sind Männer. Gewalt von Frauen richtet sich am häufigsten gegen den eigenen Partner, ein Drittel der von Männern verübten Gewalttaten trifft Fremde. Frauen üben mehr psychische Gewalt aus als Männer. Der Mann als Opfer psychischer Gewalt ist noch krasser tabuisiert als jener, der physische Gewalt erlitten hat. Das gilt zwar nicht nur für Taten, die von Frauen begangen werden. Aber besonders deutlich wird das bei sexuellem Missbrauch von Jungen durch Frauen. Andreas Kloiber von der Tagesklinik für Psychosomatik und Psychotherapie in Esslingen hat die einzige deutsche Studie durchgeführt, die sich speziell, differenziert und ausführlich mit sexuellem Missbrauch an Jungen befasst. Er geht von einem Täterinnenanteil von 20 bis 35 Prozent aus. Und Täterinnen wenden sehr sadistische Formen von Gewalt an, sagt Ursula Enders von der Fachberatungsstelle „Zartbitter“ in Köln. Insgesamt sind Jungs häufiger Opfer von Gewalt als Mädchen.
    Frauen und Kinder

    Antje Rávic Strubel wird auch weder Margaret Thatcher noch Lynndie England vor Augen haben, wenn sie mit ihrer Behauptung unterwegs ist. Sie bedenkt nicht, dass es mehr Frauen als Männer waren, die Hitler gewählt haben und in den ersten Kriegsjahren mehr Eroberungen forderten, natürlich von den Männern. Gewalt hat kein Geschlecht, kennt aber eines. Dass Männer Gewalt auszuhalten haben, ist ein konstituierendes Element des Patriarchats, denn das entstand einst als System zum Schutz von dauerschwangeren Frauen und deren Kindern durch Männer.

    Obwohl das Patriarchat heute obsolet ist, weil Schutz vom Staat garantiert wird, Frauen nicht mehr dauerschwanger und hilflos sind und der Mann gerne vor allem als Begrenzer von Freiheit wahrgenommen wird, haben wir uns nicht von den Reflexen gelöst, die Strubel zu ihrer falschen, sexistischen Aussage führen. Im Gegenteil, eine neue Blindheit gegenüber der allgegenwärtigen Gewalt gegen Männer bei seismografischer Aufmerksamkeit für Benachteiligungen von Frauen legen nahe, dass wir in einem Patriarchat 2.0 leben. Während es bei dem aus der Zeit gefallenen Kompliment eines beleidigten Politikers eine kollektive Hysterie gibt, gehen Zeitungsmeldungen noch immer ganz selbstverständlich so: „Bei einem Bombenanschlag im Süden Afghanistans sind mindestens zehn Zivilisten getötet worden, darunter vier Frauen und drei Kinder.“ Der Tod der Männer wiegt nicht gleich, und diese Ungleichheit bildet die leichtfertige Gewaltbereitschaft gegen das Männliche ab, die als Sexismus-Indikator allerersten Ranges taugt.
    Eine lange Liste

    Auf allen Ebenen unseres sozialen Lebens kann man sehen, wie das Patriarchat zur Benachteiligung des Mannes funktioniert: Zwar bekommen Frauen acht Prozent weniger Lohn für dieselbe Arbeit, Männer leisten aber mehr unbezahlte Überstunden. Sie bekommen nur Bruchteile der finanziellen Aufwendungen im Gesundheitswesen, zum Beispiel in der Krebsvorsorge – und das, obwohl sie mehr Krebs haben als Frauen und häufiger daran sterben. Gesetzesinitiativen zur Verbesserung der Lage scheiterten, die Angleichung der Beiträge in der privaten Kranken- und Lebensversicherung waren dagegen erfolgreich. Männer werden vor Gericht für dieselben Delikte härter bestraft als Frauen, vom Diebstahl bis zum Kindsmord. Männer werden vom Jobcenter deutlich früher wegen Erschleichung von Leistungen angegangen als Frauen. Jungen bekommen für dieselben Leistungen in der Schule schlechtere Noten als Mädchen, denen man schon den Willen zur Leistung honoriert. Neun von zehn tödlichen Arbeitsunfällen treffen einen Mann. Obdachlosigkeit ist ein Männerproblem, weil Frauen leichter einen Unterschlupf finden, wenn sie pleite und ungewaschen sind. Die Liste ist sehr lang.

    Aber wieso weiterreden, wenn in keiner Sexismusdebatte darüber gesprochen wird, dass sich acht bis zwölf mal mehr Jungen als Mädchen in der Pubertät selbst töten? Ich habe erlebt, wie Frauen die hohe Zahl erfolgloser Selbstmordversuche von Mädchen als Beleg für deren Benachteiligung angeführt haben oder behaupteten, Obdachlosigkeit sei für einen Mann weniger problematisch als für eine Frau.
    Lebenserwartung

    Es gibt eine ganz einfache Kenngröße, an der wir Patriarchat, und wie es zuerst und vor allem dem Mann schadet, messen können: die Lebenserwartung. Der Gender Inequality Index der Vereinten Nationen befindet, dass Gleichstellung zwischen den Geschlechtern schon dann herrsche, wenn die Differenz der Lebenserwartungen fünf Jahre beträgt (wovon wir in Deutschland derzeit nicht weit entfernt sind). Was ja nichts anderes heißt, als dass es die UN für gerecht hält, wenn Männer fünf Jahre vor den Frauen zu sterben haben. Wissenschaftlich gesichert ist nur, dass die Differenz in Klöstern oder im Kibbuz sehr gering ist. Um 1920 betrug sie in den Vereinigten Staaten ein Jahr, in Deutschland lag sie bis Ende des Zweiten Weltkrieges bei drei Jahren. Danach stieg sie, obwohl keine Kriege mehr zu führen waren, auf sieben Jahre. Die Lebenserwartung ist eine erstklassige sozioökonomische Variable, denn reiche Menschen lebten schon immer länger, weil besser als arme.

    Eine Forschergruppe um Debbi Stanistreet vom Institut für Psychologie, Gesundheit und Gesellschaft an der Universität Liverpool fragte 2005 denn auch, ob das Patriarchat die Ursache für die höhere Sterblichkeit von Männern ist. Stanistreet ging dabei sehr robust vor: Sie sah sich 51 Länder an und nahm als Maß für Patriarchalität die Rate von Tötungsdelikten an Frauen. Dann stellte sie fest, dass diese engstens mit den Sterberaten von Männern korrelierten: Je früher die Männer starben, desto gefährdeter waren die Frauen. Männer starben jedoch in allen Ländern früher als Frauen.

    Indem ihm von der Gemeinschaft nicht derselbe Schutz zugestanden wird, schadet das Patriarchat dem Mann immer zuerst und mehr als den Frauen, es schadet ihm auch mehr als es ihm nützt. Gegen die hohe, sozial bedingte Männersterblichkeit empfahl Stanistreet globale sozialpolitische Maßnahmen.
    Neuer Sexismus

    Sie würden einem dringend benötigten Ende des Patriarchats zuarbeiten. Im Lärm um Frauenquoten und unangemessene Dirndlkomplimente ist es aber so gut wie unmöglich, auf die fundamentalen Kennwerte zu sprechen zu kommen. Statt mehr Freiheit und Eigenverantwortung wird für Frauen mehr Schutz gefordert. Man will Unternehmen im Dax vorschreiben, wer einzustellen ist, obwohl die Neubesetzung von leitenden Positionen der deutschen Wirtschaft bereits zu 48 Prozent an Frauen geht: Noch immer sind wir in das Bild der Frau als Opfer verliebt, mehr als früher, obwohl die größeren Opfer der Mann trägt. Männer werden nicht etwa aus ihrer sozialen Rolle entlassen. Lieber wirft man ihnen Neue Weinerlichkeit vor, sobald sie sich zu ändern beginnen. Impotenz, hört man, breite sich aus, obwohl Warren Farrell schon vor zwanzig Jahren feststellte, dass sie meist mit simpler Unlust verwechselt wird. Vor allem droht der Neue Mann aber, seine Arbeitskraft nicht mehr uneingeschränkt für andere zur Verfügung zu stellen. Deshalb wird er so heftig bekämpft.

    Es gibt einen Effekt zweiter Ordnung: Die fast schon totale Einigkeit der Medien und der Unterhaltungsindustrie, der Politik und der Rechtsprechung im Urteil über das männliche Geschlecht lässt nicht nur die Männer in Untätigkeit erstarren. Jungen müssen heute mit einem negativen Männerbild aufwachsen, das sie später verkörpern werden, weil sie kein anderes kennen. Hollstein macht genau das fürs Anwachsen der Gewalt unter Jungen verantwortlich. Dass die Erziehungsberufe von Frauen dominiert sind, wirft die Jungen noch weiter zurück. Männer werden nicht mehr als Vertrauenspersonen erlebt. So erzeugt unser sexistisches Gerede neuen Sexismus.
    Gegenmaßnahmen

    Dabei war es der Mann, der so oft mit den mörderischsten Selbstversuchen die moderne Wissenschaft vorangebracht, die Sterblichkeit gesenkt und Diktatoren besiegt hat. Frauen legt er große Kunst zu Füßen, wie Antje Rávic Strubel kritisiert, und während die Frau die Klos putzt, reinigt er die Kanäle und ist, mit einem Wort von Paul Nizon, der Unberührbare. In der Familie ist er ein besserer Hausmeister, verstopfte Abflussrohre sind genauso sein Metier wie die soziale Drecksarbeit beim Vermieter, den Handwerkern und der Bank. Wir debattieren über Adoptionsrechte für Homosexuelle, aber nicht über ein automatisches Sorgerecht des Vaters. Ein Mitspracherecht des Vaters bei Abtreibungen: Wer das fordert, muss irre sein. Der Vater ist der ausgeschlossene Dritte, und hier schließt sich der Kreis: Gesundheit entsteht in der Familie, wie jede Statistik zeigt. Das Ankommen des Mannes in der inneren Familie ist, da hat der Androloge und Professor für Sozialpädagogik an der TU Dresden Lothar Böhnisch recht, die wichtigste Aufgabe auf dem Weg in eine nicht sexistische Gesellschaft.

    Mag die Daxquote kommen, die das Patriarchat 2.0 festigt, weil dann alle Frauen Quotenfrauen von Mannes Gnaden sein werden. Wir benötigen in jedem Fall Gegenmaßnahmen, die sich nicht nur auf die Forderung nach gleicher Lebenserwartung für alle in den Vereinten Nationen lebenden Menschen beschränken, sondern auch:

    1. eine Quote bei den Ausgaben der Krankenkassen: Binnen zehn Jahren sollen maximal vierzig Prozent eines Jahresbudgets an ein Geschlecht allein gehen;

    2. gleichberechtigte Elternschaft: Binnen zehn Jahren Sorgerecht für jeden leiblichen Vater, eine Mitwirkungspflicht der Mutter bei der Feststellung einer Vaterschaft;

    3. eine Quote in den Erziehungsberufen: Binnen zehn Jahren muss die Verdrängung von Männern gestoppt und umgekehrt werden. Vierzig Prozent männliche Erzieher und Lehrer!

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